Norbert Oberhaus, c/o pop-Chef, zieht sich langsam vom Kölner Musikfestival zurück – und hat seine Nachfolge bereits geregelt.
c/o popNorbert Oberhaus nimmt Abschied vom Lebenswerk

c/o pop-Chef Norbert Oberhaus
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Am Anfang war da diese Lücke, diese entsetzliche Lücke: Die Popkomm war nach Berlin verzogen. Norbert Oberhaus und Ralph Christoph gründeten das Musikfestival c/o pop, um die Lücke zu füllen und sich tapfer gegen die Marginalisierung Kölns zu stemmen. Inzwischen gibt es die c/o pop viel länger, als die Popkomm jemals existiert hat. Das Kölner Festival ist zu einem Stück Stadtidentität, zu einer kulturellen Haltung geworden. Und für Norbert Oberhaus, dem Geschäftsführer und Hauptanteilseigner der c/o pop, zu seinem Lebenswerk. Nun aber vollzieht sich ein Wandel, der in seiner Tragweite kaum zu überschätzen ist: Oberhaus gibt die Zügel ab – schrittweise, durchdacht und mit einem klaren Plan für die Zukunft.
Schon im Jubiläumsjahr 2023, als die c/o pop ihr 20-jähriges Bestehen feierte, begann der Kulturmanager, sich mit seiner Nachfolge zu beschäftigen. Das Ziel: Bis zum großen 25-Jahre-Jubiläum 2028 soll der Übergabeprozess vollständig abgeschlossen sein. „Was soll sich bis dahin verändert haben?“ – diese Frage trieb ihn an. Schnell wurde klar, dass eine Übergabe der Geschäftsführung allein nicht ausreicht. Die entscheidende Frage war eine gesellschaftsrechtliche: Wer übernimmt das Unternehmen selbst? Wer trägt künftig das unternehmerische Risiko?
Die Antwort darauf fand Norbert Oberhaus in zwei langjährigen Weggefährten. Ulrich Tanas, Gründer der Agentur 2Bild TV.Events & Media, die unter anderem seit über 20 Jahren für das Telekom Electronic Beats Programm arbeitet, war schon seit Langem ein enger Freund des Hauses. Seine Karriere hatte er beim Musiksender Viva Zwei begonnen, hatte stets Interesse an einem Einstieg signalisiert. Der zweite neue Partner ist Mankel Brinkmann, mit dem Oberhaus zusammen bei der Klubkomm gearbeitet hatte: Der Betreiber des Clubs Bahnhof Ehrenfeld und Mitgründer der Konzert- und Künstleragentur HushHush sei, so Oberhaus, ein Unternehmer mit kulturpolitischem Gespür und tiefer Verwurzelung in der Szene: „Ich musste Leute finden, die ebenfalls unternehmerisch unterwegs sind und gleichzeitig eine Idee haben von dem, was wir hier machen.“ Die Chemie, auch zwischen den beiden neuen Anteilseignern, habe von Anfang an mehr als gestimmt.
Ich finde ganz gut, dass es ein Dreierteam gibt und dass davon zwei Frauen sind
Nun hat Oberhaus die Hälfte seiner Anteile an Tanas veräußert, und Piranha-Verleger Alexander Lacher, der die restlichen 33,3 Prozent der Firma hielt, hat seine Anteile an die Agentur HushHush verkauft, die Brinkmann vertritt. Ein Drittel behält Oberhaus vorerst noch für zwei Jahre – Zeit genug, um die neue Geschäftsführung einzuarbeiten und geordnet zu übergeben.
Diese neue Führungsriege soll aus dem bewährten Team kommen: Ralph Christoph, Elke Kuhlen und Caro Jäger werden die operative Leitung übernehmen. Jäger, derzeit im Mutterschutz, kehrt am 1. September zurück und wird ein Jahr lang von Oberhaus eingearbeitet, bevor sie die Position der Hauptgeschäftsführerin übernehmen soll. Christoph und Kuhlen werden jeweils die Verantwortung für Convention und Festival tragen. „Ich finde ganz gut, dass es ein Dreierteam gibt und davon zwei Frauen sind“, sagt Oberhaus.
