Mit dem „Club-Euro“ zahlen Besucher künftig in Köln einen Euro mehr für ihr Konzertticket. Diesen sollen kleine Musikclubs in die Nachwuchsförderung investieren.
Arenen boomen, kleine Clubs kriselnKölner Betreiber entwickeln neue solidarische Ticketgebühr „Club-Euro“

Konzert im Club Bahnhof Ehrenfeld (Archiv): Kleinere Live-Musikstätten geraten immer mehr unter wirtschaftlichem Druck. Die Nachwuchsarbeit leidet, wenn das Programm zugunsten wirtschaftlicher Aspekte gestaltet wird.
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Ein Ticket für Weltstar Taylor Swift kostete zwischen 114 und 240 Euro auf ihrer Deutschland-Tour vor zwei Jahren. Die Stadionkonzerte von AnnenMayKantereit, Toten Hosen und BAP diesen Sommer in Köln: ausverkauft. Die Lanxess-Arena vermeldete 2024 einen Besucherrekord, den sie vergangenes Jahr sogar übertrumpfen konnte. Mit über zwei Millionen Gästen belegt die Mehrfunktionshalle deutschlandweit Platz eins. Und auch die Zahlen der Live-Branche belegen das Wachstum. Mit mehr als 70 Millionen Konzertbesuchern gab es 2024 ein Allzeithoch in Deutschland.
Doch das Wachstum konzentriert sich zunehmend auf die großen Hallen, während die kleinen Live-Musikstätten in der Krise stecken und seit Ende der Pandemie immer größere Schwierigkeiten haben, kostendeckend zu arbeiten. Dieses Gefälle sei ein Problem, weil dadurch die wichtige Nachwuchsarbeit zu kurz komme, so Jens Ponke von der Bar Die Wohngemeinschaft und Vorstandsmitglied der Klubkomm, des Verbands der Kölner Clubbetreiber und -betreiberinnen. „Den kleinen Venues hilft es natürlich nicht, wenn Taylor Swift auf Tour geht. Die Branche wächst, aber nur an den Großevents. Dabei ist es wichtig, dass alle kleinen Venues Teil der Wertschöpfungskette bleiben, da viele Künstler-Biographien hier beginnen“, so Ponke.

Publikum beim Konzert von Pink im Rhein-Energie-Stadion im Jahr 2019 (Archiv)
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Club-Euro in Köln: Betreiber habe gemeinsam neues Hilfsinstrument entwickelt
Deswegen haben sich Kölner Club- und Konzerthallenbetreiber zusammengesetzt und den sogenannten „Club-Euro“ erfunden: eine zusätzliche Ticketgebühr in Höhe von einem Euro. In einen gemeinsamen Solidarfonds zwischen den Locations zahlen die großen Bühnen einen Teil dieser Gebühr ein, mit der die kleinen Live-Stätten bezuschusst werden sollen. Es sei in Deutschland bisher in dieser Form einmalig, dass die Szene einer Großstadt ein Hilfsinstrument aus sich heraus entwickelt.
Der „Club-Euro“ wird an diesem Donnerstag auf einer Veranstaltung der c/o Pop vorgestellt: Wie funktioniert er und was sind die Zukunftsvisionen? Auf dem Podium sprechen neben Jens Ponke auch Festivalleiterin Ellen Kuhlen, Mankel Brinkmann vom Club Bahnhof Ehrenfeld, Musiker Christopher Annen und Anna Blaich von der Bundesstiftung Livekultur. Anja Backhaus moderiert.

