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Rapper Behrad Ali Konari über seine Haft im Iran„Sie sahen in meiner Musik Widerstand – und der ist verboten“

8 min
Behrad Ali Konari vor dem Veranstaltungsraum der „Wohngemeinschaft“ in Köln

Behrad Ali Konari vor dem Veranstaltungsraum der „Wohngemeinschaft“ in Köln

Rapper Behrad Ali Konari wurde im Rahmen der „Women Life Freedom“ Proteste im Iran zu 25 Jahren Haft verurteilt. Heute ist er frei und lebt in Deutschland. Er erzählt von seiner Haft im Iran, dem Mullah-Regime und seiner Rettung.

Das erste Mal erzählt Behrad Ali Konari seine Geschichte am Mittwoch vor noch leeren Stühlen im Veranstaltungsraum der Kölner „Wohngemeinschaft“. Er spricht über seine Musikkarriere im Untergrund, von seiner Haft, von seinen Freunden, die das Mullah-Regime tötete, und Widerstand aus dem Exil. Drei Stunden später wird er seine Geschichte erneut erzählen, auf dem Podium, vor Publikum. Zwei Jahre zuvor fand hier noch eine Solidaritätsaktion für ihn und zwei weitere inhaftierte Rapper statt: „Rap 4 Women Life Freedom“, organisiert von der Initiative „Free_Human“. Seit zwei Monaten lebt Behrad Ali Konari in Deutschland.

„Du hattest vorhin nach meiner Angst zu sterben gefragt, danach, wieso ich trotz allem weiter Widerstand leistete. Ich glaube, das muss ich kurz erklären; ich wollte einfach nicht mehr bereuen.

Als mich die Revolutionsgarden nach einem Protest festnahmen, wollten sie, dass ich ein Familienmitglied belaste. Sie fesselten meine Hände und Füße hinter meinem Rücken, banden die Fesseln zusammen und ließen mich an einer Stahlkette von der Decke hängen. Nur mein Kopf berührte noch den Boden. ‚Sag, dass du mit ihm unterwegs warst‘, verlangten sie. Ich sollte ein Geständnis unterschreiben. In dem Moment war ich so unfassbar erschöpft. ‚Bringt mich einfach um‘, sagte ich. ‚Ich mache das nicht.‘ Da sagten sie: ‚Dann richten wir dich jetzt hin.‘

Sie legten mir eine Augenbinde um und führten mich raus. Durch einen Schlitz unter der Augenbinde sah ich ihre Füße, vor mir, neben mir, hinter mir. Jemand hielt mir etwas vor das Gesicht. Ich war mir sicher: Jetzt sterbe ich. In dem Moment zog mein ganzes Leben an mir vorbei und ich habe so viel bereut. Jedes Wort, das ich im Streit zu meiner Mutter gesagt habe. Dass ich mir nie ein Tattoo stechen ließ, weil ich damit mein Studium riskiert hätte. Dass ich so selten mit meinem Vater spazieren ging. Dass ich nicht mehr erreichen konnte mit dem Widerstand. Dann klickte es vor meinem Gesicht. Sie hatten ein Foto gemacht.

Die Kunst in meiner Familie war schon immer politisch. Bevor ich lesen konnte, sprach mir meine Mutter Hörspiele ein aus verbotenen Kinderbüchern – Geschichten des Widerstands, verpackt in Fabeln. Als ich mit der Rapmusik anfing, sagten sie: ‚Wir stehen hinter dir. Wenn sie dich festnehmen, holen wir dich da raus.‘

Heute ist Rap im Iran eine Grauzone, weder verboten noch erlaubt. Als ich 2009 mit der Musik anfing, war das noch anders. Rap galt als Teufelswerk. Ich hatte zuerst nur von amerikanischem Rap gehört, sah die Videos von Tupac und Eminem und fand es einfach cool. Dann hörte ich die Songs von Hītsch-kas, einem der ersten iranischen Hip-Hop-Künstler, und realisierte: Das funktioniert auch auf Persisch! So begann ich mit 16, 17 Jahren, eigene Texte zu schreiben. Es war meine Form der Rebellion.

