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Virtuosität mit GrenzenMartynas Levickis bringt das Akkordeon in die Philharmonie

2 min
Martynas Levickis, Akkordeonist

Der litauische Akkordeon-Virtuose Martynas Levickis

Martynas Levickis begeistert mit The Knights in der Kölner Philharmonie. Doch nicht alles will mit seinem Instrument gelingen.

Die große Orgel hat ihren festen Platz im Konzertsaal, ihr portabler kleiner Bruder aber muss in der Regel draußenbleiben. Dem im Klassikbetrieb schlecht beleumundeten Akkordeon begegnet das Publikum sonst nur bei Straßenmusikanten, meist mit einer Adaption von Vivaldis „Vier Jahreszeiten“. Der 1990 geborene Litauer Martynas Levickis bringt das Balginstrument aber auf die Konzertpodien der Welt. In der Kölner Philharmonie gastierte der brillante Musiker mit dem New Yorker Ensemble The Knights.

Da es nur wenig Konzertliteratur für das in der Volksmusik verbreitete Instrument gibt, gehört es zum Berufsleben von Akkordeonspielern, sich andere Musik für ihr Instrument anzueignen. Levickis wagt sich an eine Bearbeitung von George Gershwins „Rhapsody in Blue“. Im Original hört man nur das berühmte Anfangssolo der Klarinette mit seinem Glissando- Abschluss, der zugleich den Auftakt für die jazzaffine Orchesterkomposition gibt. Weiter geht es jedoch mit reduzierter Ensemblebesetzung und dem Akkordeon anstelle des Konzertflügels. Im Tonumfang sind sich beide Soloinstrumente ebenbürtig. Was dem Akkordeon an Anschlagsdifferenzierung fehlt, kompensiert Levickis spielend durch gestische Prägnanz, Dynamikwechsel, Vibrato und gleitende Tonhöhen, die wiederum dem Klavier verwehrt sind. Dennoch entfaltet Gershwins Musik im Original eine ganz andere Impulsivität, brillante Farbigkeit und elegante Laszivität.

New Yorker Orchester The Knights zeigte andere Bearbeitung

Zuvor hatte The Knights mit seinem Gründer und Leiter Eric Jacobsen eine ganz andere Art der Bearbeitung präsentiert. Die US-Amerikanerin Caroline Shaws entlehnt für ihr ebenso unterhaltsames wie formal rundes Ensemblestück „Entrʼacte“ prägnante Motive aus einem Haydn-Streichquartett, die sie einfallsreich verarbeitet: minimalistisch repetitiv, polyphon zerflattert, tonlos verstaubt, zu Flageoletts verklirrt und auf ein gezupftes Cellosolo reduziert. Dazwischen tritt Haydns klassischer Tonfall immer wieder hervor, so als spaziere man durch ein Labyrinth und träfe an verschiedenen Ecken überraschend immer wieder denselben alten Bekannten.

Die Anklänge an amerikanische Volkslieder in Aaron Coplands neoklassizistischer Balettsuite „Appalachian Spring“ von 1944 – auch diese in reduzierter Ensemblefassung – boten schließlich eine stimmige Paarung mit Levickisʼ eigener „Folk Song Suite“, in der er Volkslieder seiner litauischen Heimat adaptiert. Verglichen mit Coplands oft bitonal schwebender Harmonik und variantenreicher Rhythmik wirkte Levickis Stück eher schlicht. Über weite Strecken werden dieselben Akkorde lediglich zu pulsierenden Dreiklangsbrechungen und schnell zirkulierenden Umspielungsfiguren aufgelöst. Wenig Substanz macht so einigen Effekt. Der Virtuose begeisterte gleichwohl mit überragendem Können, auch bei enthusiastisch gefeierten Zugaben.