Patricia Görg hat in ihrem Buch „Der Sturz aus dem Schneckenhaus“ wunderbare Miniaturen zu Gemälden und Malern verfasst. Sie hat die seltene Gabe, Kunst in literarische Sprache zu verwandeln.
Schirmer/Mosel VerlagWie Patricia Görg Kunsthistoriker mit Wonne verzweifeln lässt

Wilhelm Buschs „Neblige Herbstlandschaft mit Rotjacke“ (1890er Jahre) wird in Patricia Görgs Buch besprochen.
Copyright: Deutsches Museum für Karikatur und Zeichenkunst/ Schirmer/Mosel
Der Wald wogt hin und her in düsteren Strichen, und der Wanderer darin, ein roter Klecks mit schwarzem Hut, ist nicht viel mehr als ein schwankendes Licht auf der stürmischen See der Malerei. So sah sich Wilhelm Busch, der gefeierte Schöpfer von „Max und Moritz“, wenn er seiner heimlichen Leidenschaft folgte und den karikierenden Stift für den Pinsel beiseite legte. Weit über eintausend Bilder soll Busch gemalt haben, meist auf kleinen Pappen, die er in die Manteltasche stecken konnte und zu Hause achtlos stapelte. Allein 280 „Rotjacken-Bilder“ fanden sich in seinem Nachlass. Zu Lebzeiten wagte er nicht, seine struppigen, skizzenhaften Gemälde auszustellen.
Bei Patricia Görg wird Wilhelm Busch zur literarischen Kunstfigur
Ausgerechnet mit Wilhelm Busch beginnt Patricia Görg ihr wunderbares Buch mit literarischen Miniaturen zur Kunstgeschichte. In dieser firmierte der Dichter und Karikaturist lange Jahre allenfalls als Sonderling, wenn nicht als dilettierender Zwilling seiner eigenen Spottfigur, des Malers Klecksel („Ich bin daher, statt des Gewinsels/ Mehr für die stille Welt des Pinsels“), und das, obwohl Buschs flüchtige Ölmalereien ein modernistisches Freiheitsgefühl vorwegzunehmen scheinen.
Bei Görg wird Busch zur literarischen Gestalt. Sie schlüpft in ihn hinein, lässt ihn den Kramladen seines Berufslebens bilanzieren und Bienen hinterher summen, die in dringenderen Geschäften unterwegs sind als er selbst. Unter freiem Himmel und mit Malsachen ist Busch von seinem Spott erlöst: „Keine Unholde leben in dieser Landschaft. Unter großzügigem Himmel tönt sie ihre Menschenleere jeden Tag anders ein, durchläuft sämtliche Farbtuben, stellt Mischungen her, die unendlich variieren. Erde, Gras, Bäume und Himmel füllen Pappe um Pappe mit ihrem Anblick. Auf kleinstem Raum bilden sie so viele Stimmungen, dass Buschs Pinselstrich immer mutiger, immer summarischer wird, merkt er doch, dass Reduzierteres sich dem Wesentlichen nähert.“

Auch Giovanni Bellinis Rätselbild „Allegoria (invidia-acedia)“ wird von Patricia Görg beäugt
Copyright: Galleria dell‘ Accademia, Venedig/ Schirmer/Mosel
Auch Görg weiß auf kleinstem Raum zu glänzen, wenn sie Wilhelm Busch in eine Kunstfigur verwandelt und zugleich in eine Figur der Kunstgeschichte. Dass er in diese hinein gehört, daran wagt der Leser nach dem ersten Kapitel von Görgs „Der Sturz aus dem Schneckenhaus“, ein Buch über „Bilder und Rätsel“, nicht mehr zu zweifeln.
In den folgenden zehn Kapiteln wendet sich Görg dann vorwiegend Malern zu, die ihren Platz in der Kunstgeschichte sicherer haben – Chardin, Hiroshige, Bellini, Agnes Martin oder Hannah Höch. Aber auch sie teilen mit Busch ein Schicksal als Außenseiter, sei es aufgrund biografischer Abwege oder beruflicher Spezialisierung (die tote Natur bei Chardin). Und wie bei Busch gelingt Görg auch bei ihnen eine elegante Engführung zwischen Kunst und Leben, Fiktionalisierung und Wissenschaft. Und Bilder lebendig werden lassen, kann sie ohnehin. Ein toter Hase besteht bei Chardin nicht aus Haaren: „Am Hals ist es ein Getreidefeld, in dem winzige, grobe Wirbelstürme toben. Am Bauch spritzt trockener Schnee in alle Richtungen.“ Dieser Hase, schließt Görg, sei „ganz da, und schon wieder zu Erde geworden“.
Es liegt ein feierlicher, hoher Ton auf den Seiten dieses Buches, und Görg, die vor allem für ihre Hörspiele und Erzählungen bekannt ist, tut gut daran, ihn gelegentlich zu erden. Etwa, indem sie die Leiden der Kunsthistoriker beschreibt, sobald diese versuchen, die Geheimnisse von Giovanni Bellinis Allegorien zu ergründen. Plötzlich sitzt der Kunstgeschichte der Schalk im Nacken und die Experten rudern hilflos mit den Armen, denn Bellinis Allegorien sind berüchtigt.
Sie sollten ihre Auftraggeber in der Renaissancezeit mit gelehrten Anspielungen und Rätseln unterhalten, deren Schlüssel im Laufe der Jahrhunderte verloren gingen. Ein Mann wird von zwei Trägern mitsamt Schlange aus einem riesigen Schneckenhaus gestürzt, was die Gelehrten heutiger Tage weniger unterhält, als dazu zwingt, über die Abgründe des eigenen Unwissens zu staunen. Auch für sie hält Görg einen Vorschlag zur Güte bereit: Hier sehe einer „einfach die Welt, wie sie ist, nämlich voller Geheimnisse, obwohl im Vordergrund noch die Heilsgeschichte zelebriert wird“. Statt Gewissheiten hält die Kunst Wunder weltlicher Natur für uns bereit. Patricia Görg hat die seltene Gabe, ihre Bilder in eine Sprache zu übersetzen, die sie uns in ihrer Unergründlichkeit verstehen lässt.
Patricia Görg: „Der Sturz aus dem Schneckenhaus. Bilder und Rätsel“, Schirmer/Mosel, 160 Seiten, 39,80 Euro
