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Roman von Ulrike Anna Bleier„Ein Buch über Leute, für die sich niemand interessiert“

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Ulrike Anna Bleier

Ulrike Anna Bleier

Köln – Elkes Start ins Leben war für ihre Mutter Theresa nicht weniger als die Hölle auf Erden. So viel Schmerz und Scham und niemand, der sie und ihre Gefühle ernst nahm. Dieses Geburtstrauma wird die Beziehung von Mutter und Tochter künftig bestimmen. Oder besser die Nicht-Beziehung. Denn Theresa kann das Kind nicht annehmen. „Die Jahre danach waren die schlimmsten, kaum konntest du die Geräusche des Kindes ertragen, sein Schmatzen nicht, sein Brabbeln nicht, sein Gurgeln nicht, selbst sein Atmen nicht, geschweige denn das Weinen und Schreien“, heißt es in „Bushaltestelle“, dem zweiten Roman der Kölner Autorin Ulrike Anna Bleier, den sie am Mittwoch im Literaturhaus Köln vorstellen wird.

Schwieriges Verhältnis von Mutter und Tochter

Elke hat ihr Elternhaus früh verlassen. Sie verschwindet von jetzt auf gleich. In der Hoffnung, dass sie dann vielleicht endlich vermisst wird. Doch ihre Familie lässt sie einfach gehen. Niemand sucht sie. „Elke ist das Kind, das nicht geliebt wird“, beschreibt Bleier ihre Figur. „Das Kind aus einer Ehe, in der nicht geliebt wird. Das Kind, das dafür steht, dass sich die Träume, die man hatte, nicht erfüllt haben. Elke ist ein Mensch geworden, der nicht fassbar ist“. Ausgehend von dem schwierigen Verhältnis von Mutter und Tochter erzählt die 50 Jahre alte Autorin, wie die beiden Frauen wurden, was sie sind.

Zur Lesung

Ulrike Anna Bleier stellt ihren Roman „Bushaltestelle“ (Lichtung Verlag, 224 Seiten, 17,90 Euro) am Mittwoch, 26. September, 19.30 Uhr, im Literaturhaus Köln vor. Mit Hörspielproduzentin Sabine Kurpiers spricht sie unter anderem über die Du-Form und das komplexe Verhältnis von Mutter und Tochter.

Karten kosten zehn, ermäßigt acht, für Mitglieder sechs Euro.

Theresa, die eigentlich ihren Bruder begehrte, doch den ungeliebten Sepp heiraten musste. Elke, die schmerzlich erlebte, dass ihre Mutter ihre ganze Fürsorge und Liebe auf den jüngeren Bruder Markus richtete. Diese Geschwisterbeziehungen sind ein zentrales Motiv des Romans. „In keiner Beziehung ist mehr Gleichheit impliziert als in der Geschwisterbeziehung“, sagt Bleier. „In der Realität mag die Machtverteilung nicht immer so sein, aber das wichtigste Kriterium der Geschwisterliebe ist die nichthierarchische Erfahrungswelt: Die gleichen Eltern, die gleiche Herkunftsgeschichte, die gleichen Voraussetzungen, um ins Leben zu starten.“ Und dennoch entwickeln sich die Lebenswege oft sehr gegensätzlich.

Die Stillen haben keine Stimme

Weder Elke noch Theresa sind Frauen, die sich auflehnen, die einen eigenen Willen entwickeln, ihren Weg selbstbestimmt gehen. Sie lassen das Leben einfach geschehen. Sie sind keine Heldinnen. Genau das war Bleiers Grundidee: „Es ist ein Buch über Leute, für die sich niemand interessiert. Die keine Helden sind und die auch keine sein werden. Leider wird man in der Regel nur gehört, wenn man sehr laut ist. Die Aschenputtel, die grauen Mäuse, die Stillen haben keine Stimme. Das sind aber die meisten von uns. Deshalb wollte ich ein Buch über sie schreiben.“

Dabei geht es ihr nicht darum, den Stillen zuzurufen, das sie nun endlich auch einmal laut sein sollen. Viel mehr fordert sie ihre Leser auf, auf die zu schauen, die im Schatten stehen. „Wir sollten uns genau überlegen, welche Geschichten wir hören wollen und welche nicht.“

In Du-Form erzählen

Weil aber sowohl Elke als auch Theresa Frauen sind, die sich selbst so wenig sehen, können sie ihre Geschichte nicht selbst erzählen. Bleier erzählt die Geschichte der beiden deshalb auf ungewöhnliche Weise in der Du-Form. „Es ist ein Roman, der im Dialog funktioniert. Es ist die Geschichte der Mutter, die sie aber selbst nicht erzählt.“

Doch auch Elke, der Inbegriff der grauen Maus, erzählt nicht von sich. „Sie findet sich selbst so unwichtig, dass sie lieber die Geschichte einer anderen Person erzählt, nämlich die ihrer Mutter. Und erst in diesem Dialog erschließt sich ihre eigene Geschichte.“ Wobei es erstaunlich ist, dass Elke selbst in diesem Dialog so gut wie gar nicht vorkommt. Alles, was man über sie erfährt, erfährt man ausschließlich aus dem Verhältnis zu ihrer Mutter. Es gelingt Bleier auf eindrückliche Weise zu verdeutlichen, wie sehr unsere Familie in uns eingebrannt ist – ob wir das wollen oder nicht.

Sie habe zunächst versucht, den Roman aus der Ich-Perspektive zu schreiben, sagt Bleier. Doch es gelang nicht. „Wenn dich niemand interessant findet, wie sollst du dich selbst interessant finden? Deshalb kann Elke das nicht in der Ich-Form erzählen. Denn wie soll jemand, mit dem nie gesprochen wurde, ein starkes Ich entwickeln, das man aber braucht, um ein erzählerisches Ich sein zu können.“

Genauer hinsehen

Bleier, die seit fast 30 Jahren in Köln lebt, hat ihre Geschichte in ihrer bayerischen Heimat angesiedelt – und im Nachbarland Tschechien. „Ich bin 70 Kilometer von der deutsch-tschechischen Grenze entfernt aufgewachsen und wusste nichts, wirklich nichts über Tschechien.“ Doch als sie bei der Beerdigung einer entfernten Verwandten war, erfuhr sie, dass die alte Dame mit ihrem Leben bereits abgeschlossen hatte, als sie 20 Jahre alt war.

Denn eigentlich sollte sie nach dem Ende des Naziprotektorats Böhmen und Mähren von Partisanen erschossen werden. Nur eine glückliche Fügung bewahrte sie vor dem Tod. Die Geschichte dieser Frau findet sich in Theresas Adoptivschwester Madla wieder. Sie geht irgendwann nach Tschechien und kehrt nicht zurück. So taucht das zentrale Motiv der Geschwisterbeziehung auch im Verhältnis der Nachbarländer Deutschland und Tschechien auf.

„Bushaltestelle“ ist kein lauter Roman. Er fordert uns auf, genauer hinzusehen. Auf die Geschichten der anderen, aber auch auf unsere eigene Geschichte. Nicht jeder muss ein Held sein. Aber er kann zumindest versuchen, Held des eigenen Lebens zu sein.