Euskirchener Kleinkunstpreis: Gesellschaftskritik vom Sieger, erstaunliche Akustik des Zweitplatzierten und Noltalgie vom Wettbewerbsdritten.
KleinkunstpreisGute Unterhaltung funktioniert in Euskirchen auch ohne große Worte

Aufgedreht und im ständigen Zusammenspiel mit dem Publikum sorgte Bartuschka für zahlreiche Lacher.
Copyright: Cedric Arndt
Mit 18 Jahren ist man in Deutschland volljährig. Ein großer Tag! So war es auch für die Organisatoren des Euskirchener Kleinkunstpreises, die die 18. Ausgabe ihrer weit über die Stadtgrenzen hinaus beliebten Veranstaltung feierten. „Wenn man erstmal volljährig ist, bekommt man auch mehr Taschengeld“, scherzte Gaby Bärenklau von der gastgebenden Beratungsstelle Frauen helfen Frauen im Kreis Euskirchen. Sie hieß das Publikum zwar nicht wie gewohnt im Stadttheater, sondern in der Aula der Marienschule willkommen, hatte mit dieser Anspielung auf die Sponsoren jedoch den ersten Lacher auf ihrer Seite: „Zum ersten Mal können wir das Preisgeld für unseren Gewinner oder unsere Gewinnerin auf 2000 Euro anheben.“
Ein zusätzlicher Anreiz für die sieben Akteure, die mit ihren abwechslungsreichen Programmen um die Gunst des Publikums wetteiferten. Erneut waren es nämlich die Zuschauer, die mit ihren Stimmzetteln den aus ihrer Sicht besten Auftritt kürten. „Die Jury hat im Vorfeld wieder aus etwa 60 Bewerbungen ausgewählt. Dafür saßen sie mehrere Abende zusammen, um die sieben Personen auszuwählen, die heute zu sehen sein werden“, erklärte Bettina Glück vom Organisationsteam.
Der Frankfurter Amir Shahbazz schnappte sich den Sieg in Euskirchen
Die einzige Konstante auf der Bühne, über die es im Vorfeld keinerlei Diskussionen gibt und über die seit Jahren Einigkeit herrscht, ist Katharina Hoffmann. Die Siegerin des Kleinkunstpreises aus dem Jahr 2017 hat es seither immer wieder geschafft, die Herzen von Veranstaltern und Publikum zu gewinnen und führte erneut mit ihrer derben und zugleich herzlichen Art durch das Programm: „Ein solcher Abend ist ein wenig so, als würde man Äpfel mit Birnen vergleichen. Alle Auftritte sind so abwechslungsreich und vielseitig, dass sie alle einen Preis verdient hätten. Wir stimmen trotzdem für einen Sieger ab, schließlich sind wir hier bei einem Wettbewerb und nicht auf der Waldorfschule.“

Den Kleinkunstpreis gewann in diesem Jahr Amir Shahbazz.
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Ganz ohne Worte präsentierte Drop Bert eine akustisch und optisch eindrucksvolle Bühnenshow und landete damit auf dem zweiten Platz.
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Die Protagonisten fanden schnell neue Fans unter ihren Zuschauern. Allen voran Amir Shahbazz. Er konnte sich über den Sieg freuen. Mit den Erfahrungen eines ursprünglich aus Pakistan stammenden Frankfurters, seiner Gesellschaftskritik und einer gehörigen Portion Selbstironie trieb er vielen Gästen mit seinem 15-minütigen Programm die Lachtränen in die Augen. „Die Welt braucht ein Lachen. Wir dachten damals, Corona wäre das Schlimmste, was uns passieren kann. Und dann wurde es immer schlimmer.“ Für einige Probleme lieferte der Stand-up-Comedian gleich die passende Lösung.
Beispielsweise, indem er Jens Spahn als Strafe auferlegt, seine Masken von jetzt an täglich selbst tragen zu müssen, sogar beim Essen und unter der Dusche. „Amerika macht auch, was Amerika so macht“, lenkte er den Fokus gleich im Anschluss nach Übersee und kam auf die Verschleppung des venezolanischen Präsidenten zu sprechen. „Eine schlimme Sache, ohne Frage, aber zumindest wurde die Zivilbevölkerung verschont. Stellen wir uns doch mal vor, das würde bei uns passieren und jemand würde Friedrich Merz entführen. Würden wir uns da beschweren?“
Wir stimmen trotzdem für einen Sieger ab, schließlich sind wir hier bei einem Wettbewerb und nicht auf der Waldorfschule.
