„Ein solcher Reiter möchte ich werden, wie mein Vater gewesen ist“, so lautet der erste Satz, der von Kaspar Hauser überliefert ist. Aufgeschrieben hat ihn der Rittmeister, an dessen Tür der verwilderte Jugendliche im Mai 1828 zu Nürnberg aufgetaucht war. „Ich möcht ein solcher werden wie einmal ein andrer gewesen ist“: So verallgemeinert Peter Handke die rätselhafte Aussage des berühmten Findelkinds in seinem frühen Stück „Kaspar“, uraufgeführt am Theater Oberhausen im Mai 1968, einen Monat nach dem Attentat auf Rudi Dutschke, am Tag des Sternmarsches auf Bonn, bei dem Zehntausende gegen die von der Großen Koalition geplanten Notstandsgesetze demonstrierten.
„Ich möcht ein solcher werden wie einmal ein andrer gewesen ist“, presst Elias Eilinghoff wieder und wieder auf der Bühne des Kölner Schauspiels hervor, als einer von sieben Kaspars in der Inszenierung von Claudia Bauer. Die anderen Findlinge – sie alle werden von übergroßen blauen Anzügen mit noch größeren Schulterpolstern aufrecht gehalten – betätigen sich als Regisseure, flüstern Eilinghoff immer neue Regieanweisungen zu: „mit Wut und Ungeduld“; „wie eine Anrufung aus einer Litanei“. Oder sind es Interpretationen des bereits Gesagten? Der Clou besteht darin, dass der zum Vorsprechen Gezwungene den Satz immer gleich ausspricht, mit hochgepitchter Stimme, naiv, nach Art des Comedians Andy Kaufman, mit absurd langgezogenem „ist“ am Ende. Die erkannte, bzw. geforderte Bedeutung kommt von außen, sie wird dem Findelkind aufgezwungen.
Die Sprech- wird hier zur Zwerchfellfolter
So hat das Handke auch gemeint. Das Stück, schrieb er in den Regieanweisungen, die hier auf eine Wand aus zusammengeklebtem Karton projiziert werden, könnte auch „Sprechfolterung“ heißen. In Bauers Version ist es allerdings eher eine Zwerchfellfolter: Immer wenn Eilinghoff – ein begnadeter Naturkomiker – den Mund öffnet, wird das mit Kichern und Prusten aus dem Parkett quittiert. Ein wenig verhält sich diese Premiere zu ihrem Außen wie die Uraufführung zu den Protesten der 68er: Zuerst arg zahm und schunkelig verläuft die Demonstration der von der Politik als Findelkinder behandelten Gen Z in der Stadt, um dann von gewaltbereiten Halloween-Trollen für Sinn- und Schaufenster-zerstörenden Krawall missbraucht zu werden.
Doch was auf den Straßen, zugleich versandet und ausufert, funktioniert auf der Bühne ganz hervorragend, als Satyrspiel zum Drama der Selbstwerdung durch Erwartungsdruck. Handkes Einsichten ins Wahrheitsregime der Sprache, in den Gewaltakt, der zwischen Bezeichnetem und Bezeichnendem liegt, erschienen am Kipppunkt zwischen Strukturalismus und Poststrukturalismus. Sprache als Ort der Machtausübung: Was vor 60 Jahren noch aufregende Erkenntnis war, ist heute beinahe eine Binse.

Elias Eilinghoff und Ensemble und Ensemble in „Kaspar“ am Schauspiel Köln.
Copyright: Birgit Hupfeld
Weshalb sich Claudia Bauer vor allem auf die Musikalität – so funky hat man Handke noch nie erlebt! – und den Sprachwitz der Vorlage konzentriert. So wie sie es schon Anfang des Jahres in Frankfurt bei Handkes „Publikumsbeschimpfung“ getan hatte, und davor bei der frühen Jelinek, bei Karl Valentin, Kurt Schwitters und Ernst Jandl – ihre „humanistää!“-Inszenierung brachte Kay Voges’ Wiener Volkstheater 2022 die ersehnte Einladung zum Berliner Theatertreffen.
Bauers Kaspar feiert zu Anfang noch einen einsamen Kindergeburtstag in Gestalt der zuerst nur per Live-Video stattfindenden Katharina Schmalenberg, aber bald schon sind es viele Kaspars und sie sind alle gleichermaßen von der Sprache zugerichtet, bilden immer unsinnigere „ja-aber“- , „je-desto“- oder „es ist selbstverständlich, dass“-Verbindungen: „Es ist selbstverständlich, dass weggeworfene Streichhölzer eine Kundgebung einleiten.“
Aber es bleibt beim harmlosen Zündeln, ein Aufstand findet nicht statt, stattdessen formieren sich die Kaspars zum Chor, zur kaspernden Schulklasse, zur leistungsbereiten Bewerbergruppe, auch mal zum Mob, der auf eine Vereinzelte, die sich in einen Schrank geflüchtet hat, einprügelt. „Der Zornige grollt“, heißt es dann. „Der Donner grollt. Ohne den Zornigen könnte der Donner nicht grollen.“ Oft wirken ihre Bilder als konterkarierender oder auch aufreizend banaler Kommentar zum Text.
Am Ende mündet das Spiel von Macht und Sprache in einer orgiastisch aus dem Ruder laufenden Party – gefeiert in einer engen, die Hysterie per Video nach draußen übertragenen Frank-Castorf-Klause. Und in einem von Katharina Schmalenberg vorgetragenen Deutschpop-Schlager von so umwerfend-abstoßender Positivität und Mitsingbarkeit – „Jeder muss an sich arbeiten/keiner darf mit dem anderen streiten“ –, dass dem Publikum kaum anderes übrig bleibt, als die Flagge zu streichen und das tolle Ensemble zu feiern. In die große Zustimmung mischt sich ein einzelner Buhrufer, vielleicht enttäuscht darüber, dass dieser Kaspar nicht ein solcher werden will, wie einmal ein anderer gewesen ist. Aber Claudia Bauer hat immerhin gezeigt, was dieses Stück stattdessen alles sein kann. Ein großer Spaß, so böse wie virtuos.

