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Oscars 2023
Die größten Oscar-Fehlentscheidungen der Filmgeschichte

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Lesezeit 6 Minuten
Der Film „Brokeback Mountain“ erzählt den Verlauf einer homosexuellen Liebesbeziehung zweier Cowboys während eines Zeitraums von etwa 20 Jahren, basierend auf der erstmals 1997 veröffentlichten Kurzgeschichte der Schriftstellerin Annie Proulx.

Der Film „Brokeback Mountain“ erzählt den Verlauf einer homosexuellen Liebesbeziehung zweier Cowboys während eines Zeitraums von etwa 20 Jahren, basierend auf der erstmals 1997 veröffentlichten Kurzgeschichte der Schriftstellerin Annie Proulx.

Die Oscars waren schon immer für Überraschungen gut. Manchmal lagen die Preise auch ziemlich daneben. Wir haben eine Auswahl von Gewinnern, bei denen die Jury nicht die richtige Entscheidung getroffen hat.

Die Oscars sind ein wichtiger Maßstab für die Filmindustrie, aber sie sind nicht immer ein perfekter Maßstab für die Qualität eines Films oder einer schauspielerischen Leistung. Im Laufe der Jahre gab es immer wieder Kontroversen darüber, ob die richtigen Gewinner ausgewählt wurden. Manchmal wurden Filme oder Schauspieler übergangen, die es verdient hätten. Wir haben eine Auswahl getroffen.

Oscars 2005: Bester Film „L.A. Crash“ von Paul Haggis und Cathy Schulman

Als das Rassismus-Drama „L.A. Crash“ mit dem Oscar für den besten Film ausgezeichnet wurde, mischte sich in den Jubel des Publikums Entsetzen und Ungläubigkeit. Zwar hatte der Film einige gute Kritiken erhalten, doch vielen galt er als zu melodramatisch und klischeehaft, um wirklich für einen großen Preis infrage zu kommen. Mit den Preisen für das beste Originaldrehbuch und den besten Schnitt schien der Film bereits gut bedient. Niemand rechnete mit einem Sieg. Nicht einmal Jack Nicholson, der den Sieg mit einem ungläubigen „Wow“ verkündete. Als Favorit galt das bewegende wie mutige Liebesdrama „Brokeback Mountain“, von dem viele Filmkritiker bis heute meinen, dass es der würdigere Sieger gewesen wäre. 


Oscars 2004: Beste Nebendarstellerin – Renée Zellweger für „Unterwegs nach Cold Mountain“

Die Auszeichnung von Renée Zellweger für ihr eindimensionales Porträt einer ebenso resoluten wie exzentrischen Farmerin im epischen Kriegsdrama „Unterwegs nach Cold Mountain“ war für viele Filmfans ein Schock. Seither wurde ihre schauspielerische Leistung oft parodiert oder als überdramatisches „Overacting“ mit schlechtem Akzent in Negativlisten aufgenommen. Zudem lieferten Patricia Clarkson in „Pieces of April“ oder Shohreh Aghdashloo in „Haus aus Sand und Nebel“ in jenem Jahr zwei besonders beeindruckende Leistungen ab und wären sicherlich würdigere Siegerinnen gewesen. Zellwegger war in romantischen Komödien wie „Bridget Jones“, für die sie ebenfalls nominiert war, deutlich besser aufgehoben.

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Oscars 2001: Beste Hauptdarstellerin – Julia Roberts für „Erin Brokovich“

Julia Roberts hat in „Erin Brokovich“ zweifellos eine sehr unterhaltsame und starke Leistung abgeliefert, aber wenn man die atemberaubende Ellen Burstyn in dem verstörenden Psycho-Schocker „Requiem for a Dream“ gesehen hat, kann man die Entscheidung der Oscar-Jury nur stark anzweifeln. Es war eine der besten schauspielerischen Leistungen des Jahrzehnts, aber der Film fand nur ein kleines Publikum. Dagegen war „Erin Brokovich“ ein echter Blockbuster gewesen. Vielleicht hat das den Blick der Entscheidungsträger etwas getrübt.


