Solo-Tanz wird immer beliebter. Die 18-jährige Mia Kaiser aus Sankt Augustin brauche bei diesem Sport keinen Mann, der sie „schön darstellt“.
Paartanz ohne PartnerSankt Augustiner Solo-Tänzerin erzählt, wie der Sport ihr Selbstbewusstsein stärkt

Die Schülerin Mia Kaiser (18) trainiert Solo-Tanz beim Tanzsportkreis Sankt Augustin.
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Ein Turnier im Standard- und Lateintanz, aber etwas ist anders als sonst: Die Tänzerinnen und Tänzer stehen allein auf der Bühne, ohne Partnerin oder Partner tanzen sie Tänze wie Cha Cha Cha, Jive oder Walzer. Immer mehr Tanzschulen bieten Kurse im Solotanz an.
Den Tanzsport gibt es beim Deutschen Tanzsportverband erst seit wenigen Jahren, 2023 fanden die ersten Wettbewerbe statt. „Irgendwann hat man gesehen: Es gibt einen Trend, wo junge Leute tanzen möchten, nur haben die keinen Partner oder wollen alleine tanzen“, sagt Maria Vlekke, Pressewartin des Tanzsportkreises Sankt Augustin. Die Tanzschule war von Anfang an dabei: „2023 hatten wir hier unser Pilotprojekt mit Turnier im Solotanz“, berichtet Vlekke.
Am Anfang suchte Mia Kaiser noch nach einem Tanzpartner – heute tanzt sie lieber alleine
Hier trainiert auch die Sankt Augustiner Schülerin Mia Kaiser. Schon in ihrer Kindheit hat die 18-Jährige mit dem Tanzen begonnen, inspiriert von der TV-Show „Let's Dance“. Nachdem während der Coronazeit kein Tanztraining möglich war, fing sie 2023 wieder an mit dem Ziel, auf Turnierlevel zu trainieren.
„Am Anfang habe ich tatsächlich einen Tanzpartner gesucht – aber nicht super aktiv, vielleicht auch weil ich ein bisschen zu schüchtern war“, erzählt die Schülerin. Über den Tanzsportkreis erfuhr sie von den damals ersten Turnieren im Solo-Tanz: „Das fand ich sofort spannend. Solo-Tanz hat viele Vorteile. Ohne Partner hat man ganz allein die Verantwortung für das Ergebnis.“ Dadurch, dass man sich nicht mit jemand anderem absprechen und seine Haltung aneinander anpassen müsse, habe man auch mit niemandem Konflikte.
Ohne Partner hat man ganz allein die Verantwortung für das Ergebnis.
An der Sankt Augustiner Tanzschule tanzen aktuell vier Solo-Tänzerinnen, die parallel zu den Turnier-Paaren trainieren. „Dabei schafft meine Trainerin meine Choreografie so, dass die Figuren auch gut ohne Partner tanzbar und an meine Stärken angepasst sind“, erzählt Mia Kaiser. Generell werden beim Solo-Tanz Schritte aus Standard- und Lateintänzen getanzt. Sie tanze jedoch vor allem Latein, da die Schritte und Haltungen hier allein besser umsetzbar seien, sagt Mia Kaiser. Ohne Partner biete sich oft mehr Raum für kreative Bewegungen: Beispielsweise könne sie die Arme besser in die Bewegungen einbeziehen, wenn sie sich nicht an jemandem festhalten müsse.
Der Mangel an Männern im Paartanz sei ein Grund für die zunehmende Beliebtheit von Solo-Tanz, aber nicht der einzige, sagt Kaiser. „In meinem Alter gibt es kaum männliche Tanzpartner, und dann muss es natürlich auch charakterlich passen. Deswegen finde ich die Option, solo zu tanzen, super.“ Durch Equality-Tanz hätte es für sie auch die Möglichkeit gegeben, mit einer anderen Frau auf Turnierlevel zu trainieren. „Am Anfang habe ich noch mit einer Freundin getanzt, aber wir wollten dann beide gerne die Frauenschritte lernen – für mich ist es schöner, mich beim Tanzen auch weiblich zu fühlen“, sagt Mia Kaiser.
Bei Turnieren allein auf der Bühne stehen: Nervenufreibend, aber stärkend
Als Solotänzerin hat Mia Kaiser schon auf fünf Turnieren mitgetanzt, unter anderem auf der Dancecomp in Wuppertal. Hier sei es vor allem am Anfang für sie nervenaufreibend gewesen, allein auf der Tanzfläche zu stehen und für jeden Fehler verantwortlich zu sein. „Es ist aber auch sehr selbstbewusstseinsfördernd. Man ist quasi auf dem Präsentierteller und total raus aus der Komfortzone. Dadurch wird man von Turnier zu Turnier aber auch selbstsicherer auf der Fläche.“ Deswegen würde sie heute auch dann beim Solo-Tanz bleiben, wenn sie einen Tanzpartner finden würde, so Kaiser: „Es ist ein gutes Gefühl, dass man keinen Herren braucht, der einen schön darstellt, sondern dass ich das auch selbst kann.“
Mia Kaiser trainiert etwa fünfmal die Woche in Gruppen oder allein. Ansonsten steckt die Zwölftklässlerin gerade im Abitur. Das Tanztraining habe ihr dabei geholfen, im Schulstress einen Ausgleich zu finden. „Wir sehen sie sehr regelmäßig alleine trainieren – Ohrstöpsel rein, und dann ist sie in einer anderen Welt“, sagt Pressewartin Maria Vlekke. „Ich hab mir schon oft gedacht, sie hat ihr Bett hier stehen.“
Wie lange man wann trainiert, sei als Solo-Tänzerin eben auch besser planbar. Vlekke freut sich, dass der Tanzsport auch im Rhein-Sieg-Kreis angekommen ist und immer beliebter wird: „Ich finde es so wichtig, dass die junge Generation von Frauen selbstbewusst ihren Weg geht – vor allem, wenn ich sehe, wie rückständig das Frauenbild bei manchen Menschen noch immer ist.“