Jens Ponke, Vorstandsmitglied im Verband der Kölner Clubs und Veranstalter (Klubkomm) und Betreiber der Bar Die Wohngemeinschaft
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Wie die Idee entstanden ist? „Seit der Pandemie hat sich die wirtschaftliche Situation nicht verbessert, laut Studien drohen Schließungen und eine Verringerung von Nachwuchs-Programmen, weil diese weniger wirtschaftlich sind.“ Ein erstes Treffen habe es vor zwei Jahren gegeben. „Irgendwann schaltete sich auch die Klubkomm mit der Idee eines solidarischen Systems ein, in dem die Club-Euros der Besucher von den großen Konzertlocations dazu genutzt werden können, Programme in kleinen Clubs zu unterstützen.“
Hallen wie Palladium, E-Werk, Live Music Hall, Carlswerk Victoria, Stadthalle, Kantine, das Gloria und Essigfabrik hätten sich bereit und offen gezeigt, einen Teil des Euros zugunsten kleiner Bühnen wie etwa Bumann & Sohn, Die Wohngemeinschaft, Blue Shell, Garagen, Yuca und Stereo Wonderland abzugeben. „Sie haben ein Bewusstsein dafür, dass wir in unseren kleinen Locations die Künstler aufbauen, die später auf den großen Bühnen spielen“, sagt Ponke. Heißt: Wer dem Nachwuchs keine Bühne bietet, hindert die Stars von morgen an ihrem Aufstieg.
In Köln gibt es zahlreiche Beispiele dafür, wie etablierte Bands die kleinen Bühnen als Sprungbrett nutzten. Cat Ballou spielte öfters im Blue Shell, AnnenMayKantereit in der Bar Wohngemeinschaft im Belgischen Viertel. Doch ganz unkompliziert ist die Umsetzung der neuen Gebühr nicht. Ohne lokale Veranstalter wie Prime Entertainment, die einen großen Teil der Konzerte in Köln organisieren und dafür die passende Locations anmieten, wäre es nicht gegangen. Sie mussten mit ins Boot geholt werden. „Die Abrechnungsmechanismen sind nicht unkompliziert, aber wir haben gemeinsam gute Lösungen gefunden“, sagt Ponke über den technischen Aufwand.
Die zusätzliche Ticketgebühr gilt ab sofort; für bereits beworbene Konzerte, also rückwirkend fällt sie nicht mehr an. Sie wird also für jene Konzerte erstmals erhoben, die erst noch in den Vorverkauf gegeben werden. Kleinere Clubs planen mit einer Vorlaufzeit von zwei bis drei Monaten, größere Hallen etwa ein halbes Jahr. Unklar ist noch, wie der genaue Verteilschlüssel aussieht.
Micki Pick von der Live Music Hall (LMH) war direkt überzeugt von der Idee. In der LMH gibt es Platz für bis zu 1500 Menschen. Damit gehört Pick zu denjenigen, die von ihrem Euro etwas abgeben werden: Er schätzt, dass rund 20 Prozent in den Solidarfonds fließen werden. Der kleinste Club könnte bis mit bis zu 2,50 Euro pro Ticket unterstützt werden. Das System ist jedoch dynamisch, die genauen Beträge stehen noch nicht fest.

Micki Pick betreibt die Live Music Hall. (Archiv)
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Kölner Club-Euro: Für große Konzertlocations ein Anreiz
Für die großen springt also auch etwas heraus, was ein wichtiger Anreiz sei, so Pick. „Konzertveranstalter zahlen eine gewisse Miete für den Abend, 1000 oder 2000 Euro, wenn man dann nur Zahnspangen als Gäste hat (also Minderjährige, Anm. d. Red.), dann verdient der Veranstalter nach einem verkauften Konzert gut mit seinen 40.000 oder 50.000 Euro durch den Tickeverkauf, aber der Betreiber nicht, da kaum getrunken wurde. Man fragt sich am nächsten Tag, war überhaupt jemand hier? Der Club-Euro hilft uns auch“, so Pick.
Auch Jan van Weegen vom Gebäude 9 beobachtet seit Jahren Umsatzrückgänge an der Bar, die ein wichtiges finanzielles Polster darstellten. Das liege an dem veränderten Trinkverhalten der Gäste. „Zusammen mit den rückläufigen Fördermitteln beispielsweise des Bundes entsteht ein hoher Kostendruck“, sagt van Weegen.

Pablo Geller (l.) und Jan van Weegen (r.) betreiben das Gebäude 9 an der Deutz-Mülheimer-Straße.
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Jens Ponke warnt jedoch davor, dass der Club-Euro nun als Ersatz für die ohnehin zu knappen Fördermittel gesehen wird. „Die Solidargebühr ersetzt die Förderungen nicht. Die Hilfe zur Selbsthilfe ist uns wichtig und macht uns unabhängiger, aber Stadt, Land und Bund sind nicht entlassen, Kultur zu unterstützen. Unser Modell ist eins, das es zusätzlich braucht.“
Der Club Euro – Gemeinsam und solidarisch für die Clubkultur, am Donnerstag, 16. April, im Rahmen der c/o pop Convention. Tickets für die Fachkonferenz der c/o pop (16./17. April) kosten 89 Euro, für unter 25-Jährige 49 Euro. Tickets für das gesamte Festival kosten 159 Euro, ermäßigt 119 Euro. c-o-pop.de. Infos zum Club-Euro und den teilnehmenden Locations gibt es auf der Homepage.
