Karin Jedner sucht verzweifelt nach einer neuen Wohnung, die barrierefrei ist. Trotz Kapital, Wohnberechtigungsschein und viel Mühe findet sie nichts.
Frau Jedner sucht eine WohnungImmobilien-Irrsinn – Wenn 350.000 Euro nicht für 40 Quadratmeter reichen

Karin Jedner sitzt in ihrem 28 Quadratmeter großen Appartement in Sülz. Sie sucht seit zwei Jahren erfolglos eine neue barrierefreie Wohnung.
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Vor ein paar Wochen hat Karin Jedner (63) etwas in ihrer Zeitung gelesen und sich mächtig aufgeregt. Da stand: Die Stadtverwaltung beklagt, dass immer mehr Menschen gezwungen seien, in ihrer Wohnung zu bleiben, obwohl die nicht mehr zu ihren Lebensumständen passt.
Frau Jedner lebt auf 28 Quadratmetern. Seit 2002. In Sülz. Nicht weit vom Uni-Center. Eine der Betonbauten, mit denen es Anfang der 1970er Jahre Architekturpreise zu gewinnen gab.
Wohnung über 20 Jahre abgestottert
Zuerst war es ihre Studentenwohnung. Dann, nach der Trennung von ihrem Mann, ihr Eigentum. Das war 2010. Damals hat Frau Jedner erst nach etwas Größerem gesucht, sich aber dann gesagt: Eigentlich ist das immer Deine Wohnung gewesen. Und Du kriegst ja auch alles unter. Frau Jedner hat die Wohnung damals gekauft und über 20 Jahre abgestottert.
Vor dreieinhalb Jahren ändern sich die Lebensumstände. Schlagartig. Frau Jedner erkrankt an Post-Covid, hat neurologische Ausfälle, kann am Anfang nicht einmal mehr laufen, hat Sprachstörungen wie bei einem Schlaganfall. Der Mundwinkel hängt schief. Darauf achtet damals keiner, weil alle immer noch Masken tragen.
Frau Jedner kann die Arme nur noch bis auf Kopfhöhe heben. Sie glaubt, das wird schon wieder, kauft sich ein Klappbrett, um Sachen aus den Kartons zu holen, die auf den Schränken stehen. In der Küche steht jetzt alles voll. Ihre Beweglichkeit bessert sich, ist aber immer noch eingeschränkt.
Auf den Rollator angewiesen
Frau Jedner ist auf den Rollator angewiesen. Und darauf, dass ihr jemand hilft, ihn die vier Stufen herunterzutragen, wenn sie aus dem Haus muss. Und das muss sie. Dreimal pro Woche. Zweimal zur Physio. Und einmal zum Aquasport nach Hohenlind. Frau Jedner hat sich ein Pflegebett gekauft. Damit sie morgens weiter ohne fremde Hilfe aufstehen kann.
Gut. Das sind jetzt Deine Lebensumstände, sagt sich Frau Jedner. Du musst Dir eine barrierefreie Wohnung suchen. Vielleicht 40 Quadratmeter. Oder 45. Mehr Fläche, weil Frau Jedner nichts mehr bis unter die Decke stapeln kann. Zur Miete. Oder zum Kauf. Das ist jetzt knapp drei Jahre her.
Frau Jedner beantragt einen Wohnberechtigungsschein. Sie kontaktiert zahllose Genossenschaften. Alle haben Aufnahmestopp, weil der Wohnungsbestand schon für die Mitglieder nicht reicht. Sie meldet sich bei den Suchportalen aller Großanbieter an, schließt ein Bezahl-Abo bei Immoscout ab. Sie inseriert in der Zeitung und online, kontaktiert Beratungsstellen, die alle auf Pari-Sozial verweisen. Nach einem Jahr Wartezeit besucht sie eine Beraterin und stellt fest: Ihre Wohnung kann nicht behindertengerecht umgebaut werden. Sie ist zu klein.
Immerhin. Frau Jedner bekommt zwei Angebote. Eines ist zwei Tage zuvor schon bei Immoscout erschienen, für das andere ist sie „nicht behindert genug“.