Das Timing ist kein Zufall. Die c/o pop befindet sich in bester Verfassung. Nach Ehrenfeld umgezogen, nach Corona neu aufgestellt, strukturell reformiert und programmatisch verjüngt, hat das Festival eine neue Dynamik gewonnen. „Es gibt im Augenblick wenig Grund, etwas zu ändern, es läuft gut“, so Oberhaus. Wirtschaftlich trägt das Festival sich stabiler als je zuvor: Der Anteil der öffentlichen Förderung am Gesamtbudget sank von einst 70 Prozent auf heute 50 Prozent – die Eigeneinnahmen durch Tickets und Partnerschaften haben entsprechend zugelegt. Altlasten wurden abgebaut, das Festival ist fast schuldenfrei.
Die kulturpolitische Lage bereitet Oberhaus dennoch Sorgen. Dass der Bund dem Hamburger Reeperbahnfestival drei Millionen Euro streichen will, ist für ihn ein Alarmsignal. „Popkultur sollte beim Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien eine stärkere Lobby haben. Und das muss in unseren Augen auch zukünftig unbedingt diverses und auch kritisches Programm beinhalten.“ Eine mögliche Antwort darauf könne auch lauten: Unabhängigkeit. „Aber um ein Festival von der Güte und Qualität der c/o pop auch perspektivisch erfolgreich umsetzen zu können“, sagt Oberhaus, „braucht es weiterhin dringend die Unterstützung und Förderung seitens des Bundes.“
Popmusik ist auch beim Bundeskulturministerium nicht stark vertreten. Und unliebsames Programm, zu kritisches, zu diverses, ist offensichtlich auch nichts, was auf Dauer gern gesehen ist
Erste Schritte sind bereits getan. An Karneval veranstaltete die c/o pop erstmals drei Partys in der Wagenhalle in der Kölner Südstadt – mit großem Erfolg. Eine Kooperation mit der Philharmonie Essen wurde ebenfalls erstmals erfolgreich umgesetzt. Mit Schauspielhaus-Intendant Kay Voges laufen Gespräche über eine regelmäßige Bespielung des Erfrischungsraums im neubezogenen Haus am Offenbachplatz ab September dieses Jahres. Weitere Projekte seien bereits in Planung. Und das Straßenfest auf der Venloer Straße im Rahmen des Festivals sei äußerst attraktiv für Sponsoren.
Ein besonders innovatives Projekt ist der „Club Euro“: eine solidarische Ticketgebühr, bei der Kölner Clubs und Veranstalter jeweils einen Euro pro Gast mehr erheben, um unter anderem weiterhin Nachwuchsbands fördern zu können. „Das ist das erste Mal in Deutschland, dass so etwas gemacht wird“, betont Oberhaus. Entstanden aus der Not heraus – denn gerade den kleinen Clubs geht es schlecht –, soll das Modell zudem politischen Druck erzeugen, damit Clubs auch gefördert werden. Der Club-Euro wird am 16. April von der Klubkomm Köln auf der c/o pop convention vorgestellt.
Und dann sind da noch die großen städtebaulichen Visionen: Die drei c/o-pop-Anteilseigner wollen die Chancen der Kulturraum-Schutzzone nutzen und sich dafür einsetzen, die Bahnbögen in Ehrenfeld zu einer Popkulturmeile umzugestalten – mit dem Club Bahnhof Ehrenfeld als Ankerpunkt, mit einem Gedenkort für die Edelweißpiraten, weiteren Clubs, Restaurants und Cafés. Das Ziel: ein verkehrsberuhigtes und kulturell belebtes Quartier.
Außerdem wird ab Mai 2026 ein Teil des auf dem Max-Becker-Areal an der Widdersdorfer Straße/Ecke Maarweg für fünf Jahre zur Zwischennutzung zur Verfügung stehen. Mit Sport, Kultur, Gastronomie und einem urbanen Veranstaltungsmix soll dieses bislang verschlossene Areal für alle geöffnet werden. Für die Umsetzung ist unter anderem Ulrich Tanas verantwortlich.
Das Loslassen fällt ihm schwer – das gibt Oberhaus offen zu. Besonders, wenn es gut läuft. Ein Schlüsselmoment: Als das Programm 2022 radikal verjüngt wurde, fragte ihn seine Tochter begeistert, wer da alles spiele – alle ihre Freunde feierten es ab. „Da habe ich gemerkt: Wir haben auf genau das Richtige gezielt.“ Ein Festival, das lebt, braucht junges Publikum, junge Künstler, junge Themen. Ob das seinem persönlichen Geschmack entspricht, sei zweitrangig.
Am 19. April – dem Sonntag des c/o-pop-Wochenendes – wird Norbert Oberhaus 65 Jahre alt. Ein runder Geburtstag, mitten im Festivalbetrieb. So, wie es sein sollte.
c/o-pop, Köln, 15. bis 19. April 2026
