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Peter Hujar in BonnChronist einer verlöschenden Welt

5 min
Peter Hujar liegt auf einem Bett und schaut in die Kamera.

Peter Hujar, Selbstportrait (II), 1975 

Peter Hujar fotografierte die queere Subkultur vor Aids und wurde damit posthum berühmt. Jetzt zeigt die Bundeskunsthalle in Bonn sein Werk.

Manche dieser Bilder hätten in den siebziger Jahren auch die Seiten von „Harper’s Bazaar“ und anderer Hochglanzmagazine geschmückt. Eher nicht das Porträt eines masturbierenden Tänzers vor grauer Wand oder der auf den Bordstein geworfene alte Teppich, obwohl Peter Hujar in beiden Aufnahmen klassische Kompositionstechniken in Ehren hielt; allein der Faltenwurf des entsorgten Läufers ist Stoff für eine Elegie.

Das intime Porträt des Schriftstellers William S. Burroughs (auf einem Bett liegend, den Kopf auf einen Arm gestützt), eine in Schleier gehüllte Frau und vielleicht sogar das leuchtende New York bei Nacht wären hingegen Kandidaten gewesen – zumal Hujar Anfang der Siebziger auf Empfehlung Richard Avedons zu „Harper’s Bazaar“ gestoßen war und etliche Modefotos für das Magazin gemacht hatte. Allerdings gab er diese Karriere rasch wieder auf, um sich seiner Lebenswelt und der queeren Untergrundszene von New York zu widmen. Geld ließ sich damit kaum verdienen. Auch der Ruhm ließ Hujar im Stich, solange er am Leben war.

Seine Karriere gab Peter Hujar auf und lebte in Ruinen

Mittlerweile gehört Peter Hujar, 1987 an den Folgen einer Aids-Erkrankung gestorben, zu den Klassikern der Nachkriegsfotografie, und in der ihm gewidmeten Ausstellung in der Bonner Bundeskunsthalle sucht man seine Modefotografie vergeblich. Kunst schlägt Kommerz, diese kuratorische Losung dürfte jedoch in Hujars Sinn sein: Er machte keine Anstalten, seine expliziten Nacktbilder, unverstellten Porträts von Transpersonen oder Landschaftsaufnahmen von Müllhalden durch Brotarbeit zu finanzieren. Lieber lebte er in Ruinen, wie viele, die er fotografierte, und machte sein improvisiertes Atelier (Stuhl oder Bett vor grauer Wand) zur Gegenwelt klassizistischer Schönheitsideale.

Blickt man in Bonn jetzt auf die verknoteten Körper, marmornen Akte oder delikat ausgeleuchteten Szenegrößen, sieht das nicht danach aus, als würde Hujar den kommerziellen Stil eines Richard Avedon, von gefeierten Modefotografen wie Irving Penn oder Horst P. Horst imitieren. Man fragt sich eher, warum dieses Licht so lange an Luxusmode verschwendet wurde, wenn man mit ihm auch eine lebendige Subkultur beleuchten kann. Zumal für diese Subkultur Mode wichtiger war als für die Durchschnittskonsumenten: Die Schauspielerin Alexis Del Lago posierte für Hujar im Marlene-Dietrich-Gedächtnis-Frack und der Performance-Künstler Richie Gallo im Kostüm aus Netzstrumpf-Anzug, Superhelden-Umhang und Sadomaso-Ledermaske.

Ein sitzender nackter Mann hält sein linkes Bein hinter dem Kopf.

Gary Schneider Contortion von Peter Hujar

Als Fotograf interessierte sich Hujar für beinahe alles: die Romantik schäbiger Straßenecken, tote und lebende Tiere, das Schattenspiel auf den Meereswellen, die mumifizierten Leichen in den Katakomben von Palermo – und dafür, wie sich ein Mann selbst mit einem Dildo penetriert. Gelegentliche Ausflüge ins Genre der Straßenfotografie führten ihn zu den „geheimen“ Treffpunkten der Homosexuellen; manche Straßenbekanntschaften lud er in sein Studio ein.

Zuhause war er jedoch vor allem im Porträt. Hujar besaß offenbar die Gabe, den Menschen, die er fotografierte, die Scheu vor der Kamera zu nehmen; selbst auf dem Sterbebett wirken sie furchtlos. Dabei war Hujar wohl ein schwieriger Charakter. Als solchen beschreibt ihn jedenfalls sein Biograf John Douglas Millar, der zugleich Ko-Kurator der Bonner Schau ist: aufbrausend, für kollaboratives Arbeiten ungeeignet, unberechenbar. Die Wut sei ein fester Teil von ihm gewesen, schreibt Millar im Katalog. Aber worauf war Hujar wütend: auf die Verhältnisse, die bessere Gesellschaft, seinen Vater, der ihn im Stich ließ, oder seine alkoholkranke Mutter, die ihn mit ständigen Prügeln aus dem Haus trieb?

Peter Hujar ergriff für jeden Partei, der ihm sein Vertrauen schenkte

Vielleicht verhinderte Hujars Wut, dass er eine kommerzielle Karriere machte. Im Blickfeld seiner Kamera verschwand sie, ohne Spuren zu hinterlassen. Seine Kunst kennt keine Anklagen, selten wird er politisch. Aber er ergriff für alle Partei, die ihm ihr Vertrauen schenkten, und die Menschen schauen zurück, als würden sie es wissen. Dieser „Trick“ schien lediglich bei einem Porträt seines langjährigen Lebensgefährten Paul Thek nicht zu funktionieren. Der Künstler blickt provozierend auf Hujar, der den Blick aber gar nicht erwidern kann. Hujars Mittelformatkamera hatte keinen Sucher, durch den er auf sein Gegenüber schaute. Sondern eine Mattscheibe, über die er sich beugen musste.

In dieser eingebauten Distanz sehen die Kuratoren der Ausstellung eine besondere Qualität von Hujars Bildern – wie auch in seiner Finesse in der Dunkelkammer. Offenbar komponierte Hujar seine Abzüge wie ein alter Meister, aber leider nicht genug davon. Statt Vintage-Prints sind in der Bundeskunsthalle vor allem posthume Abzüge des zweiten Kurators Gary Schneider zu sehen. Im Katalog versichert Schneider, weder Mühen noch Kosten gescheut zu haben, um dem nuancenreichen Schwarz-Weiß der „Originale“ gerecht zu werden. Die Hujar-Experten mögen darüber richten, ob es ihm gelungen ist.

Während sich Peter Hujar als Teil einer Lebenswelt und weniger als deren Chronist verstand, hat ihn die Aids-Epidemie zu letzterem gemacht. Man muss die New Yorker Verhältnisse in den siebziger Jahren nicht romantisieren, um den Verlust an Freiheit und Freizügigkeit nachvollziehen zu können – vom Verlust an Leben ganz zu schweigen. Dass Hujar selbst an Aids erkrankte, passt ins Gesamtbild seines posthumen Ruhms. Unter den in Bonn gezeigten Bildern sind auch die drei Aufnahmen, die der Künstler David Wojnarowicz als letzte Freundschaftsgeste von Hujars Leichnam machte. Sie stehen seinen eigenen Bildern in Zärtlichkeit nicht nach.


„Peter Hujar – Eyes Open in the Dark“, Bundeskunsthalle, Museumsmeile, Bonn, Di.–So. 10–18 Uhr, Mi. 10–21 Uhr, 27. Februar bis 23. August 2026. Katalog: 22 Euro.