Zwei Angebote des Wohnungsamts
Frau Jedner bekommt auch zwei Angebote des Wohnungsamts. Eine Kellerwohnung in Nippes, eine in Stammheim. Sie muss ablehnen, weil das für ihre Physiotherapie in Hohenlind viel zu weit weg ist. Ein Jahr später versucht sie es noch einmal. Man habe ihr schließlich zwei Wohnungen vermittelt. Die habe sie abgelehnt. Bei der Wohnungssuche sei vor allem Eigeninitiative gefragt.
Dann endlich der ersehnte Treffer. Über Vitamin B bekommt Frau Jedner einen Besichtigungstermin in einer recht neuen Wohnanlage der Sülzer Genossenschaft. 47 Quadratmeter, Balkon, Tiefgarage, barrierefrei mit WBS. Wunderbar. Bis auf die Badewanne. Rein käme sie notfalls noch. Raus nicht. Kein Problem, sagt Frau Jedner. Sie will das Bad auf eigene Kosten umbauen. Mit einer Dusche. Oder wenigstens einer Türe für die Wanne. Und sogar Geld für einen Rückbau hinterlegen. Das wird nicht akzeptiert.
Frau Jedner versucht es in Wohnanlagen für Senioren. Entweder ist die Miete unerschwinglich. Oder sie soll 400 Euro zusätzlich für ein Servicewohnen bezahlen, das sie nicht braucht. Das Mittagessen um 11.30 Uhr muss man auch bezahlen, wenn man nicht teilnimmt.
Frau Jedner schreibt an alle, die aus ihrer Sicht für die Wohnungsnot verantwortlich sind. Das NRW-Bauministerium, den NRW‑Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann und Karl Lauterbach für den Bund, den Beauftragten der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen, den NRW-Ministerpräsidenten, die Bürgermeisterin von Lindenthal, die Oberbürgermeisterin von Köln und den Bundespräsidenten. Frau Jedner ist keine Querulantin. Frau Jedner ist ausdauernd.
Im Kommunalwahlkampf im Spätsommer setzt sich Frau Jedner mit einem Schild auf die Sülzburgstraße zwischen die Stände der SPD und der Grünen. Suche Wohnung. Zur Miete oder zum Kauf.
20 Suchprofile bei Maklern
Sie erstellt Suchprofile bei 20 Maklern, registriert sich bei der Wohnungstauschbörse. Frau Jedner wundert sich, dass 350.000 Euro Eigenkapital offenbar nicht reichen, um in Köln eine barrierefreie 40-Quadratmeter-Wohnung zu finden. 350.000 Euro. Auf die Kralle. Abgesichert durch ihren Ex-Mann, mit dem sie sich immer noch gut versteht.
Frau Jedner hat ein Jurastudium aufgenommen, sitzt täglich an ihrem Computer, wenn die Finger mitmachen. Weil sie verstehen will, was Gerechtigkeit ist.
Frau Jedner hat das alles in einem dicken Aktenordner dokumentiert. Den gesamten Schriftverkehr. Damit jeder nachlesen kann, was sie alles versucht hat, sollte sie eines Tages aufgeben und „Schluss machen“. Weil sie nicht mehr kann. Und dann sagt Frau Jedner noch, dass sie sich 23 Jahre um alles gekümmert hat, was in ihrem Haus so anfiel.
Einschließlich der Münzen für die drei Waschmaschinen im Keller. Die verwaltet sie immer noch. Heute habe keiner mehr 50 Cent-Stücke, die auch in den Schlitz passen, weil alle nur noch mit Karte zahlen, sagt Frau Jedner.
Frau Jedner lebt auf 28 Quadratmetern. Seit 2002. In Sülz. Sollte sich jemand finden, der ihr 40 Quadratmeter anbietet, barrierefrei und behindertengerecht, würde sie auch mit Karte zahlen. Oder per Onlineüberweisung. Die Miete oder den Kaufpreis. Und mit ein paar Waschmünzen umziehen. Ansonsten alleinstehend, ruhig, freundlich, hilfsbereit, Nichtraucher und keine Haustiere.
Es sollte bitte nur eine Wohnung sein, die zu ihren Lebensumständen passt. Sagt Frau Jedner.
Zehn Fakten zum Kölner Wohnungsmarkt
1. Die Mieten haben sich laut Kölner Haus- und Grundbesitzerverein 2025 uneinheitlich entwickelt. Auffällig sind Steigerungen bei älteren und größeren Wohnungen ab 120 Quadratmeter. Wohnungen, die vor 1975 gebaut wurden, sind die günstigen auf dem Markt und deshalb besonders gefragt. Vor allem Familien mit Kindern ziehen häufiger aus Köln weg, weil es zu wenig größere Wohnungen gibt.
