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Oscar-Gewinner Joaquin Phoenix„Ich war ein Schurke und ein Egoist in meinem Leben”

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Schauspieler Joaquin Phoenix bei der Oscar-Verleihung 2019

Die Regie schien nicht begriffen zu haben. Im Dolby-Theater von Los Angeles türmten sich nach der sensationellen letzten Entscheidung der 92. Oscar-Nacht gerade die Schockwellen; sowohl auf der Bühne, wo gut 20 Asiaten wuselten, als auch im Saal herrschte zügellose, närrische Freude – und was machte die TV-Regie? Drehte den Sensationssiegern den Saft ab.

Da standen also die Südkoreaner aus „Parasite“ plötzlich im Dunkeln, als hätte es die vorherigen Sympathiebekundungen der Hollywoodelite nicht gegeben; als hätte der Film nicht gerade Geschichte geschrieben; als wäre dies eine gemeine Variante ihres Films, einer scharfen Sozialsatire über die Rache einer unterprivilegierten Familie; oder aber im schlechtesten Fall die Tat eines Rassisten, der genug jubelnde Asiaten für einen Abend gesehen hatte und sich wehmütig an weiße Oscarfeste um die Jahrtausendwende erinnerte, als Großproduktionen wie „Titanic“ oder „Der Herr der Ringe 3“ ein riesiges Publikum an die TV-Schirme lockten.

Weltstars im Stakkato

Und jetzt? Drei Jahre nach „Moonlight“ hatte in „Parasite“ ein noch kleinerer Film triumphiert, in dem obendrein nur dann Englisch gesprochen wird, wenn der vermeintlich versierte junge Nachhilfelehrer so tut, als könnte er der Tochter aus reichem Haus etwas beibringen.

Die Lichter gingen erst wieder an, als Weltstars wie Tom Hanks und Charlize Theron fußtrampelnd ein „Up! Up!“-Stakkato intonierten und die Kamera nah an die Gewinner fuhr, um zuzuhören, was es noch über den Film des Jahres zu sagen gab. Sein Regisseur Bong Joon-ho stand diesmal weitab vom Mikrofon, er hatte vorher schon drei Statuetten in Empfang genommen und verlegen erzählt, wie er einst US-Filme studiert hatte, bevor er zu einem der großen Regiestars seines aufstrebenden Kinolandes wurde, mit Zuschauerzahlen zwischen zehn und 13 Millionen Menschen allein in seinem Land, in dem das Kino so beliebt ist, dass dort jährlich mehr als doppelt so viele Besucher in die Säle strömen als im deutlich größeren Deutschland.

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Bong war an diesem Abend zunächst für sein Drehbuch geehrt worden (schon das eine Rarität bei den Oscars), und als „Parasite“ als internationaler Film des Jahres gewürdigt wurde, war er mit der Welt schon im Reinen: „I’m ready to drink tonight“, kündigte er entspannt an. Doch keine halbe Stunde später musste er wieder mit der Übersetzerin auf die Bühne: „Ich war doch schon bereit zu entspannen“, sagte er fast erschrocken, „jetzt werde ich bis zum Morgen trinken.“ Er schien wirklich nicht zu erwarten, dass sein Werk auch den wichtigsten Preis abstauben könnte, als erste nicht-englischsprachige Produktion überhaupt.

Eher schwache Qualität

Die „Parasite“-Sensation stellte an diesem Abend alles in den Schatten. Wahrscheinlich war das für die meisten Beteiligten besser so. Die Spannung hielt sich doch sehr in Grenzen, die Qualität der Show noch mehr. Die vier Schauspieler-Kategorien waren seit über einem Monat zementiert, an Joaquin Phoenix („Joker“), Renée Zellweger („Judy“), Laura Dern („Marriage Story“) und Brad Pitt („Once Upon a Time… in Hollywood“) führte kein Weg vorbei, ebenso wenig wie an Kameramann Roger Deakins („1917“), der Komponistin Hildur Gudnadottir („Joker“), dem wagemutigen Drehbuch-Autor Taika Waititi („Jojo Rabbit“) oder an Elton John, der für seinen Song „I’m Gonna Love Me Again“ sowie 53 Jahre an der Seite seines Texters Bernie Taupin belohnt wurde. Johns Auftritt und Siegesrede waren blasser als seine textmarkerfarbenen Schuhe.

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Sängerin Billie Eilish

An den Standard, den der coole Brad Pitt früh gesetzt hatte, kam er bei weitem nicht heran. Gut drei Stunden nach Pitt folgte die Dankesrede von Joaquin Phoenix, jahrelang ein unberechenbarer Faktor. Er beklagte den Raubbau des Menschen an Tierwelt und Natur sowie den Irrglauben, dass „eine Nation, eine Rasse, ein Geschlecht sich das Recht herausnehmen darf, andere zu kontrollieren oder auszunutzen“, bezichtigte sich als „Schurke und Egoist, der manchmal grausam war und schwierig in der Zusammenarbeit“. Es war eine gewaltige, gewagte, ausufernde Rede, die aus dem Becken der eintönigen Dankesreden herausfiel.

Absurde Wendungen

Die Entscheidung der Academy, zum zweiten Mal hintereinander ohne Moderator auszukommen, mutete immer dann verfehlt an, wenn Entertainer wie Kristen Wiig und Maya Rudolph oder Julia Louis-Dreyfus und Will Ferrell den richtigen komödiantischen Ton trafen. Die Leerstelle in der Mitte des Abends führte außerdem zu der absurden Wendung, dass Ansager mitunter Ansager ansagten, die einen Song oder eine Montage ansagten.

Einmal mündete das in einen Auftritt von Eminem, der mit 17 Jahren Verspätung seinen Oscar-Song „Lose Yourself“ rappte. Es sagt einiges über den Abend, dass dieser Auftritt stimmungsmäßig der Höhepunkt der ersten 150 Minuten war – obwohl der Sänger wie eine jüngere Ausgabe des in Ungnade gefallenen Kevin Spacey aussah. Aber dann schlug die Stunde des geliebten Parasiten, und alles andere wurde nebensächlich.