Ihre Arbeiten sind frech und unbescheiden, laut, bunt, respektlos, mitunter sind sie auch aggressiv und ein wenig bedrohlich, vor allem aber: Sie richten sich gegen Konventionen und Traditionen und gegen bestehende Hierarchien. Die Künstlerin hat sich selbst nie als feministische Aktivistin bezeichnet, doch ihr Werk, ihre Aktionen und großen Skulpturen, ihre Theaterstücke, Bühnenbilder, Filme und Grafikserien … vieles deutet in diese Richtung.
Mit ihren Schießbildern („Tirs“) ab den frühen 1960er Jahren, bei denen aus beschossenen Farbbeuteln unkontrolliert Farbe auf dem weißen Bildgrund und an den eingegipsten Objekten herablief, erregte sie sogleich Aufmerksamkeit. Trotzdem wurde Niki de Saint Phalle als Künstlerin von der Kritik erst einmal nicht ernst genommen. Sie war zwar Teil eines größeren künstlerischen Netzwerkes, arbeitete in Paris und New York mit vielen Kollegen zusammen. Aber warum signierte Robert Rauschenberg 1961 das gemeinsame Werk, mit dem die Düsseldorfer Ausstellung einsetzt, allein? Ja, auch dagegen wehrte sie sich.
Mit den bunten runden Nanas widersprach sie dem Schönheitsideal
Mit den bunten runden Nanas, mit denen die französisch-schweizerische Künstlerin, Autodidaktin, Malerin und Bildhauerin Niki de Saint Phalle (1930–2002) 1965 nun unübersehbar auf die Kunstbühne trat, widersprach sie freimütig und keinesfalls kleinlaut dem klassischen Schönheitsideal und dem damals herrschenden Frauenbild. Parallel zu dem prallen wilden Weibervolk manifestierte sich in der Nana-Serie der „Verschlingenden Mütter“ das schwierige Verhältnis zur eigenen Mutter und zeigte an, dass auch die Welt der Kinder und der freundlichen Nanas eine Kehrseite haben kann. Wie halt alles.
Sie schrieb in schönster Schreibschrift auf ihre Bilder und Grafiken. Mit fast kindlicher Sorgfalt skizzierte sie ihre Einfälle, die realen und ausgedachten Szenerien, Traumsequenzen und Fantasien, mit Herzchen und Blumen, fliegenden Gliedmaßen, Vögeln, Fantasietieren, Brüsten und Genitalien, bunt und fröhlich und surreal oder etwas grausam und mittendrin Drachen, Totenköpfe, Skelette, Teufelsgesichter und eine angeleinte schwarze Spinne auf dem Sonntagsspaziergang. Selbst ein Kind an der Hand kann eine ambivalente Botschaft senden. Sie verzierte die großen und kleinen Gestalten und auch die Bildrahmen mit Schneckenmustern, Schnörkeln und Schlangenlinien, entwarf die Karten für ein Tarotspiel und einen riesigen begehbaren Tarot-Garten in der Toskana mit bunten und spiegelnden Mosaiken, plante und realisierte weitere fantastische Orte.
1994 hatte sie dann in ihrer Autobiografie „Mon Secret“ (Mein Geheimnis) den Missbrauch durch den Vater öffentlich gemacht. Seither wurden ihre Schießbilder und objekthaften Assemblagen der frühen 1960er Jahre gerne auf ihre therapeutische Funktion reduziert. Und es stimmt ja, sie waren eine Art Befreiung: „1961 schoss ich auf Papa, alle Männer, bedeutende Männer, dicke Männer, Männer, meinen Bruder, die Gesellschaft, die Kirche, den Konvent, die Schule, meine Familie, meine Mutter …“

Niki de Saint Phalles „Temperance, model for the Tarot Garden“ (1985) im Museum Kunstpalast
Copyright: Niki Charitable Art Foundation/VG Bild-Kunst, Bonn
Für die junge Niki gab es anscheinend keine Alternative. Die Kunst half dabei, ihre Wut und ihr Trauma zu bearbeiten. Aber darüber hinaus waren die Schießbilder – als ironische Bezüge auf die gestisch-abstrakte Malerei und als Angriff auf die singuläre Autorschaft – eben auch Zeugnis eines unerschrockenen Engagements für eine neue Kunst und Ausdruck ihrer künstlerischen Hingabe; Zerstörung und Neubeginn stehen für Emanzipation und Empowerment.
