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phil.CologneEva von Redecker beklagt die Verflixung der Welt

6 min

Eva von Redecker diskutierte mit Mark Terkessidis bei der phil.Cologne über die Frage "Wo fängt Faschismus an?"

Judith Schalansky begreift die Welt von ihren Rändern her. Eva von Redecker und Mark Terkessidis fragen, wie faschistisch wir schon sind. Der zweite Tag der lit.Cologne.

„Es beginnt nicht mit einem weißen Blatt, sondern mit einem weißen Block“: Von der Reling einer Fähre im Thrakischen Meer aus entdeckt Judith Schalansky einen gewaltigen Block aus massivem Marmor, fast 27 Tonnen schwer, wie die blassrote Schrift an seiner Seite verrät. Diese Begegnung der erhabenen Art zündet ein Assoziationsgewitter im Kopf der Autorin, führt sie vom Gewicht der menschlichen Seele bis zum Märchen von Schneewittchen. Und das nur auf den ersten Seiten ihres neuen Essaybandes „Marmor, Quecksilber, Nebel“, in dem sich die Herausgeberin der „Naturkunden“-Reihe von verschiedenen Aggregatzuständen der Materie auf geistige Abenteuerpfade locken lässt.

Auch im phil.Cologne-Gespräch mit dem Filmkritiker Wolfgang M. Schmitt schlägt Schalansky wilde Haken, von der Idee, Katzen zu züchten, die bei radioaktiver Strahlung warnend aufleuchten, über die Gemeinsamkeiten von Large Language Models wie ChatGPT mit dem Orakel von Delphi bis zur Identitätsverwirrung bei mexikanischen Wrestlern.

Was hat ChatGPT mit dem Orakel von Delphi gemein?

„Ich bin nicht besonders begabt im Geschichten ausdenken“, bekennt Schalansky im Filmforum NRW. Für sie sei das Fantastischste die Welt an sich, „die Realien, die uns überall begegnen“. Ihr Schreibhabitat, sagt die Autorin, ist Hans Scharouns Staatsbibliothek an der Potsdamer Straße – und auch dort ist weißer Carrara-Marmor verarbeitet. „Mir geht es vor allem darum, zu sagen, dass auch mein Schreiben aus etwas ist.“

Kunst braucht Materialien und Ressourcen, auch wenn es heißt, dass wir im Informationszeitalter leben, dass alles digital geworden sei. „Wenn wir aber an die Krisen der vergangenen Jahre denken“, sagt Schalansky, „dann reden wir die ganze Zeit nur über Material: Wo kommt Öl her? Was ist mit dem Sand? Wie werden die Chips weiterproduziert werden können?“ Was sie aus den Tiefen der Bibliothek hebe, stellt Wolfgang M. Schmitt fest, sei das Überraschende, die Dinge, die man selbst niemals mit dem vorgegebenen Thema assoziiert hätte. Das sei für sie das schönste Lob, freut sich Judith Schalansky, „weil ich fest davon überzeugt bin, dass es die Ränder des Wissens sind, die ins Zentrum führen“.

Judith Schalansky bei der phil.Cologne

Man müsse raus aus geschlossenen Räumen und hinein ins Leben. Gerade das Entlegene, Aussortierte erzähle den Kanon mit. Schon bei ihrem ersten Buch, dem „Atlas der abgelegenen Inseln“, hatte sie das Gefühl, dass solche Fußnoten des Festlandes viel von den Fantasien und Projektionen der Hauptländer erzählen.

Sie führe das Leben einer Privatgelehrten, sagt Schalansky, genieße die Freuden des wilden Wissens. Sagt’s und zitiert, was ihr die Philosophin Eva von Redecker neulich schrieb: „Die Uni ist eine Ruine, die Ruinen produziert.“ Eine Frau im Publikum lacht hell auf. „Eva, bist Du es?“ Sie ist es, die Zitierte ist anwesend, Schalansky errötet: „Dass Du das machst, ohne mir vorher Bescheid zu sagen!“ Von Redecker habe wohl gemeint, dass sich da etwas fortpflanzt, das sein eigenes Ableben ignoriert. Aber sie, sagt Schalansky, wolle doch eher sagen: „Ich liebe Ruinen. Ich glaube, dass Ruinen die Orte der Zukunft sind, und wir eigentlich Ruinen bauen müssten.“ Unfertiges, das dann gedanklich verfertigt werden kann.

Wo fängt Faschismus an?

