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„Sie betreiben Intoleranz“Louis Klamroth muss bei heftiger ESC-Debatte dazwischengehen

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„Hart aber fair“-Moderator Louis Klamroth (links) muss dazwischengehen, als sich Hubert Aiwanger und Marie-Agnes Strack-Zimmermann in die Haare kriegen. (Bild: WDR/Oliver Ziebe)

„Hart aber fair“-Moderator Louis Klamroth (links) muss dazwischengehen, als sich Hubert Aiwanger und Marie-Agnes Strack-Zimmermann in die Haare kriegen. (Bild: WDR/Oliver Ziebe)

„Musik- oder Haltungswettbewerb?“: Knapp eine Woche vor der Austragung des Eurovision Song Contest 2026 aus Wien gingen bei „Hart aber fair“ die Wogen hoch.

Für den Lacher des Abends sorgte am Montag eindeutig Hubert Aiwanger von den Freien Wählern. „Ich bin der Toleranteste aller Zeiten“, sagte der stellvertretende bayrische Ministerpräsident - und es gelang ihm dabei sogar, eine ernste Mine zu behalten. Das Publikum und die Gäste der Runde brachen hingegen in Gelächter aus. Aiwangers Argument, dass er sogar gegen die Impfpflicht gewesen sei, ignorierte Moderator Louis Klamroth. Schließlich ging es in der Sendung „Hart aber fair“ nicht um Corona, sondern um die Frage: „Mehr als Musik - wie politisch ist der ESC?“

„Wenn der ESC die Demokratie retten müsste, wäre das traurig“, hatte Aiwanger auch auf diese Frage eine Antwort. Generell werde die Veranstaltung seinem Verständnis eines europaweiten Gesangswettbewerbs nicht gerecht. „Der Klamauk wird in den Vordergrund gerückt“, kritisierte er Auftritte wie die der österreichischen Kunstfigur Conchita Wurst, die 2014 den Songcontest gewonnen hatte. Das mache viel kaputt, denn der „Normalbürger“ könne damit wenig anfangen.

„Die Diskussion ist absurd“

Auch als der Journalist Ronen Steinke von der „Süddeutschen Zeitung“ an Guildo Horn erinnerte, der 1998 in einem schrillen Outfit die Bühne gerockt hatte, konnte sich Aiwanger den Kommentar nicht verkneifen: „Das ist das Ziel, dass Künstler auftreten, die sich selbst nicht ernst nehmen?!“, meinte er zynisch. „Vielleicht sollten Sie sich nicht so ernst nehmen“, konterte Steinke. „Was normal ist und was nicht, die Kategorie ist in Ihrem Kopf“, ärgerte er sich über Aiwangers „Normalbürger“-Aussage.

„Jetzt kommt die Schublade, in die Sie mich gerne stecken würden“, ätzte der Politiker, doch der Journalist hielt dagegen: Dass Menschen, die anders seien und aus der Reihe tanzen, bei so einer Veranstaltung gezeigt werden, sei eine „tolle Symbolik“. Damit konnte er Aiwanger nicht überzeugen: „Das ist kein Musikwettbewerb.“ Statt um Musik und Qualität gehe es zu viel um Inhalte und Haltung.

Kunst sei immer Ausdruck von etwas und werde nur als „Haltung abgetan, wenn es nicht Ihre Vorstellungen trifft“, wurde Steinke jetzt erst recht wütend, „das ist verächtlich anderen gegenüber“.

„Die Diskussion ist absurd“, mischte sich die europäische FDP-Abgeordnete Marie-Agnes Strack-Zimmermann ein, die während des ESC 2011 in Düsseldorf erste Bürgermeisterin war. „Wenn 160 Millionen Menschen zuschauen, weil es sie fasziniert und Singen völkerverbindend ist, ist das eine Frage der Demokratie. (...) Demokratie bedeutet immer Toleranz.“ Zudem sei nicht alles schrill und schräg, meinte sie in Richtung Aiwanger und warf ihm Intoleranz vor.

„Sie betreiben Intoleranz mir gegenüber“, regte das den Politiker so auf, dass sich Strack-Zimmermann zu einem kühlen „Tief durchatmen“ hinreißen ließ. „Sie beide sollten tief durchatmen“, griff Klamroth das Stichwort auf. Das hielt die Streithähne aber nicht davon ab, weiter zu debattieren. Der Moderator musste sich buchstäblich dazwischen lehnen, um sie zu trennen.

Katja Ebstein: „Wenn wir miteinander singen, schießen wir nicht aufeinander“

Vom Tisch war die politische Funktion des ESC damit aber nicht, boykottieren doch fünf Länder aus Protest gegen die Teilnahme Israels die diesjährige Jubiläumsveranstaltung. „Es ist nicht die beste Ausgangssituation, um 70 Jahre ESC zu feiern“, sei das laut Miguel Robitzky, der für die ARD über den ESC aus Wien berichtet, an allen Ecken und Enden zu merken. In der Stadthalle und bei den Public Viewings herrschten „Sicherheitsvorkehrungen wie am Flughafen, ein extrem hohes Polizeiaufkommen, das FBI ist involviert“, zählte Co-Moderatorin Caro Wobs die Maßnahmen auf.

Dass bei Musik- und Sportevents so eine Sicherheitsstufe herrsche, sei bedenklich, warnte Strack-Zimmermann vor einer zunehmenden Radikalisierung von Großveranstaltungen. Dabei hätten solche Events die Chance, Menschen im positivsten Sinn zusammenzuführen. „Wenn wir miteinander singen, schießen wir nicht aufeinander“, brachte es die dreifache Grand-Prix-Teilnehmerin Katja Ebstein auf den Punkt. Weniger klar stand sie dem Boykott Israels gegenüber - und war damit nicht allein.

Man dürfe die Zivilgesellschaft und die Künstler nicht mit der israelischen Regierung in einen Topf werfen, sprach sich Steinke für eine Differenzierung aus. Strack-Zimmermann pflichtete bei: Es gehe nicht um den „Fanclub von Herrn Netanjahu, sondern um Sängerinnen und Sänger“. Beide sahen einen großen Unterschied zu Russland, das bereits 2022 vom ESC ausgeschlossen wurde. Anders als in Israel sei „der russische Rundfunksender der verlängerte Arm Putins, hier sitzt das russische Regime am Tisch“, wollte Steinke den ESC nicht als Arena für Politiker, sondern für die Kunst verstanden wissen.

„Ach, jetzt doch?“, sah sich Aiwanger in seinem Anfangsargument bestätigt. Und auch der deutsche ESC-Beitrag „Fire“ von Sarah Engels ist offenbar ganz nach seinem Geschmack: „Das ist kein Klamauk, mit dem kann ich gut leben.“ Dann kann ja nichts mehr schiefgehen ... (tsch)