Abo

Interview

Wirtschaftsministerin
„Wann geht es wieder aufwärts, Frau Reiche?“

13 min
Folgen
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) beim Interview in Berlin

Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) beim Gespräch mit unserer Redaktion in Berlin

Wirtschaftsministerin Katherina Reiche erklärt, wie sie die Wirtschaft in Gang bringen will, verteidigt ihr umstrittenes Heizungsgesetz und schaltet sich in die aktuelle Rentendebatte ein.

Seit Jahren ist Deutschland im Krisenmodus. Die Wirtschaft stagniert, die Industrie verliert derzeit 10.000 Arbeitsplätze im Monat, die Sorgen der Menschen nehmen zu. Wann geht es endlich wieder aufwärts?

Darauf gibt es keine einfache Antwort. In den vergangenen Jahren war Politik nahezu ausschließlich mit der Bewältigung akuter Krisen beschäftigt: der Flüchtlingskrise, der Corona-Pandemie, der Energiekrise infolge der Gasmangellage, inzwischen verschärfen neue geopolitische Spannungen im Iran die Unsicherheit zusätzlich. Dieses aktive Krisenmanagement war zweifelsohne notwendig. Gleichzeitig aber gerieten die strukturellen Schwächen unseres Landes zunehmend aus dem Blick. Dabei sind die Warnsignale keineswegs neu. Seit 2004 gab es mehr Direktinvestitionen ins Ausland als in unser Land. Die deutsche Volkswirtschaft hat seit rund 25 Jahren systematisch mehr Ersparnisse exportiert als im Inland investiert wurden. Leider wurden diese Signale ignoriert.

Katherina Reiche: „Wir haben nicht langfristig genug gedacht“

Warum wurde nicht gegengesteuert?

Weil wir immer nur die gerade eiligsten Probleme angegangen sind, aber nie den Schritt zurück geschafft haben. Man könnte auch sagen: Wir haben immer nur Feuer gelöscht, aber nie in Brandschutz investiert. Andere europäische Mitgliedsstaaten haben hingegen ab 2015 begonnen, ihre Staatsstrukturen im öffentlichen Dienst zu digitalisieren und Effizienz zu gewinnen. Wir haben dafür nicht langfristig genug gedacht und müssen jetzt nacharbeiten.

Ihre konkrete Prognose: Wann zieht das Wirtschaftswachstum in Deutschland wieder signifikant an?

Für dieses Jahr rechnen wir mit einem Wirtschaftswachstum von etwa 0,5 Prozent – vorausgesetzt, es treten keine weiteren belastenden Faktoren hinzu. Im kommenden Jahr könnten wir möglicherweise auf 0,9 Prozent kommen. Dieses Wachstum wäre allerdings vor allem darauf zurückzuführen, dass die Mittel aus dem Sondervermögen dann schrittweise in der Breite wirksam werden. Es handelt sich also im Wesentlichen um staatlich induziertes Wachstum.

Entscheidend ist jedoch, dass wir die wirtschaftliche Eigendynamik unseres Landes wieder stärken. Deshalb plädiere ich dafür, die Körperschaftsteuerreform auf das Jahr 2027 vorzuziehen. Zwar wurde bereits eine stufenweise Senkung ab 2028 beschlossen, doch sie muss früher greifen. Ebenso wichtig ist die Reform der Einkommensteuer. Schließlich unterliegen rund 70 Prozent der kleinen und mittleren Unternehmen in Deutschland als Einzelunternehmen oder Personengesellschaften der Einkommensteuer und würden unmittelbar von niedrigeren Steuersätzen profitieren.

Was sind aus Sicht der Wirtschaftsministerin die wichtigsten deutschen Problemfelder, die es zu lösen gilt?

Wenn ich mir anschaue, was macht denn unsere ökonomische Basis aus und wo sind die Schwächen, sehe ich fünf Punkte:

Erstens: Die demografische Situation. Es ist absehbar, dass das gegenwärtige Rentensystem auf einen Punkt zuläuft, an dem auf drei Beitragszahler mehr als zwei Rentenempfänger kommen. Der mit der Demografie einhergehende Kostendruck betrifft die gesamten sozialen Sicherungssysteme. Noch höhere Beitragssätze etwa fürs Gesundheitssystem können wir uns aber nicht leisten.