„In dem Moment ist so viel Wut aus mir herausgebrochen“

Rapper im Iran arbeiten im Untergrund. Du kannst dir nicht einfach einen Produzenten suchen, keinen Grafiker anheuern, der das Layout deines Albums designt. Du kannst keine Hallen für Konzerte buchen. Stattdessen organisierten wir heimliche Meetings von Rap-Fans in Parks, wo wir unsere Songs vortrugen. Ich ging lange als Zuhörer hin, bis ich mich das erste Mal traute, einen eigenen Song zu rappen. Was, wenn sie nicht gut genug sind? Aber den Leuten gefiel es. Also machte ich weiter, schrieb mehr Songs und veröffentlichte sie online, immer nur unter meinem Vornamen, Behrad.

Das ging acht Jahre gut, bis 2017. Ich lief die Straßen von Ahvaz entlang, als Sittenwächter mich zu Boden warfen und schlugen. Danach saß ich zwei Monate in Haft. Dabei existiert kein juristischer Grund, kein Paragraf, der Hip-Hop kriminalisiert. Aber die Sittenwächter sahen in meiner Musik Widerstand – und der ist verboten.

In den Jahren danach wurde ich mehrmals festgenommen. Weil der Leiter unserer Militärdienststelle von meinen Songs gehört hatte, verlängerte er meinen Wehrdienst und schickte mich an die Grenze zum Irak. Ich durfte keine Waffen tragen, sondern musste Kleinkram erledigen. Einmal schickten sie mich mit einem Auto über die Grenze zum Irak. Ich glaube, sie wollten ausprobieren, ob die Iraker schießen. Mein Leben war in ihren Augen wertlos.

2022 schlossen wir uns den Protesten wegen des Todes von Jina Mahsa Amini in Karadsch an, einer Vorstadt von Teheran. Wir demonstrierten morgens und abends. Zu dem Protest, der schließlich zu meiner Festnahme führte, wollte ich eigentlich gar nicht mehr hingehen. Ich wollte meiner Familie keine Probleme mehr machen. Aber an dem Morgen fuhr ich mit dem Auto durch Karadsch und sah ein Mädchen am Straßenrand stehen, acht oder neun Jahre alt. Ich sah die Tasche, die sie umklammerte, den Schock auf ihrem Gesicht, das Blut an ihrem Bein. Es war eine Schussverletzung. Ich fuhr rechts ran, versuchte, ihr zu helfen, und übergab sie schließlich einer Gruppe Frauen, die sie zum Arzt bringen wollten. In dem Moment ist so viel Wut aus mir herausgebrochen. Sie war doch nur ein Kind. Ich schloss mich direkt den Protestierenden an, die durch die Stadt zogen. Und, ja, als ich den Maschinengewehren der Revolutionsgarden gegenüberstand, warf ich einen Stein.

Proteste in Karadsch, Iran, September 2022.

Proteste in Karadsch, Iran, September 2022.

Zwei Tage später umstellten iranische Sicherheitskräfte mein Auto und nahmen mich fest. Sie zeigten Videos von mir auf der Demonstration, ein Video, auf dem ich den Stein schmiss. Unter die Protestierenden hatten sich Sittenwächter gemischt, die alles filmten. Auch meine Freunde Mehdi und Seyed wurden festgenommen. Damals dachten wir: In zwei Wochen sind wir alle raus. Ich habe die anderen Gefangenen sogar noch für ihren Widerstand gelobt.

„Wir nahmen die Urteile nicht ernst. Bis zu dem Tag, an dem Mehdi und Seyed getötet wurden.“

Die Verhandlung gegen uns war ein Schauprozess. Ich bekam 25 Jahre Haft, fünf von uns die Todesstrafe, darunter Mehdi und Seyed. Wir nahmen die Urteile immer noch nicht ernst, machten uns sogar darüber lustig. Bis zu dem Tag, an dem Mehdi und Seyed getötet wurden.