Jetzt widmet sich der Kunstpalast mit der herrlichen Ausstellung „Niki de Saint Phalle. Dream Machine“ mit mehr als 100 Werken dem Schaffen dieser außergewöhnlichen Künstlerin, die das Weibliche feierte und dafür kämpfte, sich in einer männerdominierten Welt als Künstlerin zu behaupten. Sie enttäuschte Erwartungen, stellte Strukturen und Hierarchien infrage, formulierte neue Hoffnungen, sprengte Grenzen und nicht zuletzt befreite sie mit ihrer Kunst den weiblichen Körper. Fortan sollte die männliche Perspektive nicht mehr die einzig gültige sein.
Das unterstreichen in der Schau auch die Werke von Künstlerkolleginnen: Yayoi Kusamas „Utensils“ (Küchenutensilien, 1967) und „Shoe“ (Schuh, 1966), Dorothy Iannones Tarotkarten (1968/69) oder auch Ewa Kuryluks poetisch-verschrobene Zeichnungen und Alina Szapocznikows Brustabgüsse („Piersi“, 1966). Auch die Düsseldorfer Professorin Luise Kimme (1939–2013) ist mit zwei pop-artigen Werken präsent. Keine Frage, die Zeit war reif.
Niki de Saint Phalle freute sich, dass ihre Kunst die Gemüter bewegte
Die Nana-Figuren, Saint Phalles wohl bekannteste Werke, stehen inzwischen in zahllosen Städten. 1968 etwa zeigte der Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen in Düsseldorf in seiner ersten deutschen Einzelausstellung unter anderem Saint-Phalles betretbares „Nana Dreamhouse“, das ein großer Publikumsmagnet war. Einige der damals gezeigten Werke können nun im Kunstpalast wiederentdeckt werden: eine zweite Version des Nana-Hauses, der wunderbare Vogel „Crazy Bird“ (um 1966/67), der in Schwarz-Weiß ein wenig selbst aussieht wie eine Zeichnung oder eine feine Klöppelarbeit (und dem Leopold-Hoesch-Museum Düren gehört), die rote „Nana Boule rouge: Anne“ (1969), das liebe Tier „Bete gentille (L’Unicorn)“ (1966/67) und die Nana-Ballons.
Zwei Jahre zuvor in Stockholm hatte sie schon einmal den weiblichen Körper als Gebäude inszeniert. Bei ihrer Installation „HON – en katedral“ (SIE – eine Kathedrale), 1966 für das Moderna Museet Stockholm entstanden, konnten die Besucher durch die Vagina in einen riesengroßen Frauenkörper eintreten und es sich dort bequem machen. In Kassel wurde zwei Jahre später zur documenta 4 ein ähnlicher Entwurf vor dem Staatstheater installiert.
Es kümmerte Niki de Saint Phalle nie so arg, dass die lautesten Proteste gegen die Aufstellung der Nanas und anderer ihrer Figuren im Stadtraum gerade von Männerseite kamen. Vielleicht hatte sie das erwartet, denn sie verstand ihre Nanas als Trägerinnen einer sozialen Botschaft. Ihre umwerfende Weiblichkeit, laut, bunt und rund, wie sie waren, erschreckte die Herren. Gut so.
Sogar noch in den 1990er Jahren, als der Livesaver-Brunnen an prominenter Stelle in der Duisburger Innenstadt geplant wurde, gab es lauten Widerstand gegen das „bunt lackierte Riesenhuhn“. Niki de Saint Phalle jedoch freute sich, dass ihre Kunst immer noch die Gemüter bewegte und für Aufsehen sorgte.
„Niki de Saint Phalle. Dream Machine“, Kunstpalast, Düsseldorf, Di–So 11–18, Do 11–21, bis 7. Februar 2027