Zweitens: Wir haben einen Arbeitsmarkt, der sehr rigide ist – mehr Flexibilität würde es unserer Wirtschaft ermöglichen, sich schneller an geänderte Rahmenbedingungen anzupassen und Innovationen marktreif zu machen.

Drittens: Unsere sehr spezielle Innovationsstruktur, die sich auf Mid-Tech konzentriert. Was heißt das? Wir sind traditionell sehr gut im Maschinenbau, im Anlagenbau, im Automobilbau. Genau diese Branchen stehen aber unter massivem Druck. Gleichzeitig fehlt uns die technologische Führerschaft bei Künstlicher Intelligenz, bei Quantentechnologie, bei Biotech kombiniert mit KI. Aus diesen Bereichen generieren China und die USA teilweise enorme Wachstumszahlen. Hier gilt es aufzuholen.

Viertens: Wir haben keine ausgeprägte Kultur, in unsere eigenen Unternehmen oder Startups zu investieren. In Europa liegen rund 10 Billionen Euro auf den Sparkonten. Die EU ist Nettokapitalexporteur in die USA. Der Bestand europäischer Direktinvestitionen in den USA belief sich Ende 2024 auf 5,71 Billionen US-Dollar insgesamt, davon stammen 506,2 Mrd. US-Dollar aus Deutschland. Die Europäer finanzieren also amerikanische Unternehmen und US-Startups, das ist auch vollkommen in Ordnung. Sie könnten allerdings auch in Europa investieren, wenn der Kapitalmarkt groß genug und attraktiv genug wäre.

Und der fünfte und letzte Punkt: Energieversorgung und Energiepreise: Die energieintensive Industrie, die besonders stark in NRW vertreten ist, steht durch zu hohen Energiepreise unter heftigem Druck. Wir müssen es schaffen, den Energiebedarf wieder verlässlich und bezahlbar zu decken.

In der großen Koalition geht noch was

Bevor wir ins Detail gehen, glauben Sie wirklich, dass diese Regierung all die Probleme tatsächlich lösen kann?

Wir gehen die Herausforderungen entschlossen an und erzielen im Kabinett spürbare Fortschritte. So hat meine Kollegin Nina Warken erst kürzlich einen bemerkenswert mutigen Entwurf vorgelegt. Mutig ist dieser deshalb, weil er alle Akteure im Gesundheitssystem gleichermaßen in die Verantwortung nimmt – und eben nicht nur einzelne Gruppen belastet. Zugleich wird vielfach unterschätzt, welche Fortschritte Karsten Wildberger als Digitalminister derzeit erzielt. Gerade im Bereich der Entbürokratisierung werden wichtige Weichen gestellt: Berichtspflichten werden abgebaut, digitale Verfahren nicht länger angekündigt, sondern nun tatsächlich zügig und konsequent umgesetzt.

Aber die Menschen haben das Gefühl, wie alle Umfragen zeigen, dass diese Regierung genauso „rumampelt“ wie die vorherige …

Dabei geht es voran. Gemeinsam mit Verena Hubertz für das Bauministerium, Stefanie Hubig für die Justiz habe ich vergangene Woche erst das Gebäudemodernisierungsgesetz vorgelegt. Wir haben genau das getan, was verantwortungsvolle Regierungsarbeit ausmacht: zwischen den Ressorts verhandeln, unterschiedliche Interessen zusammenführen und einen tragfähigen Ausgleich erzielen – vertraulich und ohne Indiskretionen. Deswegen war die gemeinsame Pressekonferenz am letzten Mittwoch ein sehr schöner Termin für mich.

Auch weil Sie persönlich das Gefühl hatten, da geht noch was zwischen CDU und SPD?

Ja, absolut.

„Es ist wichtig, eine Sprache zu wählen, die verbindet und nicht polarisiert“

Da ist es wahrscheinlich wenig hilfreich, wenn Bärbel Bas die Arbeitgeber als ihre Gegner bezeichnet.

Die sozialen Medien verleiten offenbar zunehmend dazu, gegenüber der eigenen Klientel zu zugespitzten Formulierungen zu greifen – Formulierungen, die mitunter verletzend wirken oder bestimmte Bilder und Reflexe auslösen. Gerade deshalb sollte jeder, der auf unserer politischen Ebene Verantwortung trägt, sehr bewusst darauf achten, wie und mit welcher Sprache kommuniziert wird. Denn politische Aussagen erreichen am Ende immer Bürgerinnen und Bürger.

