In der Pandemie rutschte Jonas in die Mediensucht. Nun helfen Kliniken immer mehr Jugendlichen, die Kontrolle zurückzugewinnen.
„Ich hatte keine Freunde“Ein 17-Jähriger erzählt von seiner Spielsucht und Therapie

Die Therapie von Jonas ging über drei Monate, sie bestand aus Einzelgesprächen und später einer wöchentlichen Gruppentherapie.
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Jonas ist heute in der Lage, die Ursachen für sein damaliges Abdriften in die digitale Sphäre zu benennen. Der 17-Jährige berichtet, dass dies in der Zeit der Corona-Pandemie passierte. „Die Leute hatten einfach Leerlauf - ich auch. Dann habe ich angefangen zu spielen.“ Sein Dasein wurde von Computerspielen bestimmt, und er verbrachte täglich unzählige Stunden vor dem Monitor. Außerhalb des Internets pflegte er keine sozialen Beziehungen. „Ich hatte keine Freunde. Meine Freizeit hat am Computer stattgefunden.“
Über seinen übermäßigen Medienkonsum redet Jonas mittlerweile ohne Scheu. Die Einsicht, dass sein Umgang damit problematisch war, entwickelte sich allerdings nicht von selbst, sondern war das Resultat einer Behandlung am Klinikum Nürnberg vor rund anderthalb Jahren. Eine spezielle Sprechstunde für junge Menschen mit Mediensucht wird dort seit April 2023 angeboten, da sich die Problematik seit der Corona-Pandemie verstärkt hat.
Psychologen beobachten Zunahme seit der Pandemie
Laut dem Psychologen Philipp Martzog sind hauptsächlich Jungen zwischen 14 und 15 Jahren betroffen. Ein besonderes Risiko bestehe für Heranwachsende mit ADHS, Depressionen, sozialen Phobien oder für diejenigen, die Mobbing oder schlechte Schulleistungen erfahren. In der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie in Nürnberg behandelten er und das Fachteam bislang circa 80 junge Personen mit bedenklichem Medienkonsum, die meisten davon, wie auch Jonas, im ambulanten Rahmen.
Experten definieren ein bedenkliches Mediennutzungsverhalten so, dass die Betroffenen die Steuerung über die Dauer ihrer Nutzung von Smartphone, Computer oder Spielkonsole einbüßen. Die Mediennutzung dominiert dann den Alltag und nachteilige Konsequenzen werden akzeptiert. „Es werden Freunde vernachlässigt, die Schule und die Körperhygiene. Man putzt sich seltener die Zähne oder duscht weniger“, erläutert Martzog.

