Bei „Markus Lanz“ berichtete die Shoa-Überlebende Eva Umlauf von ihren Erinnerungen und schlug mit Blick auf die Gegenwart Alarm.
„Antisemitismus ist salonfähig“Holocaust-Überlebende klagt bei „Markus Lanz“ – und schlägt Alarm

Die Holocaust-Überlebende Eva Umlauf sagte bei „Markus Lanz“, dass sie das Gefühl habe, der Antisemitismus sei wieder „salonfähig“ geworden. (Bild: ZDF / Markus Hertrich)
Copyright: ZDF / Markus Hertrich
Antisemitisch motivierte Vorfälle nehmen bundesweit weiter zu. Für Markus Lanz war das am Donnerstagabend Anlass, in seiner ZDF-Sendung über die Bedeutung einer lebendigen Erinnerungskultur zu diskutieren - und über Gegenwartsthemen wie Rechtspopulismus, Hass im Netz und den spürbaren Anstieg antisemitischer Einstellungen. Zum Auftakt stellte Lanz die Dringlichkeit klar: „Der Antisemitismus kommt gerade mit Wucht zurück - und zwar weltweit.“ In der Runde ging es jedoch nicht nur um Zahlen und Analysen, sondern auch um eine persönliche Geschichte: Eva Umlauf, eine der letzten Holocaust-Überlebenden, berichtete von ihren frühen Kindheitsjahren.

Historiker Oliver von Wrochem machte unter anderem den Angriff der Hamas auf Israel für den wachsenden Antisemitismus im Land verantwortlich. (Bild: ZDF / Markus Hertrich)
Copyright: ZDF / Markus Hertrich
Umlauf wurde im Oktober 1942 in einem Arbeitslager im slowakischen Nováky geboren. Dort bekam sie bereits als Kleinkind eine Nummer tätowiert. „Später habe ich natürlich erfahren, was das war. Und die Nummer habe ich bis heute“, erklärte die Holocaust-Überlebende. Gleichzeitig offenbarte sie, dass zu lange über die Verbrechen des Nationalsozialismus geschwiegen worden sei. Ruth-Anne Damm, die Mitbegründerin des Vereins „Zweitzeugen e.V.“, ordnete dieses Schweigen historisch ein: „Die ganze Gesellschaft wollte weitermachen und Antisemitismus war nach wie vor omnipräsent. Der war ja nicht mit dem 8. Mai 1945 abgeschafft.“
„Man kann als jüdischer Mensch nicht mit einem Davidstern auf der Straße laufen“

Shoah-Überlebende Eva Umlauf blickte mit Sorge auf den steigenden Antisemitismus in der Gesellschaft. (Bild: ZDF / Markus Hertrich)
Copyright: ZDF / Markus Hertrich
Historiker Oliver von Wrochem lenkte den Blick anschließend auf einen gegenläufigen Trend: Das Interesse an Auseinandersetzung nehme zu. „Es ist auch vielleicht eine Gegenbewegung gegen den steigenden Rassismus, Antisemitismus, den Hass und die Hetze, die natürlich auch bei jungen Menschen inzwischen angekommen sind“, stellte von Wrochem fest. Als Lanz nach den Gründen für den Anstieg fragte, erklärte der Historiker: „Seit der Corona-Pandemie hat sich das verstärkt. Da gab es diese Querdenker-Bewegung. Es gab ganz, ganz viele Verschwörungstheorien. Das war der erste Schritt (...) einer Radikalisierung.“

Bei „Markus Lanz“ debattierte die Runde am Donnerstag über die Bedeutung der Erinnerungskultur und den Anstieg antisemitischer Vorfälle. (Bild: ZDF / Markus Hertrich)
Copyright: ZDF / Markus Hertrich
Als weiterer Faktor komme laut von Wrochem hinzu, dass „der Nahost-Konflikt oder der Angriff auf Israel durch die Hamas“ „eine Art Brandbeschleuniger in einem bestimmten Milieu“ gewesen sei. Außerdem sprach er über linken Antisemitismus, der sich im Laufe der Zeit „auch radikalisiert“ habe. Ruth-Anne Damm bestätigte den Trend und betonte, seit dem 7. Oktober hätten sich „antisemitische Straftaten (...) mehr als verdoppelt“. Ihre Diagnose fiel drastisch aus: „Wir sind in einer absolut prekären Situation. Man kann als jüdischer Mensch nicht mit einem Davidstern auf der Straße laufen. (...) Wie kann das sein?“ Zugleich formulierte sie eine klare Erwartung an die Gesellschaft: „Ich wünschte, wir hätten einen viel lauteren Aufschrei dagegen.“
Historiker warnt: „Eine breite Mehrheit der Gesellschaft ist offen für Antisemitismus“
Auch Eva Umlauf zeigte sich alarmiert und brachte ihre Beobachtung auf den Punkt: „Der Antisemitismus war immer schon da, nur jetzt ist er salonfähig geworden.“ Lanz fragte nach: „Wie erklären Sie sich das?“ Umlauf antwortete: „Weil irgendwie mehr Mut da ist gegen Juden.“ Antisemitische Taten seien „gestiegen, weil die Leute sich jetzt trauen und die werden dafür auch nicht bestraft“.
Zum Schluss warnte Oliver von Wrochem schließlich vor einem strukturellen Problem, das weit über einzelne Milieus hinausreiche: „Eine breite Mehrheit der Gesellschaft ist offen für Antisemitismus. (...) Es ist tatsächlich ein Problem in der deutschen Geschichte (...), dass Antisemitismus etwas ist, was die Menschen offensichtlich vereint.“ (tsch)