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Streaming statt KinoKelly Reichardts Meisterwerk „First Cow“ ist endlich zu sehen

3 min

King-Lu (Orion Lee) und „Cookie“ (John Magaro)

Köln – In Kelly Reichardts neuem Film „First Cow“ ist der klassische Western ein langsamer, ruhiger Fluss, auf dem sich ein modernes Lastschiff träge über den Bildschirm schiebt. Auf der anderen Uferseite streunt derweil eine Frau mit ihrem Hund durchs Unterholz, stutzt über einen Stein, der keiner ist, beginnt vorsichtig mit beiden Händen in der Erde zu graben und legt die Knochen zweier Menschen frei. Wie ein friedlich eingeschlafenes Liebespaar liegen die Toten in ihrem leichten Grab – ein Anblick, der offenbar selbst Wildtiere ehrfürchtig an ihnen vorüber schleichen ließ.

Wenn bald darauf ein Floß den Fluss hinab gleitet, legt es in der amerikanischen Wildnis des Jahres 1820 an. Es trägt eine Kuh, die erste in der Gegend und damit die mehr als vage Hoffnung ihres Besitzers, das Land mitsamt seiner nicht weniger unwirtlichen Leute kultivieren zu können. Stattdessen befeuert das Tier den Geschäftssinn zweier befreundeter Hungerleider. Nachts melken sie die trauliche Kuh leer, um mit der Milch tagsüber Krapfen auf dem schlammigen Markt zu backen.

Kelly Reichardt macht in diesem Western vieles anders

Für diese „Kekse“, das einzige Schöne in einer von Entbehrungen geprägten Welt, stehen sämtliche Raufbolde des Ortes wie kleine Kinder an – und bald auch der distinguierte Kuhbesitzer. „Ob er ahnt, woher die Milch kommt?“, fragt King-Lu (Orion Lee) seinen Kompagnon, den Bäcker „Cookie“ (John Magoro). Die Aussicht, mit etwas mehr Geld woanders neu anfangen zu können, lässt sie weiter machen.

„First Cow“ ist ein Western, in dem sich Unvertrautes und Vertrautes auf wundervolle Weise die Waage halten. Es gibt keine Cowboys, keine Revolverhelden, keine Handlung im klassischen Sinn – und, wenn es Nacht wird, nicht einmal genug Licht, um die Bilder zu erhellen; die Darsteller wiederum tun gar nicht erst so, als wüssten sie, wie es sich anfühlt, ein Trapper, Pionier oder John Wayne zu sein. So blinzelt man in die Fremde dieses Films, bis sich die genretypischen Konturen zeigen: das Hohelied der Freundschaft, die Unverfügbarkeit der Natur, die romantische Flucht in John Ford’schen Klamauk und Raufereien.

Lediglich den Pioniergeist hat Reichardt ihrem Western gründlich ausgetrieben. Der Milchdieb träumt von San Francisco, der Kuhbesitzer von Paris, und die anderen wissen es nur nicht besser. Diese Männer ohne Frauen leben an einer Grenze, hinter der es für sie nicht mehr weitergeht – und sie scheinen es zu ahnen. Jedenfalls zerstören sie die Quelle der einzigen Freude in ihrem Leben mit einem Ingrimm, der in seiner Selbstverständlichkeit sonst unerklärlich bliebe.

Es liegt nahe, den Film, der 2020 im Wettbewerb der Berlinale lief und jetzt beim Streamingdienst Mubi zu sehen ist, als Parabel auf die nationale Spaltung der USA zu sehen – mit zwei feinsinnigen Geistern als Opfern einer unversöhnlichen Gesellschaft. „Die Geschichte ist noch nicht nach Oregon gekommen“, philosophiert King-Lu, wie um sich selbst zu überzeugen, dass sein Glück woanders liegt. Am Ende wird auch das Drama über Oregon hinweggehen, als sei nichts geschehen.

„First Cow“, USA 2019, Regie: Kelly Reichardt, auf mubi.com/de