„Gefährlicher Glaube“ von Pia Lamberty und Katharina Nocun ist das Sachbuch der Stunde, denn es beschreibt das radikale Gedankengut von Esoterikern, dem auch viele Reichsbürger nahestehen.
Sachbuch über Esoterik und ReichsbürgerVerführung zum kollektiven Wahn

Aktuell vermutlich der bekannteste Reichsbürger Deutschlands: Heinrich XIII Prinz Reuß (2.v.r.) bei seiner Verhaftung am 7. Dezember.
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Wer sagt denn, dass Klangschale und Reichskriegsflagge nicht zueinander passen? Oder Esoterik und Rechtsextremismus? Spiritualität und Rassismus? Wie gut das harmoniert, zeigt aktuell der Blick auf die sogenannten Reichsbürger, die mit ihren wirren Putschfantasien gerade vom äußeren Rand der öffentlichen Aufmerksamkeit ins Zentrum gerückt sind.
Die bunte Truppe aus verschrobenen Esoterikern und Demokratie-Verächtern wollten mit Waffengewalt einen Systemwechsel erzwingen. Damit dieser aberwitzige Plan auch gelingt, holte man sich spirituellen Rat von einer Ärztin, die Zuverlässigkeit der eigenen Mitstreiter sollen zwei Hellseher überprüft haben. Die scheinen versagt zu haben, denn trotz der Absicherung durch übersinnliche Kräfte scheiterte der Umsturzversuch, der immerhin den größten Anti-Terroreinsatz in der Geschichte der Bundesrepublik ausgelöst hatte.
Neonazis demonstrieren Seite an Seite mit Hippes
Aber wie kommt es überhaupt zu einer so schräg anmutenden Koalition unterschiedlichster Kräfte? Schon bei Querdenker-Protesten ist zu beobachten, wie Neonazis Seite an Seite mit Hippies demonstrieren, wie unter Regenbogen-Fahnen und AfD-Transparenten von einer angeblichen Verschwörung gegen das Volk die Rede ist und die Legitimation des Staates bestritten wird.
Um dieses bislang unvorstellbare Bündnis-Phänomen zu verstehen, ist ein Buch von Pia Lamberty und Katharina Nocun hilfreich, das unter dem Titel „Gefährlicher Glaube “ gerade erschienen ist. Die Sozial-Psychologin Lamberty und die Publizistin Nocun beschäftigen sich schon länger mit dem Zusammenhang von Verschwörungstheorien, Esoterik, Rechtsextremismus und Antisemitismus.
In ihrem neuen Buch nun haben die Autorinnen eigene Forschung mit zahlreichen anderen Studien zusammengefasst. Danach bieten gerade gesellschaftliche Umbruchzeiten die idealen Bedingungen für das Entstehen von Verschwörungsglauben an das Wirken finsterer Mächte. Esoterik wird dann zum Erklärmodell für eine Welt, die man ansonsten immer weniger versteht.
Flucht in eine übersichtlichere Welt
Angesichts der allgemeinen Verunsicherung durch das Krisen-Stakkato der letzten Jahre, durch Klimawandel, Pandemie und Abstiegsängste fliehen viele Menschen in eine übersichtlichere Welt. Die bietet scheinbar Geborgenheit, sie ist ausgepolstert mit Glücksbringern und Astrologie, mit Handauflegen und Homöopathie, mit Selbstoptimierung und Magie.
Das hört sich zwar nach mehr oder weniger harmlosem Hokuspokus an, nach ein bisschen Entertainment in trüben Tagen. Doch Lamberty und Nocun zeigen, wie der Glaube an esoterische Mächte den Weg in den Extremismus ebnen und die eigene Gesundheit ruinieren kann – wenn zum Beispiel dubiose Behandlungsmethoden von selbstermächtigten Alternativ-Heilern praktiziert werden.
Das Vertrauen in die wissenschaftlich fundierte Medizin wird ersetzt durch den blinden Glauben an fragwürdige Heiler – mit oft fatalen Folgen, wenn lebensrettende Therapien unterbleiben. Besonders spannend ist das Buch dort, wo es zeigt, dass der scheinbar unpolitische Glaube an Magisches eine gesellschaftliche Dimension bekommt.
Denn hinter dem nachvollziehbaren Wunsch nach einem Leben in Frieden und Harmonie steckt in esoterischen Weltdeutungen oft eine gefährliche, anti-zivilisatorische Fortschrittsfeindlichkeit: Romantisch wird eine Vergangenheit verklärt, die es nie gab, eine, die überschaubar strukturiert war, wo jeder seinen festen Platz und gesunde Lebensgrundlagen hatte.
Der Weg vom esoterischen Glücksversprechen zum Rechtsextremismus ist denkbar kurz
An dieser Stelle treffen sich Esoteriker und völkisch-denkende Rechtsextremisten. Der Weg vom esoterischen Glücksversprechen zum Rechtsextremismus ist denkbar kurz. Denn in der Ideologie des Nationalsozialismus gibt es Versatzstücke aus der germanischen Mythologie, völkischen Okkultismus und nordisch-heidnischem Kult. Die Homöopathie stand hoch im Kurs („deutsche Heilkunst“), Nazi-Größen vertrauten Astrologen und veranlassten esoterische Forschungsreisen nach Tibet oder suchten das sagenhafte Atlantis.
Auch in Sachen Ökologie zeigte sich das Dritte Reich ganz fortschrittlich und förderte biodynamischen Landbau, selbst in KZs. Dabei gründete alles auf der Vorstellung von unterschiedlichen Rassen, die nicht durch Mischung „verunreinigt“ werden durften. Esoterik wird damit nicht selten zum Türöffner für Rechtsextremismus und Verschwörungserzählungen.
Die Ablehnung des gesetzlichen Impfzwangs in der Nazi-Postille „Der Stürmer“ korrespondiert mit der Ablehnung des Impfens auf Corona-Demonstrationen heute. Die Begründung damals: „Rassenschande“. Dahinter steckte die wahnhafte Idee, Juden wollten das arische Herrenvolk vergiften. Früher war es eben der Finanzmagnat Rothschild, heute ist es der Tech-Unternehmer Bill Gates. Der Glaube an Führer und Partei wird ersetzt durch blindes Vertrauen in Gurus und Heiler.
Das Buch der beiden Autorinnen ist das Buch der Stunde. Bestens dokumentierte Fakten, kluge Feldforschung, gut lesbar ist es ein wirksames Gegenmittel gegen Verführung zum kollektiven Wahn – politischem wie esoterischem. (mhi)
Pia Lamberty, Katharina Nocun: „Gefährlicher Glaube: Die radikale Gedankenwelt der Esoterik“, Quadriga, 304 Seiten, 22 Euro.