Den zweiten Platz schnappte sich „Drop Bert“ hingegen ganz ohne Worte. Jede seiner Handlungen untermalt er mit passenden Geräuschen. Allein durch Chips knabbern, am Kopf kratzen und Beatboxing mit einer Loop-Station kreiert er komplette Melodien. So bot der Hannoveraner eine akustisch und optisch eindrucksvolle Show. Komplettiert wurde sein Auftritt durch eine Jonglage, mit der er die Aula des Gymnasiums für einige Minuten in eine kleine Zirkusarena verwandelte.
Für die dritte Person, die das Siegertreppchen betreten durfte, stellte der Auftritt auch ein persönliches Highlight dar. Erst einen Tag vor der Veranstaltung hatte Markus Kapp von seiner Nominierung erfahren, da er kurzfristig für einen erkrankten Kollegen einsprang. Dennoch reichte dem ehemaligen Musik- und Religionslehrer die kurze Vorbereitungszeit, um mit seinen nostalgischen Erzählungen zu punkten.
Der Drittplatzierte rückte erst einen Tag vor der Veranstaltung nach
Etwa die Erinnerung daran, wie man in der Eisdiele für 90 Pfennig eine riesige Waffel bekommen hat. Oder vom Kiosk mit nur einer Mark im Portemonnaie mit einem Rucksack voller Süßigkeiten nach Hause kommen konnte. „Und heute? Heute sind leider überall Überwachungskameras.“ Die Protagonisten alter Kinderserien wie Pipi Langstrumpf oder Biene Maja wurden ebenfalls augenzwinkernd durch den Kakao gezogen, während Markus Kapp, sich selbst am Klavier begleitend, von ihren heutigen Berufsentscheidungen sang.
Auch dank Suse Lichtenberg, die über ihren Alltag als dreifache Mutter berichtete, kam das Publikum in den Genuss musikalischer Beiträge. So sang die in Wien beheimatete Comedienne von den Problemen mit ihrem Mann, der immer sein Hirn ausschalte, sobald er sicher sei, dass die Frau bereits über ein Thema nachdenke. Oder sie bat ihr Publikum um Rat, ob sie nun endlich die Kindersicherungen in den Steckdosen entfernen dürfe, da ihre Kinder mittlerweile 20, 18 und 16 Jahre alt seien. Ebenfalls musikalisch und unter dem vielsagenden Motto „Das letzte Einhirn“ lieferte Melvin Haack, inspiriert lediglich durch einen verbrannten Toast, den Beweis, dass jeder Mensch, egal welche Stellung er im Leben einnimmt, doch nur aus Kohlenstoff besteht.
Für den Auftritt in Euskirchen extra einen Limerick geschrieben
Komplettiert wurde das Bühnenprogramm durch Bartuschka und Mai Horlemann. Obwohl beide auf ein auffälliges Outfit setzten, hätten ihre Auftritte kaum unterschiedlicher ausfallen können. Erstere präsentierte sich in ihrem neongelben Kleid und gleichfarbiger Perücke auf lebensfrohe und aufgedrehte Weise. Dafür holte sie sich Unterstützung aus dem Publikum, das ihr für ihre Karikaturen als Motiv diente. Deutlich ruhiger sorgte im Anschluss Mai Horlemann mit ihrer gut pointierten Lyrik für ausgelassene Stimmung. Zu diesem Zweck hatte sie im Vorfeld extra einen eigens für Euskirchen geschriebenen Limerick vorbereitet, mit dem sie vor dem Publikum punkten konnte.
Neben all der guten Laune, die die Akteure mit Humor und Kreativität in der Schulaula verbreiteten, stand der gemeinnützige Zweck im Mittelpunkt, dem der Gewinn des Abends zugute kommt. „Der Reinerlös fließt wie gewohnt in die Arbeit des Vereins Frauen helfen Frauen“, erklärte Bettina Glück. Damit soll die Arbeit in den drei Einrichtungen, der Frauenberatungsstelle, der Beratungsstelle für Schwangerschaftskonflikte und Familienplanung sowie dem Schutzhaus für Frauen und Kinder unterstützt werden. So entwickelte sich der Kleinkunstpreis nicht nur zu einer spaßigen Abendunterhaltung für das Publikum und die Akteure, sondern bietet auch die Möglichkeit, in Not geratenen Frauen und Mädchen beizustehen.
