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Schauspiel KölnSie versucht, ihren Mann in Teheran zu erreichen – wir schauen mit

3 min
Orangerie / In the Meantime: A Play Across two Continents von Amineh Arani / Eine Koproduktion des Orangerie Theater und dem Schauspiel Köln

Inszenierung: Amineh Arani, Stefan Otteni | Schauspiel: Amineh Arani, Mohammad Kamal Alavi, Roxana Samadi | Video-Kunst & Film: Shahab Kermani | Visuals: Günes Aksoy  | Kostüme: Sarah Kavandi | Video Schnitt: Ehsan Vaseghi | Technik: Simon Kwame | Dramaturgie

Amineh Arani und Übersetzerin Roxana Samadi, hinten im Bild, Aranis Partner Mohammad Kamal Alavi.

Amineh Arani musste nach dem Oscar-Film „Die Saat des heiligen Feigenbaums“ den Iran verlassen. Ihr Mann blieb zurück. Trotzdem führen sie jetzt gemeinsam ein Theaterstück auf.

Ein Paar richtet die neue Wohnung ein: ein kleiner Stresstest für jede Beziehung. Doch hier im Theater trennen das Paar 4000 Kilometer. „In the Meantime: A Play Across Two Continents“ ist eine semi-biografische Theaterperformance, bei der die Schauspielerin Amineh Arani in Köln auf der Bühne des Orangerie Theaters und ab dem 4. März auch im Schauspiel Köln spielt, während ihr Lebensgefährte und Kollege Mohammad Kamal Alavi daheim in Teheran die Möbel rückt. Kommuniziert wird übers Internet per Laptop und via Videoprojektion auf verschlungenen Pfaden, denn einen freien, unkontrollierten Zugang zum Netz gibt es im Iran der Mullahs nicht. Wie das nun, in Kriegszeiten, funktionieren soll, wird sich zeigen.

Grund für die Trennung der beiden Schauspieler ist der preisgekrönte Film „Die Saat des heiligen Feigenbaums“. Das mutige politische Drama über einen Familienkonflikt infolge der vor allem von Frauen getragenen Protestbewegung im Iran im Jahr 2022 sorgte international für Furore, bescherte aber der gesamten Crew politische Verfolgung im Lande. Wie der Regisseur und Teile der Crew verließ auch die am Dreh beteiligte Amineh Arani das Land. Ihr Partner bekam allerdings keine Ausreisegenehmigung. Seitdem muss das Paar andere Wege der Kommunikation finden.

Ein ungewöhnliches Life-Theater-Experiment

Für die Schauspielerin Amineh Arani war das der Ausgangspunkt, diese existenzielle Krise in einem autofiktionalen Theaterstück zu verarbeiten. Gemeinsam mit ihrem Co-Regisseur Stefan Otteni und in einer Koproduktion von Schauspiel Köln und Orangerie Theater entwickelt sich ein ungewöhnliches Life-Theater-Experiment.

Auf einer Videoprojektion sieht das Publikum Alavi agieren, während Arani auf der nur mit einem Tisch und einem Laptop ausgestatteten Bühne spielt. Am Bühnenrand sitzt Pol, gespielt von Roxana Samadi. Sie schlägt als Dolmetscherin des auf Farsi geführten Gesprächs eine Brücke zum deutschsprachigen Teil der Zuschauer und ist gleichzeitig Anspiel- und Ansprechpartnerin von Amineh Arani vor Ort. Vor allem dann, wenn die Internetverbindung mal wieder abbricht.

Selbst banale Momente bekommen hier eine politische Dimension. Die Frage, ob der Tisch ans Fenster gerückt werden soll, endet in der Überlegung, dass so Gespräche und Gesang aus der Wohnung nach draußen dringen könnten. Das Regime hört mit und kann jederzeit zuschlagen. Um die allgegenwärtige Angst vor der Repression zu bannen, spielen die beiden Verhör. Eine bedrückende Szene, wenn sie sich in Köln die Augen verbindet und er in Teheran den Religionswächter mimt. Hier greift die Inszenierung nicht nur die intensiven Szenen des Filmes auf, wenn der Vater das Verhör der eigenen Töchter und der Ehefrau veranlasst, sondern auch die vielen Schikanen und Befragungen der Filmcrew im Iran nach der Premiere des Filmes in Cannes.

Die Gewalt, die dabei unverhohlen in besonderer Weise gegen Frauen ausgeübt wird, ist ideologischer Bestandteil eines religiös-autokratischen Regimes. Für alle Betroffenen ist sie eine alltägliche Herausforderung. Da wirkt der drollige Auftritt von Marylin, dem in Teheran verbliebenen Hund des Paares, wie ein Brustlöser angesichts einer beklemmenden Realität.

Wenn es um die ungewisse Zukunft ihrer Beziehung und ihres Landes geht, rückt auf einmal Samuel Becketts „Warten auf Godot“ als theatrale Blaupause für eine nicht zu beantwortende Frage in den Fokus. Dass Beckett damals die Besetzung seines Stücks ausdrücklich ohne Frauen vorgesehen hat, wird hier geflissentlich ignoriert. Vielleicht ist auch das ein Zeichen, dass Frauen sich im Iran und anderswo nicht länger von Männern vorschreiben lassen wollen, wie sie zu leben haben.

4., 5., 6. März, 20 Uhr, Depot 3, Schauspiel Köln