Die berühmte belgische Ballettkompanie Peeping Tom gastierte mit ihrer neuen Produktion „Chroniques“ im Depot 1. Ein nihilistisches Vergnügen.
Peeping Tom im Kölner DepotWo nackte Neandertaler gegen Astronauten kämpfen

Szene aus „Chroniques“ von Peeping Tom
Copyright: Camille Leprince
Die Evolution ist ebenso sehr eine Geschichte der Kreativität wie auch der Gewalt, und wann immer ein Mensch, konkreter: ein Mann, Macht durch eine Waffe bekommt, wird er sie benutzen, ja missbrauchen.
So offenbar die ziemlich gallige Perspektive der „Chroniques“ von Gabriela Carrizo, in denen sich die Spezies Mensch mit grotesker Begeisterung mordet: Schon der Steinzeitmann greift drohend zum Felsbrocken. Später wird mit Pistolen hirnlos herum geschossen. Und in einer der vielen brutal-komischen Szenen entdeckt ein Mann, dass er offenbar die Superpower eines Darth Vader hat und andere durch Telekinese durch den Raum schleudern kann. Was dem Tolpatsch erst versehentlich unterläuft, setzt er bald schon mit monströsem Größenwahn gegen seine Artgenossen ein.
Es ist ein finsterer Trip durch Raum und Zeit, den die Kompanie Peeping Tom beim Gastspiel im Kölner Depot inszeniert. Apokalyptisch, abstrus-lustig wie ein Monty-Python-Sketch und noch als anarchischer als in der Vergangenheit schon, als noch der Franzose Franck Chartier als künstlerischer Ko-Leiter beteiligt war. Diesmal ist die argentinische Choreografin Gabriela Carrizo alleine verantwortlich für die Produktion und dramaturgisch schlägt sie quasi so wild um sich wie ihre fünf männlichen Performer in den Tanzszenen.
Ein finsterer Trip durch Raum und Zeit
Fühlt man sich anfangs in einem Bühnenbild aus grauen Felsbrocken in eine karge Steinzeit versetzt, landet man nach einem Erdbeben unversehens in der Bronze-Zeit – skurrile Metallhüte und Werkzeugbearbeitung deuten das an. Und in die tapst wie beim berühmten Filmschnitt in Stanley Kubricks „2001“ – vom hochgeschleuderten Knochen zum Weltraum-Satelliten – ein Astronaut.
Ab dann ist Carrizos vermeintliche Menschheits-Chronik nur noch eigenwilliges Fantasma: ein Wurmloch, in dem Zeiten, Kulturen, Kontinente, Fiktionen verwirbelt werden. Ritter in Kettenhemden kollidieren mit neandertal-nackten Hünen. Ein freskenmalender Michelangelo taumelt schon bei den Genesis-Wolken vom Gestell, und irgendwann kriecht auch unsere Zivilisation in Gestalt von skelettierten Staubsaugern und Scheibenwischern wie magisch belebte Maschinen-Relikte über den Bühnenboden.
Vor allem aber entgleiten den Menschen immerzu die eigenen Körper: Mit Alien-Hand-Syndrom sausen einem Tänzer die Gliedmaße durch die Luft, er kann sich ihr nur unterwerfen. Ein anderer verknotet als gummi-flexibler Kontorsionist die Beine bis jede anatomische Logik sich auflöst wie alle anderen Relationen auch in Carrizos Kosmos. So verblüffen wie immer bei Peeping Tom die Tänzer-Körper als freakige Wunderwerkzeuge. Horror kippt in Slapstick.
Ein Grauen zum Totlachen und einfach spektakulär anzusehen, auch wenn die Kompanie diesmal mit nihilistischem Trotz jede Hoffnung auf eine sinnhafte Geschichte zerstört. Aber so ist es wohl mit unserer Welt: Sie ist eben nur ein Kind des Chaos'.
Nächste Vorstellungen bei Tanz Köln: „Dream Team“ von Gauthier Dance Juniors am 21./22.02.2026 im Staatenhaus

