Die Bonner Bundeskunsthalle erzählt eine Kulturgeschichte der Sexarbeit und wirbt für eine weitere Liberalisierung der Prostitution.
„Sex Work“Der Staat ist der schlechteste Zuhälter

Henri de Toulouse-Lautrecs „Zwei Frauen am Tisch“ (um 1894)
Copyright: Städtisches Museum Braunschweig/ Monika Heidemann
Obwohl die Prostitution gerne als ältestes Gewerbe der Welt bezeichnet wird, hat es lange gedauert, bis sie in liberalen Staaten als legales Geschäftsfeld Anerkennung fand. Hierzulande wurde die Prostitution erst im Jahr 2002 entkriminalisiert, davor versündigte sich der deutsche Staat, wie die Bonner Ausstellung „Sex Work“ eindrucksvoll belegt, in vielfacher Form an den überwiegend weiblichen Sexarbeitern: durch Benachteiligung, Kriminalisierung, Verfolgung und Versklavung. Unter dem NS-Regime wurden Lagerbordelle mit Zwangsarbeiterinnen in mehrere Konzentrationslager integriert – in Form eines Belohnungssystems für ausgewählte Häftlinge.
Selten gab es in der Bonner Bundeskunsthalle eine Ausstellung, die so strikt marktwirtschaftlich ausgerichtet ist wie „Sex Work“. Das Idealbild der Kuratorinnen besteht in der Sexarbeiterin als selbstständiger Unternehmerin, mit allen Rechten und Pflichten des geregelten Arbeitsmarkts – und einem Staat, der sich als Nachtwächter im liberalen statt im moralischen Sinn versteht. Historisch gesehen spricht tatsächlich vieles dafür, die verschiedenen Formen der Sexarbeit als natürlichen Teil des kapitalistischen Tauschhandels anzusehen. Seine Haut zu Markte tragen: Auf kein Gewerbe trifft dieses Sprichwort besser zu.
Viel nackte Haut ist in der Bundeskunsthalle zu sehen
Viel nackte Haut ist in der Bundeskunsthalle zu sehen, allerdings bleibt das Kerngeschäft der Sexarbeit weitgehend ausgespart; die Ausstellung ist nicht gerade jugendfrei, aber frei von expliziten Darstellungen. Auf den ersten Schritten gibt es sogar mehr zu lesen als zu sehen. Auf einer Texttafel versichern die Kuratoren, darunter einige aktive Sexarbeiter, ihre Arbeit weder romantisieren noch bewerben zu wollen – ein Versprechen, das sie einlösen. Sexarbeit wird in Bonn nicht einmal als „gute“ Arbeit bezeichnet, dafür aber als „ehrliche“. Die zentrale Botschaft der Ausstellung steht auf einem Plakat, das Aktivisten bei einer Demonstration in die Kamera halten: „Nichts über uns ohne uns.“ Die Sexarbeiter wollen in eigener Sache gehört werden.
An Sichtbarkeit fehlte es den Kurtisanen, Dirnen, Hetären und Musen in der Kunstgeschichte hingegen zu keiner Zeit. Das früheste Bild der Ausstellung stammt aus der Antike, die „käufliche Liebe“ hat die Künstler und ihre Auftraggeber in allen Epochen inspiriert. Nach der eher prüden Bildproduktion des Mittelalters erregten im Barock die allegorischen Verführerinnen die Fantasie, bevor Prostitution und Pornografie mit der Moderne ins Zeitalter ihrer massenhaften Vervielfältigung eintraten. Das Paris um 1900 und das Berlin der „Goldenen Zwanziger“ liefern hier reichlich Anschauungsmaterial – von Henri de Toulouse-Lautrec über Otto Dix bis zur Performancekunst Anita Berbers. Die Kuratorinnen fassen diesen Bereich unter dem Begriff „Bühne“ zusammen, auf den die „Hinterbühne“ folgt. So wird unmittelbar eingängig, dass Sex zu verkaufen in den Grenzbereich der darstellenden Künste fällt.

Eine „Kokotte mit Kette“ von Eugenie Bandell,
Copyright: Kunstpalast/Annette Hiller
Die Berliner Vorgängerschau wurde unter dem Titel „With Legs Wide Open“ annonciert – dagegen nimmt sich „Sex Work“ betont nüchtern aus. Das Erregungspotenzial beschränkt sich auf die politische Sphäre, insbesondere, wenn es um die lange geübte Verfolgung der Sexarbeit geht. Kriminell ist hier nicht die Prostituierte (und auch nicht der Freier), sondern der Staat, der den Tauschhandel mit polizeilichen oder fürsorglichen Zwangsmaßnahmen zu unterbinden versucht – sei es unter dem Deckmantel der Moral oder der Volksgesundheit.