„Denken macht Spaß“, ruft Eva von Redecker in den Klettenberger Brunosaal, als sie kurze Zeit später selbst auf dem Podium sitzt. Das Thema ist ernst, die Lage entsprechend. Zusammen mit dem Autor Mark Terkessidis („Gewalt am Denken: Wann beginnt Faschismus“) hat sich die Philosophin („Dieser Drang nach Härte“) in den vergangenen 90 Minuten über die Frage ausgetauscht, wo genau Faschismus anfängt. Beziehungsweise, ob er nicht längst angefangen hat.

Moderator Alexander Görlach hatte seine Gäste um ein Schlusswort gebeten, eine Anregung vielleicht, was jede und jeder im Saal tun könne, um diesen Anfängen zu wehren. „Denken“ ist da sicher nicht der schlechteste Hinweis. Und das geht nicht ohne Begriffssicherheit. Nun werde das Etikett „faschistisch“ heutzutage inflationär gebraucht, eröffnet Görlach die Diskussion. „Aber wenn auf einmal alles faschistisch ist, dann ist am Ende nichts mehr faschistisch.“

Wenn alles faschistisch ist, dann ist am Ende nichts mehr faschistisch

Ein Problem, auf das sowohl Terkessidis als auch von Redecker in ihren aktuellen Büchern eingehen. Sie glaube, sagt die Philosophin, dass die Rede in Analogien selbst an die Wand gefahren sei: Entweder alle beschimpfen sich gegenseitig als Faschisten. Oder es gebe eine große Übervorsicht, bei der man um Himmels willen keine Vergleiche anstellen wolle, die an die Erfahrung des deutschen Faschismus rühren: Man könne doch nicht Trumps Verbot bestimmter Unterrichtsinhalte mit der Bücherverbrennung vergleichen, „wo kommen wir denn dahin, da gibt es doch nicht als nächstes die Endlösung“. Trotzdem sei es beeindruckend, wie viele Merkmale des Faschismus sich derzeit weltweit in Gesellschaften fänden.

Auch Mark Terkessidis beobachtet Regierungen, die sich in zunehmendem Maße autoritär gewähren, von der Russischen Föderation bis zu den Vereinigten Staaten. „Aber faschistisch würde ich die nicht nennen.“ Aber er beobachte auch eine Art „mentale Inflation“: „Es gibt so eine unglaubliche Kategorienlosigkeit, so unglaublich wenig, an dem Leute sich festhalten, wenn sie bestimmte Auffassungen vertreten.“ Doch je weniger differenziert die Betrachtungsweise, desto härter werden die Auffassungen nach draußen vertreten: „Sodass man ständig mit Diskussionen konfrontiert ist, in denen von einem eigentlich nur noch Unterwerfung gefordert wird.“

Ob man in alten Faschismustheorien begriffliches Werkzeug für die Gegenwart finden könne? Doch, überall könne man fündig werden, da sind sich beide Autoren einig, gerade bei Außenseitern wie Ernst Toller stoße man auf erhellende Beobachtungen. „Und außerdem“, so von Redecker, „haben wir ja schon so etwas wie eine Gesellschaftstheorie.“ Sie wartet auch gleich mit einer eigenen Faschismus-Definition auf: „Faschismus ist ein verschobener, entfesselter Eigentumsrausch, bei dem es um die Wieder-Aneignung von Phantombesitz geht.“ Also genau nicht um echtes Eigentum, sondern um Privilegien, die man glaubt, durch die Emanzipationsprozesse von Minderheiten verloren zu haben: vom Frauenwahlrecht bis zur Gleichstellung Homosexueller. Was den Faschismus zurzeit begünstige, sei das über viele Lager hinweg geteilte Gefühl der Zukunftslosigkeit.

„Dazu kommt erschwerend“, ergänzt Terkessidis, „dass wir in einer Situation leben, wo man, wenn die Politik Reformen ankündigt, im Großen und Ganzen weiß, dass es einfach noch komplizierter werden wird.“ Und selten gerechter. Warum, fragt der Autor, werde etwa beim Hautkrebs-Screening gespart, während die Krankenversicherung von Bürgergeldempfängern weiterhin allein von gesetzlich, nicht aber privat Versicherten, bezahlt wird? Warum, fällt von Redecker in die Klage mit ein, gleicht sich der Zugang zu einer sozialstaatlichen Leistung, auf die man ein Recht habe, immer mehr einer Ryanair-Buchung an? Es gebe ein Leiden in der Gegenwartsgesellschaft, das die Kritische Theorie noch nicht benennen könne. Ihr Vorschlag: Die Verflixung der Welt.