Der Psychologe Philipp Martzog betreut am Klinikum Nürnberg junge Menschen mit Mediensucht.
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Die mangelnde Krankheitseinsicht der Betroffenen stellt häufig ein Kernproblem dar. Jonas selbst gibt an, dass er ohne den Zwang seiner Mutter niemals eine Behandlung begonnen hätte. Er ist bis heute nicht gänzlich überzeugt, dass diese für ihn notwendig war. „Ich habe das Computerspielen mehr wie ein Hobby betrieben, zwar wie ein extremes“, sagt er rückblickend. Er wisse aber von Fällen, bei denen Betroffene seit anderthalb Jahren die Schule meiden. Bei ihm sei die Situation nicht derart gravierend gewesen, unterstreicht er, gesteht jedoch ein, seine schulischen Pflichten vernachlässigt zu haben.
Rehaklinik bietet stationäres Programm an
Erik Kolfenbach, der die Klinik Schönsicht in Berchtesgaden als Chefarzt leitet, bekräftigt, dass zumeist die Eltern die Initiative für eine Therapie ihrer Kinder ergreifen. Die Rehaklinik für Kinder und Jugendliche bietet als Modellprojekt ein sechswöchiges stationäres Programm für die Altersgruppe von 12- bis 17-Jährigen an. Entwickelt wurde dieses gemeinsam mit der Berliner Charité, welche das Vorhaben nach dessen Abschluss auswerten wird.
„Es kommen bislang eher Kinder aus der Mittel- und Oberschicht, wo die Eltern scheinbar eher für die Problematik sensibilisiert sind und auch die Bildung ihrer Kinder stärker im Blick haben“, sagt Kolfenbach. Das Programm wurde bereits von rund 50 Heranwachsenden absolviert. Davon fielen zwei Drittel insbesondere auf, weil sie dem Schulunterricht fernblieben, um sich digitalen Spielen zu widmen, durch soziale Netzwerke zu navigieren oder Videoinhalte anzusehen.
Laut dem Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie resultiert der unkontrollierte Medienkonsum oft in „heftigen Auseinandersetzungen im Elternhaus“. Die Jugendlichen seien trotz der negativen Aspekte nicht in der Lage, ihr Verhalten eigenständig zu modifizieren. Eine besondere Herausforderung bei Mediensucht bestehe darin, dass anders als bei einer Alkoholabhängigkeit kein vollständiger Verzicht umsetzbar ist. „Unsere Gesellschaft ist durchdigitalisiert. Das beinhaltet noch mehr die Gefahr eines Rückfalls“, erklärt Kolfenbach.
Alternative Freizeitgestaltung als Therapieziel
Im Verlauf der Rehabilitation sollen die jungen Menschen beispielsweise lernen, ihre Gefühle zu steuern, die eigene Konfliktkompetenz zu steigern und ihre Selbstbeherrschung zu festigen. Darüber hinaus ist es ein zentraler Bestandteil, die neu verfügbare Zeit mit alternativen Beschäftigungen auszufüllen. Aus diesem Grund beinhaltet der Therapieplan reichlich Sport, Kunsttherapie sowie Töpferkurse.
Die Behandlung von Jonas erstreckte sich über drei Monate und umfasste sowohl Einzelsitzungen als auch eine Gruppentherapie auf wöchentlicher Basis. „Gemeinsam haben wir uns ein Ziel gesucht, das jeder am Ende der Therapie erreichen möchte“, erläutert er. Für ihn persönlich bestand das Ziel darin, einen regelmäßigen Besuch im Fitnessstudio zu etablieren.
„Ich habe es persönlich geschafft, weniger Zeit vor dem Monitor zu verbringen, langsam und schleppend. Aber dann doch am Ende, indem mein Tag sich einfach Stück für Stück mit Verantwortung gefüllt hat“, sagt Jonas heute. Er verfüge nun über weniger Zeit für das Spielen, weil er sich stärker der Schule widmen müsse, einen Minijob ausübe und eine Partnerin habe. Zwar spiele er weiterhin, aber „mal ein, zwei Spiele, aber keine acht Stunden am Stück mehr“.

Er hätte nie eine Therapie gemacht, wenn seine Mutter ihn nicht dazu gezwungen hätte, sagt Jonas.
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Altersbeschränkungen und elterliche Vorbildfunktion in der Diskussion
Eine Altersgrenze für soziale Netzwerke, wie sie aktuell politisch erörtert wird, lehnt Jonas ungeachtet seiner eigenen Erlebnisse ab. „Wer das umgehen möchte, wird einen technischen Weg finden“, meint er. „Aber politisch sieht das natürlich gut aus. Man setzt einen Haken unter das Thema.“
Im Gegensatz dazu betonen die Fachleute Martzog und Kolfenbach eine Verantwortung der gesamten Gesellschaft. „Ich bin für einen besseren Jugendschutz“, sagt Martzog. „Kinder und Jugendliche sind hinsichtlich ihrer Gehirnentwicklung noch nicht in der Lage, ihren Medienkonsum gänzlich selbst zu regulieren.“ Kolfenbach fügt hinzu, dass ebenso die Eltern in der Pflicht stünden. Es sei notwendig, mit dem Nachwuchs über die Mediennutzung im Austausch zu bleiben, Limits zu definieren und als Vorbild zu agieren. „Die Kinder orientieren sich auch an Müttern und Vätern, die beim Frühstückstisch ins Handy gucken.“
Jonas vertritt eine abweichende Ansicht: „Ich denke, dass sich das Problem bei vielen auch mit dem Alter löst.“ Ähnlich wie es bei ihm der Fall war. (dpa/red)
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