Oscars 1999: „Shakespeare in Love“ – u. a. als Gwyneth Paltrow als Beste Hauptdarstellerin, Judi Dench als Beste Nebenrolle und Bester Film

Die Oscar-Jury überschüttete 1999 ausgerechnet die leichte wie seichte Liebeskomödie „Shakespeare in Love“ mit einem wahren Oscar-Regen und traf gleich mehrere Fehlentscheidungen. Als bester Film hätten alle vier Konkurrenten die Trophäe mehr verdient. Die großartigen Weltkriegsfilme „Der schmale Grat“, „Der Soldat James Ryan“ oder „Das Leben ist schön“ ebenso wie das Historiendrama „Elizabeth“ über Königin Elisabeth I. mit einer fantastischen Cate Blanchett, die auch als Hauptdarstellerin eine würdigere Siegerin abgegeben hätte als die bis heute nicht wieder nominierte Gwyneth Paltrow. Ironie des Schicksals: Ausgerechnet Judi Dench erhielt für ihre Verkörperung von Elisabeth I. den Oscar als beste Nebendarstellerin, obwohl sie nur wenige Minuten im Film zu sehen war. Dench ist zweifellos eine fantastische Schauspielerin, aber in „Shakespeare in Love“ hat sie nicht viel mehr zu tun, als in einer riesigen Garderobe durch die Menge zu laufen.


Oscars 1993: Bester Hauptdarsteller –  Al Pacino in „Der Duft der Frauen“

Al Pacino ist grandios, aber der Schauspieler hatte von „Der Pate“ über „Serpico“ bis hin zu „Hundstage“ oder „Scarface“ so viele hervorragende schauspielerische Leistungen abgeliefert, dass seine Auszeichnung für „Der Duft der Frauen“ eher wie ein Trostpreis wirkte. Nachdem die Jury ihn über die Jahre sechsmal übergangen hatte, war er einfach an der Reihe. Das hatte bei den Oscars schon fast Tradition. In diesem Oscar-Jahr hätte der Preis eher an Denzel Washington für sein brillantes Porträt von „Malcolm X“ gehen müssen, vielleicht sogar an Clint Eastwood für „Erbarmungslos“, der nie einen Oscar für sein unterbewertetes Schauspiel bekommen hat.


Oscars 1988: Beste Hauptdarstellerin – Cher in „Mondsüchtig“

Cher hatte zweifellos eine bemerkenswerte Filmkarriere in den 80er Jahren und letztlich ein Comeback, das kaum jemand auf der Rechnung hatte. Eine Nominierung für ihre Leistung in „Mondsüchtig“ war mehr als verdient. Doch im selben Jahr war auch Glenn Close für ihre unglaublich intensive Darstellung einer obsessiven Frau in „Eine verhängnisvolle Affäre“ nominiert und Kritiker wie Fans waren sich sicher, dass die Schauspielerin für ihre psychologisch differenzierte Darstellung den Oscar bereits sicher hatte. Doch Close ging leer aus – bis heute.


Oscars 1986: „Die Farbe Lila“ geht komplett leer aus

Steven Spielbergs tief bewegendes Drama über das Leben eines schwarzen Mädchens und die harten Zeiten im Süden, das sich über vierzig Jahre erstreckt, ging als großer Favorit ins Oscar-Rennen. Dann der Schock am Ende des Abends: Trotz 11 Nominierungen konnte das gefühlvolle Meisterwerk keinen Preis gewinnen und führt damit die unrühmliche Liste der meisten Nominierungen/keine Auszeichnungen zusammen mit „Am Wendepunkt“ an, dem 1978 das gleiche Schicksal widerfahren war. Insbesondere die mutige Regie von Steven Spielberg, der zuvor eher für Actionkino von „Der weiße Hai“ bis „Indiana Jones“ bekannt war, hätte eine Auszeichnung mehr als verdient gehabt. Ganz zu schweigen von Whoopi Goldberg in der Hauptrolle.


