Kay Voges gibt mit „In bester Lage“ seinen Einstand am sanierten Haus. Die Komödie reflektiert den Frust am Bau. Unsere Kritik.
Schauspiel Köln eröffnetUntermaschinerie funktioniert, Stück leider nicht

Das spektakuläre Szenenbild von „In bester Lage“ am Schauspiel Köln
Copyright: Birgit Hupfeld
Zu Anfang gleich mal ein Riesenspoiler. Man könnte sagen: im buchstäblichen Sinn, denn er betrifft etwas Großes und Massives, das sich als überraschend verderbliche Ware erweist. Sie sind jedenfalls gewarnt. Der schönste, erfüllendste Moment von „In bester Lage“ – dem boulevardesken Stück, mit dem Intendant und Regisseur Kay Voges das neue alte Schauspielhaus am Offenbachplatz eröffnet – kommt ganz am Ende.
Das dreistöckige Wohnhaus aus Sichtbeton, dessen detailreiche Hinterhofansicht die gesamte Bühne ausfüllt, wird am vermeintlichen Ende einer langwierigen, schwierigen, unter den verschiedenen Wohnungseigentümern heiß umstrittenen Sanierung, seine Bauarbeiter einfach nicht los. „Heute ist der große Tag, an dem sie ausziehen!“, freut sich Sabine (die zuverlässig wundervolle Anja Laïs). So sei es jedenfalls geplant gewesen. Die ehemalige Hausbesetzerin besitzt hier gleich vier Apartments. Nun habe sie aber mit dem Bauleiter gesprochen, und „es gibt da wohl doch zwei, drei ganze Kleinigkeiten, die sie noch erledigen müssen.“ Die Fertigstellung wird sich noch ein wenig verzögern. Die Behelmten bleiben.
Die Kölner Urangst, irgendwann im Schutt der Vorfahren zu versinken
Dann entdeckt Marlon, das ravende Nepo-Baby aus dem dritten Stock, einen römischen Tonziegel, der in der Hochkellerwand steckt. Marlon zieht, das Wasser spritzt – und das ganze große Gebäude fährt mit einem Seufzer in den Untergrund. Ein spektakulärer Effekt, wahrscheinlich berührt er eine Kölner Urangst, irgendwann im Schutt der Vorfahren zu versinken.
Der lustvoll-katastrophische Schluss, eigentlich nur ein visueller Gag, bemüht sich kaum, die unverhohlene Freude über die funktionierende Untermaschinerie zu verbergen. 14 Jahre lang war dieser Effekt nicht möglich (bei der Oper nebenan muss man sich dagegen wohl noch eine Zeit lang gedulden), jetzt endlich kann man eine Sanierung wieder symbolisch scheitern lassen, die reale ist endlich gelungen.

„In bester Lage“ spielt immer wieder auf die Sanierungskatastrophe am Offenbachplatz an.
Copyright: Birgit Hupfeld
Puh. Der Weg dahin war mühsam und das gilt leider auch für die letzte eindreiviertel Stunde davor. „In bester Lage“, die „Komödie über das Trauerspiel im Eigentum“, die Voges bei Erfolgsautor Kristof Magnusson und Gunnar Klack zum feierlichen Anlass bestellt hat, ist weder deren noch Voges’ beste Arbeit. Das Wimmelbild der Hausgemeinschaft, die mit ihrem Eigentum völlig verschiedene Vorstellungen verbindet – die einen wollen ihren altlinken Lebensentwurf verfestigen, die anderen fürs Alter vorsorgen; die einen ökologisch korrekt wohnen, die anderen dauerhaft Party machen –, wimmelt entschieden zu wenig.
Mit Ausnahme einiger spektakulärer Slapsticknummern auf der sich überkreuzenden Außentreppe: Die beiden jungen Ensemblemitglieder Fabian Reichenbach und vor allem Jonas Dumke kommen an diesem Abend sprachlich wie körpersprachlich ganz groß raus.
Ansonsten entfaltet sich das Geschehen eher gemächlich vor unseren Augen. Airbnb-Gäste ziehen aus und ein, Fahrräder werden hochgehievt, die einzige Mieterin grüßt höflich-devot. Und mit jedem neuen Tag wechselt kollektiv die Kleiderfarbe (die Kostüme von Mona Ulrich sind eine Schau für sich). Die Dialoge verraten die hohe Sachkenntnis der Autoren, sowohl, was die dargestellten sozialen Milieus, als auch, was die Fragen der Bausubstanz betrifft. Nur wirklich lustig sind sie selten.
Schauspielerisch bleiben hier kaum Wünsche offen, das neue Kölner Ensemble bleibt exzellent, aber wirklich näher kommt man diesen Eigentümern nicht. Sie bleiben irgendwo auf halber Strecke zwischen individuell gezeichnetem Charakter und Rollenklischee stecken. Wir betrachten ihr Hinterhoftreiben als semi-interessierte Fenstergucker, wie James Stewart im Hitchcockfilm.
Mit fortlaufender Handlung mehren sich die Klagen über Notausgangsschilder und Brandschutzverordnungen, häufen sich die doch eher grob gestrickten Anspielungen auf die Kölner Dauerbaustelle. Es musste wohl noch einmal raus, aber nach diesem symbolischen Reenactment der Katastrophe wünscht man sich, sie möge mitsamt des Wohnhauses in der Versenkung verschwinden und alle Beteiligten sich nun neuen Themen zuwenden.