Wenn es in dieser enzyklopädischen Ausstellung eine Fehlstelle gibt, dann die Figur des Zuhälters. Gewalt geht in „Sex Work“ nicht von Einzelnen oder Verbrechersyndikaten, sondern vornehmlich vom Staate aus; das beginnt mit der Hexenverfolgung und endet im modernen Verwaltungsakt. So ist die Zwangsprostitution in der Perspektive der Kuratorinnen keine Folge einer liberalen Gesetzgebung, sondern restriktiver Vorgaben, etwa, indem der Staat Migranten die Arbeitserlaubnis verweigert und sie so erst in die Prostitution drängt. In diesem Dunkelfeld werde die Illegalität der Sexarbeit mit all ihren Schattenseiten durch die bürokratische Hintertür wieder eingeführt.
Die Straßenprostitution gehört dagegen zum Hellfeld – sie zeigt, dass Sexarbeit ein Teil des gesellschaftlichen Alltags ist. Nach „guter“ Arbeit sehen die historischen „Hurenbilder“ von Franz Wilhelm Seiwert oder Jeanne Mammen aber deswegen noch lange nicht aus; sie zeigen das Leben in der „Freudlosen Gasse“. Den Grenzbereich zwischen Prostitution und Freizeitvergnügen erkundet hingegen Ryan Huggins in bunten Skizzen aus der homosexuellen Szene. Seine Callboys stehen für eine queere Sexarbeit, in der das Machtgefälle zwischen Käufer und Verkäufer weniger unüberwindlich erscheint.
Statt der Sexarbeit wird das männliche Begehren kriminalisiert
Selbst die besseren Kunstwerke haben in der Ausstellung vor allem illustrativen Charakter – sie reihen sich nahtlos in die kulturhistorischen Dokumente ein. In der Regel sprechen die alltäglichen Beweisstücke die deutlichere Sprache, angefangen bei den Aids-Aufklärungskampagnen bis hin zur staatlichen Zwangsfürsorge in „Besserungsanstalten“ wie Brauweiler. Die Zwangsprostituierten in den KZ-Lagerbordellen wurden, so sie überlebten, nach 1945 weiter stigmatisiert. Sie blieben unsichtbar, entschädigt wurde offenbar keine von ihnen.
Im Finale ihrer Ausstellung thematisieren die Kuratoren den erfolgreichen Aktivismus der Sexarbeiter – mit der aktuellen Schau in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland als selbstreferentiellem Happy End. In diesem wird einer weiteren Liberalisierung der Sexarbeit das Wort geredet und die aktuelle deutsche Gesetzgebung gegen das „nordische Modell“ verteidigt – letzteres stellt die Prostitution straffrei, verfolgt aber die Freier. Statt der Sexarbeit wird das männliche Begehren kriminalisiert, was aber auch die Sexarbeiter nur wieder in die Illegalität verdrängt, so die Kuratoren. Offenbar meinen sie es gut mit dem größeren Teil der Kundschaft.
Man muss nicht jede These dieser Ausstellung teilen, um zu bemerken, dass Sexarbeit in Bonn auf beachtlichem Niveau verhandelt wird. „Sex Work“ ist in vielerlei Hinsicht aufklärerisch, und sei es nur als Erinnerung daran, dass uns der Tauschhandel in der kapitalistischen Gesellschaft zur zweiten Natur geworden ist. In ihrer marktliberalen Logik schließen die Kuratoren teilweise an die Positionen eines radikalen Feminismus an, für den auch in der bürgerlichen Ehe Sex gegen Geld (oder soziale Absicherung) getauscht wird. Prostitution ist hier keine moralische Frage, sondern eine soziale. Aber natürlich lässt sich die Moral in Fragen der Sexualität niemals unterdrücken. Sie kehrt so verlässlich wieder wie sonst nur das Begehren.
„Sex Work – Eine Kulturgeschichte der Sexarbeit“, Bundeskunsthalle, Museumsmeile, Bonn, Di.–So. 10–18 Uhr, Mi. 10–21 Uhr, bis 25. Oktober 2026. Katalog: 28 Euro.