Oscars 1974: Bester Hauptdarsteller – Art Carney in „Harry und Tonto“

Das Oscar-Jahr 1974 war fast perfekt, denn mit den sechs überwältigenden Auszeichnungen für „Der Pate - Teil II“ und weiteren würdigen Gewinnern von Ingrid Bergman bis zu den verdienten, eher technischen Auszeichnungen für das Katastrophendrama „Flammendes Inferno“ hatte die Jury wirklich alles richtig gemacht. Warum allerdings der Filmkomiker Art Carney als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet wurde, bleibt ein gut gehütetes Geheimnis der Oscars. Sicher, Carneys Spiel zeichnete sich durch eine ruhige Philosophie und sanften Humor aus, aber die Konkurrenz durch Jack Nicholson („Chinatown“) und Al Pacino („Der Pate 2“), die zwei der unvergesslichsten Darstellungen des Jahrzehnts ablieferten, war eigentlich übermächtig.


Oscars 1963: Beste Hauptdarstellerin – Anne Bancroft in „Licht im Dunkel“

Die Hintergründe dieses Oscar-Gewinns wurden sogar in einer Folge der sehenswerten Serie „Feud“ aufgearbeitet. Die Serie beschäftigt sich mit einer der größten Feden Hollywoods. Bis heute hält sich in der Filmmetropole die Geschichte, dass die Filmlegenden Bette Davis und Joab Crawford Erzfeinde waren. Nur einmal waren sie gemeinsam auf der Leinwand zu sehen. In „Was geschah wirklich mit Baby Jane?“ machten sie sich als alternde Schwestern das Leben zur Hölle. Davis galt für ihr beeindruckendes Porträt der psychisch schwer gestörten Baby Jane als Favoritin – Crawford als leidendes Opfer wurde nicht nominiert. Crawford soll darüber so erbost gewesen sein, dass sie hinter den Kulissen eine Kampagne startete, um Davis' Sieg zu verhindern. Am Ende gewann tatsächlich Anne Bancroft. Eine wunderbare Schauspielerin, keine Frage, und brillant in „Licht im Dunkeln“, aber bis heute halten viele Oscar-Fans Davis für die würdigere Siegerin.


Oscars 1957: Bester Film – „In 80 Tagen um die Welt“

Können Sie sich vorstellen, dass ein großer Heißluftballon gegen Moses, den König von Siam und James Dean gewinnt? So geschehen im Jahr 1957, als „In 80 Tagen um die Welt“ als bester Film ausgezeichnet wurde. Sicherlich auch ein Klassiker, aber kaum zu glauben, dass sich die etwas angestaubte Weltreise gegen Meisterwerke wie „Giganten“, „Der König und ich“ oder „Die Zehn Gebote“ durchsetzen konnte. Es muss wohl an der gigantischen Ausstattung, den über 40 Cameos (von Frank Sinatra bis Marlene Dietrich) und der mitreißenden Musik von Victor Young (verdienter Oscar!) gelegen haben. Sogar das Bürgerkriegsdrama „Verlockende Versuchung“ scheint eher als bester Film infrage zu kommen.


Oscars 1942: „Citizen Kane“ gewinnt nur einen Oscar 

Kaum zu glauben, dass Orson Welles' Meisterwerk „Citizen Kane“, das seit Jahrzehnten auf der Liste der besten Filme aller Zeiten steht, nur einen einzigen Oscar (für das Drehbuch) gewonnen hat. Bester Film wurde damals das fast vergessene Drama „Schlagende Wetter“ von John Ford, der auch den Regiepreis mit nach Hause nehmen durfte. „Citizen Kane“ ging trotz neun Nominierungen mit nur einer Auszeichnung nach Hause.