2. Weit überwiegend wohnen die Kölner in Mehrfamilienhäusern, nur ein Sechstel lebt in Ein- oder Zweifamilienhäusern. Drei Prozent leben in laut der Statistik in „anderen Gebäuden mit Wohnraum“, etwa Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe oder für Geflüchtete, die dem regulären Wohnungsmarkt nicht zur Verfügung stehen.
3. 573.221 Haushalte zählte Köln 2024 insgesamt, die Anzahl war leicht gestiegen gegenüber dem Vorjahr, um 0,26 Prozent oder 1509 Haushalte – das entspricht dem jahrelangen Trend. Grund dafür ist ein leichter Zuwachs an Einwohnerinnen und Einwohnern. Hinzu kommt die Tendenz, dass in einer Wohnung weniger Menschen als früher leben.
4. In der Hälfte aller Kölner Haushalte lebt nur ein einziger Mensch (51,9 Prozent), eine leichte Zunahme gegenüber dem Vorjahr (51,7). Ein weiteres Viertel der Haushalte ist von zwei Personen gemeinsam bewohnt.
5. Viele Menschen können oder möchten sich nicht mehr Platz leisten, als unbedingt nötig ist. In Köln wohnte man im Jahr 2024 pro Person auf 40,35 Quadratmeter. Das sind knapp zehn Quadratmeter weniger als der Bundesschnitt.
6. 32,5 Prozent ihres Haushaltseinkommens zahlen Kölnerinnen und Kölner für die Bruttokaltmiete 2023. Allerdings bleibt die Mietbelastung laut Stadt seit 2013 auf einem tendenziell stabilen Niveau. Alleinlebende geben einen höheren Einkommensanteil für Miete aus als Paare.
7. Die Zahl der öffentlich geförderten Wohnungen nimmt weiter ab. Waren es 2024 noch rund 40.000, soll die Zahl laut einer Prognose in zehn Jahren auf 30.000 sinken. Sie sind im Monat pro Quadratmeter im Schnitt drei Euro günstiger als die restlichen Wohnungen in der Stadt, laut Mietspiegel 6,47 statt 9,31 Euro in einer mittleren Wohnlage.
8. Die Zahl der klassischen Mietangebote geht in Köln seit zehn Jahren stark zurück. Das geht aus dem Mietindex Greix der Kiel Instituts für Weltwirtschaft hervor. Danach wurden in Köln im ersten Quartal 2026 in Immobilienportalen nur noch 65 Prozent der Mietwohnungen mit klassischen Verträgen inseriert, also ohne Möbel und in der Regel mit unbefristeten Verträgen. 2015 lag der Marktanteil noch bei 80 Prozent. Angebote zum Wohnen auf Zeit, also befristet, kommen auf 23 Prozent. Unbefristete Mietverträge sind in den Inseraten immer häufiger nur mit möblierten Wohnungen verbunden. Das Segment liegt inzwischen bei zwölf Prozent. Vor zehn Jahren waren es nur vier Prozent.
9. Beim Anstieg der Mietpreise in den acht größten Städten nimmt Köln im ersten Quartal 2026 im Vergleich zum Vorjahr mit einem Plus von 4,9 Prozent den Spitzenplatz ein, gefolgt von Hamburg (plus 4,7) und Düsseldorf (plus 4,4). München (plus 3,3) und Frankfurt (plus 2,7) verzeichneten weiterhin merkliche Zuwächse, während Stuttgart nur noch um 1,1 Prozent zulegte.
10. Laut Stadtverwaltung hat die 2015 eingeführte Mietpreisbremse zwei Schlupflöcher. Im Prinzip gilt sie auch für möblierte Wohnungen. Weil die Höhe des Möblierungszuschlags nicht genau festgelegt ist, könnten Mieter den Zuschlag auf die Kaltmiete kaum nachvollziehen. Für Wohnungen, die „zum vorübergehenden Gebrauch“ vermietet werden, gelten weder die Mietpreisbremse noch der Kündigungsschutz. Diese Schlupflöcher hofft die Bundesregierung mit verschärften Regeln zu schließen. Das hat das Bundeskabinett Ende April beschlossen.