Zugleich darf man nicht vergessen: In einer Regierung arbeitet man mit Koalitionspartnern sowie Kolleginnen und Kollegen gemeinsam an Lösungen. Umso wichtiger ist es, eine Sprache zu wählen, die verbindet und nicht unnötig polarisiert. Wer öffentlich Verantwortung trägt, sollte sich deshalb bemühen, keine Wortwahl zu verwenden, die vor allem im eigenen Resonanzraum Beifall erzeugt, darüber hinaus aber Gräben vertieft.

Eine Politikerin, die diesen Stil in besonderer Weise beherrscht hat und dafür lange kritisiert wurde, war die frühere Bundeskanzlerin Angela Merkel. Allerdings gab es bei ihr nur selten Momente, in denen sie mit einzelnen Aussagen die gesamte Republik in Aufruhr versetzt hat.

Kanzler Friedrich Merz hat beim DGB seine Positionen klar benannt und wurde dafür ausgebuht.

Bundeskanzler Friedrich Merz hat beim Deutscher Gewerkschaftsbund seine Positionen klar vertreten und dafür deutlichen Widerspruch erfahren. Ermutigend war diese Reaktion sicherlich nicht. Gleichzeitig erlebe ich die Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften insgesamt als konstruktiv und vertrauensvoll. Für erfolgreiche Reformen brauchen wir die Sozialpartner. Gerade im Kraftwerks- und Industriebereich ist der Austausch mit der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie ausgesprochen produktiv. Auch mit der IG Metall arbeite ich eng und gut zusammen – etwa bei den Themen Stahl oder Automobilindustrie. Dass davon öffentlich wenig zu hören ist, liegt auch daran, dass wir viele Positionen bewusst gemeinsam erarbeitet und präsentiert haben. Ich nehme dort eine große Offenheit wahr. Unmittelbar vor diesem Gespräch war zudem Frank Werneke hier. Auch mit ihm verbindet mich persönlich eine sehr gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit.

„Mein Glaube schenkt mir Gelassenheit“

Sie selbst sind gerade in den sozialen Medien heftigsten Anfeindungen ausgesetzt, werden als „Gas-Kathi“, „Eisprinzessin“ oder „Fossi“ geschmäht. Warum tun Sie sich das an?

Weil es eine Ehre und hohe Verantwortung ist, unserem Land dienen zu dürfen. Und weil ich dem Bundeskanzler versprochen habe, die Energiewende so zu korrigieren, dass man Klimaschutzziele preiseffizienter erreichen kann. Und ich habe ihm zugesagt, für eine sichere und bezahlbare Energieversorgung zu sorgen, die auch dem Klimaschutz dient. Das ist unter anderem mein Auftrag.

Die Anfeindungen berühren Sie nicht?

Diejenigen, die derartige Kampagnen betreiben, sollten sich die Frage stellen, ob sie damit tatsächlich einen Beitrag zu einer konstruktiven gesellschaftlichen Debatte leisten. Führt eine solche Zuspitzung wirklich zu dem Konsens, den unser Land in dieser Zeit dringend braucht? Mich persönlich berühren diese Kampagnen nicht. Das hat auch damit zu tun, dass mir mein Glaube in allen Lebenslagen Halt und Orientierung gibt. Er schenkt mir Gelassenheit und die Fähigkeit, zwischen kurzfristiger Aufregung und dem wirklich Wesentlichen zu unterscheiden. Deshalb frage ich mich weniger, was solche Angriffe mit mir machen, sondern vielmehr, was Menschen – insbesondere politisch Verantwortliche – dazu bewegt, Debatten derart zuzuspitzen und gesellschaftliche Spannungen weiter anzuheizen.

„Das bisherige Heizungsgesetz hat Unsicherheit ausgelöst“

Sie sprachen über Ihr Heizungsgesetz. Gerade dafür müssen Sie derzeit eine Menge Kritik einstecken. Angeblich nicht umsetzbar, andere - auch in Ihrer Partei - sagen sogar „verfassungswidrig“…

Selbstverständlich haben wir die zuständigen Ressorts von Beginn an eng und intensiv eingebunden - daran kann es keinen Zweifel geben. Mit dem nun vorliegenden Gesetzentwurf bin ich deshalb sehr zufrieden. Es bestätigt sich genau das, was wir erwartet haben: Die Menschen entscheiden sich aus eigener Überzeugung für Wärmepumpen - nicht zuletzt deshalb, weil die Förderung weiterhin verlässlich und angemessen ausgestaltet ist.

