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Sammlung Zander in KölnWas Le Corbusier an André Bauchant fand

4 min
Le Corbusier liegt auf einer Bank mit den Beinen in der Luft.

Le Corbusier 1928 in seiner Wohnung vor André Bauchants Gemälde „L’assomption de la vierge“ (1924)

Die Kölner Sammlung Zander widmet sich den „Außenseitern“ der Kunst und zeigt eine Ausstellung zu André Bauchant und Le Corbusier.  

Es war ein legendäres Fest: Pablo Picasso hatte in sein Atelier geladen, Georges Braque spielte Ziehharmonika, der Kunstkritiker André Salmon fraß einen Hut und Henri Rousseau, der Ehrengast, verschlief die meisten Lobreden, die auf ihn gehalten wurden. Wenige Wochen zuvor hatte Picasso ein Gemälde des betagten Freizeitmalers bei einem Trödler gekauft und sich von dessen scheinbarer Naivität bezaubern lassen. Jetzt hing es über Rousseau, der auf einem improvisierten Thron Platz genommen hatte. In einem wachen Moment sagte er zu Picasso: „Wir sind beide große Maler. Sie im ägyptischen Stil und ich im modernen.“

Das war im Jahr 1908, zu einer Zeit, als Picasso Anregungen nicht mehr im Louvre suchte, sondern im Pariser Völkerkundemuseum. 1907 hatte er eine afrikanische Maske in sein Gemälde der „Demoiselles d’Avignon“ gesetzt und dies seinen „ersten Exorzismus“ genannt. Der Teufel, den er austreiben wollte, war die Virtuosität seiner eigenen blauen Periode.

Man findet die Spuren der „Primitiven“ überall in der Avantgarde

Gerade von den „Naiven“ und Autodidakten versprachen sich die Maler der Avantgarde eine Erlösung von den Fesseln der westlichen Kultur: Denn diese hatten weder eine klassische Kunstausbildung absolviert noch standen sie der gebildeten Gesellschaft nah; ihre verblüffenden Bildwelten schöpften sie anscheinend aus sich selbst allein. Sie galten als die „Wilden“ um die Ecke, die Führer zu den Ursprüngen der Kunst.

Man findet die Spuren der „Primitiven“ überall in der Avantgarde, und doch werden sie heute nur selten an deren Seite ausgestellt. In Deutschland versucht vor allem die Kölner Sammlung Zander, die kunsthistorische Grenze zwischen „Außenseitern“ und Avantgarde zu durchbrechen und erstere wieder als wichtigen Teil der Moderne zu etablieren. Begründet wurde die Sammlung in den 1960er Jahren von der 2014 verstorbenen Charlotte Zander, ihr Erbe führt ihre Tochter, die Galeristin Susanne Zander, in Form einer Stiftung fort.

Das Gemälde zeigt die Ankunft Apollos im Götterwagen.

„Le char d’Appolon“ (1928) von André Bauchant

Als Leihgeberin ist die Sammlung Zander weltweit gefragt, und auch die Erforschung ihrer Künstler versucht die Stiftung zu unterstützen – wie jetzt bei der Kölner Ausstellung „André Bauchant/Le Corbusier – Autodidakten der Avantgarde“. Die Kuratorin Regina Barunke, lange Zeit Direktorin der Kölner Temporary Gallery, hat für die kleine Schau zur Beziehung zwischen dem weltberühmten Architekten Le Corbusier und dem gelernten Gärtner und Hobbymaler Bauchant recherchiert und neben viel Anekdotischem auch eine grundlegende Erkenntnis zutage gefördert: Der Erfinder der radikalen „Wohnmaschine“ umgab sich privat gerne mit lieblichen Blumenbildern und „naiven“ mythologischen Szenen.

Man kann die Gemälde Bauchants durchaus als Gegenentwürfe zu den Architektur- und Gesellschaftsmodellen Le Corbusiers verstehen. Sie zeigen idyllische Gärten und Landschaften, die den Menschen eine natürliche Heimat sind, und wirken wie die Sommerfrische, die sich der vom eigenen Fortschrittsgeist gestresste Visionär am Wochenende gönnt. Auf einer schönen Fotografie, die Barunke im Le-Corbusier-Archiv gefunden hat, sitzt der Architekt 1928 in seiner Wohnung, deren Einrichtung sämtlichen Prinzipien von Klarheit und Ordnung spottet – es ist ein Durcheinander aus Bücherberg, Gerümpel und Gemälden an den Wänden. In diesem Ambiente erscheint das farben- und formenfrohe Blumenstillleben Bauchants nicht als Fenster in eine Fantasiewelt, sondern als Spiegel der häuslichen Verhältnisse.

Le Corbusier gehörte zu den ersten Sammlern Bauchants

In Vitrinen breitet Barunke weitere Belege für die Liebe des Architekten zum Werk des Malers aus: Le Corbusier in seinem Schlafzimmer mit einer mythologischen Szene Bauchants über dem Bett, mit Gemälde im Garten des Malers oder mit den Beinen in der Luft strampelnd vor einer Mariä Himmelfahrt. Wo dies möglich ist, zeigt Barunke die passenden Bilder im Original (teils als Leihgabe der Fondation Le Corbusier), wobei die beengten Raumverhältnisse lediglich erlauben, einen Bruchteil der mehr als 140 Bauchant-Werke aus der Sammlung Zander zu präsentieren.

Le Corbusier gehörte nicht nur zu den ersten Sammlern Bauchants, sondern auch zu seinen engagierten Förderern. Er vermittelte ihn an Galeristen und andere Sammler und platzierte einen Artikel über Bauchant in seinem Magazin zur Hebung des allgemeinen „L’Esprit Nouveau“. Auch dank dieser Fürsprache wurde die Hobbymalerei des Gärtners zum Pariser Stadtgespräch. Auf dem Höhepunkt seines frischen Ruhms gestaltete er ein Bühnenbild für Sergei Djagilews berühmte Tanzcompagnie Ballets Russes.

André Bauchant wurde von der Avantgarde umarmt, aber er passte nicht zu ihr. Er lebte lieber auf dem Land, in seiner gewohnten Umgebung, deren naturnahe „Unschuld“ auf seine Gemälde abzufärben schien. An dieser selbstgewählten Abgeschiedenheit allein kann es nicht gelegen haben, dass Bauchant nach seinem Tod im Jahr 1958 aufs kunsthistorische Nebengleis der „Außenseiter“ abgeschoben wurde. Vermutlich wollte sich die arrivierte Avantgarde von ihren „naiven“ Brüdern und Schwestern im Geist distanzieren – dass Barunke den Nicht-Akademiker Le Corbusier ebenfalls zum „Autodidakten“ erklärt, ist daher eine hübsche Pointe (und späte Gemeinheit) der Kölner Ausstellung.


„André Bauchant / Le Corbusier: Autodidakten der Avantgarde“, Sammlung Zander, Jülicher Str. 24a, Köln, Di.–Fr. 10–18 Uhr, Sa. 10–16 Uhr, bis 28. Februar 2026