Ein Aufseher holte sie am Morgen ab, unter dem Vorwand, in seinem Büro mit ihnen zu sprechen. Sie kamen nie zurück. Am Abend ging der Fernseher in unserer Zelle aus. Auch das Telefon funktionierte nicht mehr. Wir wollten Hilfe holen, Mehdis Anwalt kontaktieren, ich schluckte sogar Zigaretten herunter, in der Hoffnung, dass der Gefängnisarzt mich telefonieren lässt. Wir versuchten, Unruhe zu stiften, um die Wärter abzulenken, aber ich verbrachte dafür nur die nächste Nacht in einer Isolationszelle für eine Person, in der bereits fünf Menschen waren. Am Morgen holten die Aufseher meine Freunde und mich ab. ‚Ich zeige euch, was passiert, wenn ihr euch gegen das Gesetz auflehnt‘, sagte einer. Dann packte er den Kleinsten von uns am Nacken und öffnete die Tür nach draußen, wo die Leichen von Mehdi und Seyed am Galgen hingen. Bei dem Anblick schlug einer von uns verzweifelt mit seinen Händen gegen seinen Kopf. ‚Was machst du? Du musst lachen!‘, rief der Aufseher. Sollten wir Trauer zeigen, drohte er, würden sie einen weiteren von uns töten.

Ein Jahr nach meiner Festnahme kam ein Wärter an unsere Zelle. ‚Pack deine Sachen‘, sagte er zu mir, ‚du bist frei‘. Ich wusste nicht, wieso. Fünf Monate später wurde ich das nächste Mal festgenommen. Sie fanden immer neue Anklagepunkte gegen mich, warfen mir Kooperation mit dem Mossad vor, weil ich mit einer iranisch-deutschen Aktivistin in Kontakt stand, und sagten, ich streue Ideologie gegen die Regierung bei Kindern, weil ich mit Straßenkindern spielte. Einmal ließen sie mich unter der Auflage frei, dass ich einen Song gegen Masih Alinejad aufnehme, eine iranische Aktivistin, die in New York lebt. Immer wieder riefen sie deswegen an, immer wieder vertröstete ich sie. Ich habe den Song nie aufgenommen. Stattdessen schrieb ich Songs über Mehdi und Seyed.

Ende 2025 kamen die Sicherheitskräfte alle zwei Monate zu meiner Familie, traten die Türen ein und nahmen mich zu Verhören mit. Mein Vater sagte schließlich: „Behrad, wenn sie dich das nächste Mal mitnehmen, kommst du nicht mehr raus. Du hast alle Schlupflöcher ausgenutzt.“ Also kontaktierte ich die Aktivistin in Deutschland. Sie half mir, ein Visum zu bekommen. Anfang Dezember 2025 stieg ich ins Flugzeug. Aber bis ich den Iran verließ, ging ich jede Woche mit meinem Vater spazieren. Und ich ließ mir Tattoos stechen, zuerst eines auf der Brust. ‚Family first‘, steht dort – Familie zuerst.

Die Proteste im Januar verfolgte ich zum ersten Mal nur aus der Ferne. Jeden Abend weinte ich und hinterfragte meinen Entschluss, zu gehen. Es war ein Gefühl völliger Ohnmacht. So viele Menschen wurden getötet, weil sie demonstrierten, während ich in Sicherheit war. Mein Leben ist doch nicht mehr wert als das der Iraner, die auf die Straßen gingen und starben.

Heute lebe ich in einer Flüchtlingsunterkunft in Bayern. Ich versuche, meine Geschichte zu erzählen, hier in Deutschland. Es ist meine neue Form des Widerstands. Ich schreibe wieder Musik, ich möchte live auftreten. Die Vorstellung ist immer noch seltsam für mich: ein Konzert, bei dem man nicht ständig nach links und rechts schauen muss.“

Übersetzung: Koko Javandoust