Die zentrale Schwäche des bisherigen Heizungsgesetzes bestand doch darin, dass es erhebliche Verunsicherung ausgelöst hat - sowohl bei Verbraucherinnen und Verbrauchern als auch bei Hauseigentümern und Vermietern. Die Vielzahl an Vorschriften, Detailvorgaben und Verboten hat letztlich dazu geführt, dass Investitionen vielfach ausblieben. Für den Umgang mit unserem tatsächlich sanierungsbedürftigen Gebäudebestand war das die denkbar schlechteste Entwicklung. Genau diesen Fehler haben wir nun korrigiert.

Außerdem: Mit dem Gebäudemodernisierungsgesetz werden die Bürgerinnen und Bürger um 5 Mrd. Euro entlastet. Ich finde, das kann sich sehen lassen. Der Gesetzentwurf ist auch sehr sorgfältig von der Bundesregierung geprüft worden. Nach Auffassung der Bundesregierung ist der Gesetzenzwurf verfassungsrechtskonform.

Der Normenkontrollrat sprach vom „handwerklich schwächsten und praxisfernsten Vorhaben“ der letzten Jahre. Was antworten Sie?

Der Normenkontrollrat hat die Stellungnahmen von Verbänden einfach übernommen. Interessanterweise sagt der Kontrollrat aber auch, dass wir mit dem Gesetz fünf Milliarden Euro einsparen. Das ist eine der größten Einsparungen, die wir in den vergangenen Jahren hinbekommen haben.

Ein Verbot von Gasheizungen hätte manchen Verbraucher vor einer Kostenfalle bewahrt, heißt es - weil Gas in Zukunft teurer werde ...

Es wird übersehen, dass Gasheizungen beispielsweise eine ideale Brückentechnologie für Gebäude darstellen, die in absehbarer Zeit mit einem Fernwärmeanschluss rechnen können. Und mittelfristig würde ich mir um die Gaspreise auch keine Sorgen machen, da das internationale Angebot an Flüssiggas wachsen dürfte und deutsche Unternehmen langfristig Lieferverträge schließen können – um sich gegen Preissprünge zu wappnen.

„Europa verfügt über große und günstige Biogas-Potentiale“

Das Gesetz sieht eine Grüngastreppe vor. Kann der Markt den Anteil Biogas überhaupt bereitstellen?

Wir starten 2029 mit einem Biogasanteil von zehn Prozent und erhöhen diese schrittweise. Ich bin überzeugt, dass der Markt die entsprechenden Angebote und Modelle bereitstellen wird. Erste Lösungen existieren bereits heute.

Ein Blick auf die Vergleichsportale zeigt zudem, dass sich entsprechende Produkte zunehmend etablieren. Einige Stadtwerke haben erkannt, dass es dafür eine klare Nachfrage gibt, und bieten bereits Modelle an, bei denen Verbraucherinnen und Verbraucher einen Heizvertrag mit vollständig biogenem Gas abschließen können. Genau auf diese Innovations- und Anpassungsfähigkeit des Marktes setzen wir.

Und das Biogas wird nicht teurer sein als konventionelles?

Die langfristigen Kosten von Biogas sind zum heutigen Zeitpunkt nicht seriös vorherzusagen. Wenn es uns gelingt, hier einen europäischen Markt zu entwickeln, so wie es das erklärte Ziel auch der EU-Kommission ist, dann stehen uns große und günstige Biogas-Potentiale zur Verfügung.

Bleibt noch die offene Frage mit dem Klimaschutz. 2040 schreibt das Gesetz eine Grüngas- Quote für Gasheizungen von 60 Prozent vor. Deutschland soll 2045 aber klimaneutral sein. Schaffen wir die restlichen 40 Prozent dann in fünf Jahren? Wie soll das gehen?

Das neue Gebäudemodernisierungsgesetz wird den Wandel zu klimafreundlichen Heizsystemen unterstützen. Eine Chance sehen wir auch in der jetzt größeren Akzeptanz, wir können nicht alles regulieren, beim Klimaschutz müssen die Bürgerinnen und Bürger mitgenommen werden, sie müssen dabei sein, das war bisher nicht so der Fall. Gleichzeitig müssen auch Unternehmen in der Lage sein, den Schritt zu gehen. Wir betrachten jetzt gezielt den Wärmemarkt. Dort ist der Anteil von Biomethan bislang noch gering. Deshalb braucht es zusätzliche Anreize und einen schrittweisen Hochlauf.

