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Pop-Musical „Six“Ein vereinigtes Königinnenreich

4 min
Sie war die erste Frau des englischen Tudor-Königs: Katharina von Aragon (LaSasha Aldredge)

Sie war die erste Frau des englischen Tudor-Königs: Katharina von Aragon (LaSasha Aldredge)

„Six“ erzählt in Düsseldorf mitreißend, lustig und klug die Geschichte der sechs Frauen des Herrschers Heinrich VIII.

Welche dieser sechs Frauen soll in Düsseldorf schon der Liebling des Publikums sein, wenn nicht Anna von Kleve? Die vierte Frau des englischen Tudor-Königs Heinrich VIII. hat im Capitol Theater am Mittwochabend bei der Premiere des Pop-Musicals „Six“ ein Heimspiel, wurde sie doch in der Stadt geboren. Mehr als 500 Jahre liegt das zurück, doch das Schicksal, das die Kurzeitkönigin ereilte, haben vor und nach ihr unzählige andere Frauen durchlebt und durchlitten.

Geschichte wurde eben lange von Männern gemacht und von Männern geschrieben. Frauen kamen darin allzu oft nur als Anhängsel ihres berühmten Gatten vor. So erging es auch den sechs Königinnen des Tudor-Herrschers, der sogar einen Bruch mit der katholischen Kirche in Kauf nahm, um sich von seiner ersten Frau Katharina von Aragon zu trennen.

„Geschieden, geköpft, gestorben, geschieden, geköpft, überlebt“, diesen Merksatz lernen Schulkinder in England, und er macht das ganze Dilemma deutlich. Die sechs Frauen Heinrichs wurden in der Vergangenheit selten als eigenständige Persönlichkeiten wahrgenommen. Für ihr Leben und ihr Leiden in einer männerdominierten Welt interessierte sich niemand.

Damit räumt „Six“ in ungemein unterhaltsamen und mitreißenden 80 Minuten auf. Die Cambridge-Studierenden Toby Marlow und Lucy Moss schufen das Musical, das eigentlich eher ein Popkonzert ist, 2017. Sie führten es beim renommierten Edinburgh Fringe Festival auf, und von dort startete es einen Siegeszug um die Welt. Millionen Menschen haben es gesehen, zwei Tony-Awards konnte die Show gewinnen.

Aus History wird Herstory

Wer darf Geschichte(n) erzählen? Wessen Stimme wird gehört? In „Six“ wird aus History endlich Herstory. Dieses Königinnen sind keine zurückhaltenden Edeldamen, sondern selbstbewusste, laute, kluge Frauen, die sich den Platz nehmen, der ihnen zusteht.

Angelehnt sind sie in Gesang und Performance an weibliche Popstars: Katharina von Aragon ist inspiriert von Beyoncé und Shakira, Anne Boleyn von Avril Lavigne und Lily Allen, Jane Seymour erinnert an Adele und Sia, Anna von Kleve an Rihanna und Nicki Minaj, für Katherine Howard standen Ariana Grande und Britney Spears Patin, Catherine Parrs „Queenspirations“ waren Alicia Keys und Emeli Sandé. Auch die vierköpfige Band ist rein weiblich besetzt. Männer braucht hier niemand.

Die Sechs treten in einem Battle gegeneinander an, um ein für alle Mal zu klären, wer es an der Seite dieses oft grausamen Mannes am schwersten hatte: Jane Seymour, die im Kindbett starb? Oder doch die beiden geköpften Königinnen Anne Boleyn und Katherine Howard? Die Songs sind voller Anspielungen – ob auf „I’m a Survivor“ oder „Formation“ von Beyoncé – und der Gesang von LaSasha Aldrege (Katharina von Aragon), Abi Atchison (Anne Boleyn), Emily Dawson (Jane Seymour), Anna von Kleve (Millie Readshaw), Sammy Timbers (Katherine Howard) und Layla Chivandire (Catherine Parr) kann sich mit dem großer Popstars mühelos messen.

Vor allem machen sie deutlich, dass die Art, wie von ihnen erzählt wird, ja möglicherweise gar nichts mit der Realität zu tun hatte. Vielleicht war Anna von Kleve, die Heinrich nach der Hochzeit schnell wieder loswerden wollte, gar nicht todunglücklich. Vielleicht lebte sie fern des Hofes und finanziell gut ausgestattet ja ein gutes und viel selbstbestimmteres Leben, als es ihr als Königin je möglich gewesen wäre.

Die Show funktioniert wegen der großartigen Songs, aber auch, weil die Themen trotz des historischen Settings zeitlos sind. Es geht um Macht, Körperlichkeit, Missbrauch, Manipulation, Selbstwert und die Suche nach Anerkennung. Hier emanzipieren sich sechs Frauen, die immer in Konkurrenz gesehen wurden, obwohl sie doch eigentlich Verbündete sein sollten. Am Ende siegt tatsächlich die Solidarität. Sechs Frauen erschaffen ihr vereinigtes Königinnenreich. Selten machte Geschichtsunterricht so viel Spaß.


„Six“ ist bis zum 12. Juli im Capitol Theater in Düsseldorf zu Gast. Die Show ist in englischer Originalsprache, Tickets gibt es hier ab 29,99 Euro.