„Die Energiewende verläuft nicht linear“

Der Expertenrat Klimaschutz hat Anfang der Woche erklärt, die Klimaschutzziele für 2030 werden bereits verfehlt. Ist die Klimaneutralität überhaupt noch zu erreichen?

Der Prüfbericht des Expertenrat für Klimafragen verdeutlicht erneut, mit welch erheblichen Unsicherheiten derartige Projektionen verbunden sind. Das betrifft die Vielzahl zugrunde liegender Annahmen – etwa zur Entwicklung der Preise im Emissionshandel und auf den Energiemärkten, zur gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, zum Ausbau erneuerbarer Energien, von Batterien und Netzinfrastruktur, zu Digitalisierung von Netzen, zu Innovationen, Effizienzsteigerungen oder auch zu den Volllaststunden erneuerbarer Energieträger. Zugleich sehen wir sehr konkret, wie sich geopolitische Krisen – etwa die Entwicklungen im Iran – unmittelbar auf energiebezogene Entscheidungen der Menschen auswirken. Hinzu kommt: Die Energiewende verläuft nicht linear. Politik muss anerkennen, dass es Marktkräfte braucht, um ein derart hyperkomplexes System effizient zu organisieren. Andernfalls gerät die gesellschaftliche Akzeptanz der Energiewende zunehmend unter Druck – und genau das dürfen wir nicht zulassen. Ich möchte jedenfalls nicht dazu beitragen, der Alternative für Deutschland daraus politischen Nutzen zu verschaffen. Diese Trophäe dürfen wir ihr nicht überlassen.

Deshalb müssen die Parteien der demokratischen Mitte gemeinsam dafür sorgen, dass die Energiewende realitätsnah, kosteneffizient und zugleich wirtschaftlich tragfähig gestaltet wird, ohne unsere industrielle Substanz zu überfordern.

In der kommenden Woche fahren Sie nach China. Die Menschen dort arbeiten 2000 Stunden im Jahr. Und die Deutschen…

…1337. Solche Schlüsselzahlen habe ich im Kopf.

Ist das zu wenig? Müssen wir an die Feiertage ran? An die Wochenarbeitszeit – oder sind das Denkverbote auch im Hinblick auf den Koalitionspartner?

Ich werde jetzt nicht den Fehler machen, eine Maßnahme hervorheben und diese als die Seligmachende herausstellen. Aber diese Zahlen machen deutlich, dass wir selbst bei sehr hoher Produktivität pro Stunde als Volkswirtschaft verlieren. Wir müssen darüber nachdenken, wie wir das Arbeitsvolumen steigern. Das beginnt mit dem Stopp von Frühverrentungsprogrammen. Und wir müssen es Unternehmen ermöglichen, älteren Arbeitnehmern, die dazu noch in der Lage und Willens sind, Angebote zu machen. Die Aktivrente ist ein erster Ansatz. Wir brauchen zudem flexiblere Arbeitszeitmodelle. Und wir müssen jungen Familien weiterhin gute Angebote zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf machen.

„Wir haben unsere Interessen in der Vergangenheit nicht klar genug benannt“

Zurück zu Ihrer Chinareise. Kürzlich haben Sie über unfaire Wettbewerbsbedingungen gesprochen. Was meinen Sie damit?

Durch den Zollstreit mit den USA leitet China seine Waren in neue Märkte um. Und der größte Binnenmarkt nach Indien ist nun einmal die EU mit 450 Mio Einwohnern. So kommt es zur Schwemme mit hochsubventioniertem Stahl, mit Chemieprodukten, auch Solarpaneelen. Auf der anderen Seite habe ich die Chinesen als Partner kennengelernt, die wissen, wie ein Interessenausgleich funktioniert. Wir haben unsere Interessen in der Vergangenheit nur nicht klar genug benannt. Die Bundesregierung artikuliert nun unsere Interessen, ruhig und lösungsorientiert.

Wenn die EU ein Anti-Dumping-Verfahren einleitet, dauert das Jahre. Bis das Konsequenzen hat, ist der Mittelstand längst kaputt. Kann man den Spieß nicht einfach umdrehen und zum Beispiel sagen: Hier legt kein Schiff mit Dumping-Chemie mehr an, dann müsste die Kommission gegen Deutschland ermitteln?

Deutschland muss als Exportnation sehr genau zwischen Reaktion und möglicher Gegenreaktion abwägen. Entscheidend ist, einen Weg zu finden, der es etwa dem Maschinen- und Anlagenbau weiterhin ermöglicht, seine Komponenten erfolgreich in internationale Märkte zu exportieren. Denn mögliche Anti-Dumping-Maßnahmen könnten ihrerseits dazu führen, dass China Gegenverfahren einleitet und beispielsweise den Export wichtiger Rohstoffe erschwert. Deshalb dürfen wir die Folgen solcher Schritte nicht isoliert betrachten. Offene Märkte haben Deutschland in der Vergangenheit keineswegs geschadet – im Gegenteil: Sie waren eine wesentliche Grundlage unseres wirtschaftlichen Erfolgs und haben unserem Land erhebliche Vorteile verschafft. Gleichzeitig stimmt es natürlich, dass Verfahren der Europäische Kommission häufig zu lange dauern. Genau deshalb müssen die bestehenden Instrumente konsequent nachgeschärft und die Verfahren deutlich beschleunigt werden. Hier hat die Kommission durchaus Handlungsspielraum.

So viel Zeit hat die deutsche Industrie nicht, die enorm unter Druck steht.

Deswegen nehmen wir neben den langfristigen Strukturmaßnahmen auch kurzfristige Entlastung in den Blick. Wir haben für Deutschland beispielsweise den Industriestrompreis eingeführt. Das habe ich mit viel Nachdruck bei der EU-Kommission erkämpft.

Der gilt aber nur für die Hälfte des verbrauchten Stroms, Netzentgelte und Umlagen kommen unverändert obendrauf. Der Chemieverband VCI sagt, die tatsächliche Entlastung liegt meist unter 10 Prozent. Reicht das, wo Energie in den USA doch nur die Hälfte kostet?

Unternehmen, die vom Industriestrompreis profitieren, profitieren in der Regel auch von Netzentgelt-Entlastungen. Da greifen sogenannte Kappungsgrenzen. Auch die Strompreiskompensation haben wir erweitert, um indirekte CO2-Kosten noch besser auszugleichen. Die Frage ist aber berechtigt. Der durchschnittliche Industriestrom in Deutschland kostet 22 Cent je Kilowattstunde. In den USA ist es tatsächlich nicht einmal die Hälfte. Viel schlimmer ist aber: Private Verbraucher, die nicht von den vielen Ausnahmen profitieren, zahlen im Durchschnitt 39 Cent im Grundpreis. Das erzeugt irgendwann ein soziales Spannungsfeld. Wir tun alles, um die Industrie hier zu halten, zu schützen, zu stützen. Aber die Gesamtkosten des Stromsystems, die in den vergangenen Jahren enorm angewachsen sind, belasten private Verbraucher wie Gewerbe und Industrie. Die hohen Kosten müssen wir schrittweise senken.

Eine Stromsteuerabsenkung war im Koalitionsvertrag ja eigentlich für alle vorgesehen.

Da schaue ich immer optimistisch zu meinem Kollegen Lars Klingbeil, ob er sich der Sache annimmt und Spielraum im Haushalt sieht.

Was macht Ihnen Hoffnung für die deutsche Wirtschaft?

Es gibt durchaus Bereiche, die Anlass zur Zuversicht geben. Besonders deutlich zeigt sich das derzeit im Verteidigungssektor bei den Start-ups. Dort ist es gelungen, von insgesamt rund einer Milliarde Euro an Investitionen in Europa nahezu 900 Millionen Euro nach Deutschland zu holen. Deutsche Start-ups waren – auch aufgrund ihrer engen Verbindung und geografischen Nähe zur Ukraine – in der Lage, erhebliche Wachstumsdynamik zu entwickeln und zugleich technologisch bemerkenswerte Innovationen hervorzubringen.

Eine weitere Antwort auf die Frage, wie Europa im Umgang mit globalen Großmächten künftig bestehen kann, sehe ich in einer EU-Kapitalmarktunion, idealerweise auch mit Großbritannien. Ein gemeinsamer EU-Kapitalmarkt ist Voraussetzungen für Wachstum und Investitionen. Für Großbritannien wäre dies ein Angebot, wieder stärker an die EU zu rücken. Gemeinsam könnten wir ein neues wirtschaftspolitisches Kapitel aufschlagen.