Er war einer der großen europäischen Schriftsteller der Nachkriegszeit: Cees Nootebooms Werke wurden in 30 Sprachen übersetzt. Nun ist er mit 92 Jahren gestorben.
Zum Tod von Cees NooteboomMelancholiker mit Humor

Der niederländische Schriftsteller Cees Nooteboom 2016.
Copyright: dpa
Was Erik Zondag wohl über den Tod von Cees Nooteboom schreiben würde? „Es wurde zuwenig gestorben in der niederländischen Literatur. Reve, Mulisch, Claus, Wolkers, Nooteboom, die hatten schon geschrieben, als er noch in den Windeln lag“, ärgert sich der Literaturkritiker einmal insgeheim: „Manche Schriftsteller wurden unangenehm alt, mit der Zeit kannte man all ihre Obsessionen und Manierismen.“
Einen Nooteboom-Nachruf von Erik Zondag werden wir nie lesen, denn er ist eine seiner Romanfiguren. Und dass es jemanden wie diesen Literaturkritiker zwischen zwei Buchdeckeln gibt, ist einer Obsessionen Nootebooms geschuldet - wenn man das so unfreundlich formulieren möchte wie Erik Zondag. Das Schreiben, die Produktion von Literatur selbst war immer ein Thema seiner Bücher. Mal nur flüchtig, zwischen den Zeilen. Mal ganz explizit wie in „Ein Lied von Schein und Sein“, wo die Leser sozusagen live beim Entstehen der Geschichte eines namenlosen Schriftstellers dabei sind. Aber nie trocken theoretisch. Was noch eine Eigenheit von Nootebooms Literatur ist. Und ganz sicher auch ein Grund für ihren seinen Erfolg: Unter anderem galt er als heißer Anwärter auf den Literaturnobelpreis, seine Werke wurden in 30 Sprachen übersetzt.
Nach Deutschland kam dieser Erfolg jedoch mit Verzögerung – Nooteboom hatte schon viele Romane, Gedichtbände und Reisebücher geschrieben, bevor das Publikum hier auf ihn aufmerksam wurde. Das lag vor allem an Marcel Reich-Ranicki, der in den 1990ern Bücher im Fernsehen mit einem Satz vernichten oder zu Bestsellern machen konnte. „Sieh da, die Holländer haben einen solchen Autor!“ soll er nach der Lektüre von Nootebooms „Die folgende Geschichte“ 1991 begeistert im „Literarischen Quartett“ ausgerufen haben. Und spätestens seitdem kennen, lieben und kaufen die Deutschen seine Bücher.
Vielleicht auch, weil Nooteboom über ihre neue Hauptstadt schrieb. Als Gast des Berliner Künstlerprogramms des Deutschen Akademischen Austausch Diensts (DAAD) geriet er mitten in die Wendezeit. Die Stimmung während der Jahre 1988/89 beschreibt er in seinen „Berliner Notizen“. Und Berlin ist auch der Schauplatz seines Romans „Allerseelen“. Mit der Filmkamera lässt er seine niederländische Hauptfigur durch die verschneite deutsche Hauptstadt streifen. Bisweilen war er hierzulande ein größerer Star als in den Niederlanden: „Ausländer erzählen mir, dass sie in den Niederlanden ausgelacht werden, wenn sie mit Hochachtung von meinen Büchern sprechen“, sagte Nooteboom einmal.
Bisweilen war er hierzulande ein größerer Star als in den Niederlanden
Vielleicht haben die Niederländer ihm nachgetragen, dass er sich weigerte, sich selbst zu kopieren. Denn sein träumerisch-romantisches Debüt „Das Paradies ist nebenan“ gilt heute noch als Kultbuch. Leser, Kritiker und ganz sicher auch der Verlag wollten nach dem Erscheinen in den Niederlanden 1955 mehr davon – aber Nooteboom wollte nicht mehr davon schreiben: „Eine innere Stimme warnte mich, dass das nicht der Sinn der Sache sei und dass ich folglich auf eine andere Art mein Brot verdienen müsse.“ Also schrieb er vor allem Reiseberichte und journalistische Texte. Und schulte daran seinen Stil: „Wenn man über etwas schreibt, was man sieht, anstatt über etwas, was man sich ausdenkt, wird man zu einer Genauigkeit gezwungen, die man sonst vielleicht nie erworben hätte.“
So ist er zu einem dieser „so genannten literarischen Reiseschriftsteller“ geworden, „die ihre kostbare Seele unbedingt über die Landschaften der ganzen Welt ergießen müssen“. Diesen Seitenhieb verpasst sich Nooteboom selber in „Die folgende Geschichte“ - ein Beispiel für seinen Hang zur Selbstironie. Diese Selbstironie hat Nooteboom vor der Gefahr gerettet, Kitsch zu produzieren. Das hat er nie getan, obwohl er über die großen Fragen des Lebens schrieb, über Sinnlichkeit und Übersinnliches – sogar Engel kommen vor. Ohne seinen Witz und seine lakonische Melancholie hätte das auch schiefgehen können. Und ohne seinen schnörkellosen Stil, geschliffen durch journalistische Texte und Reiseerzählungen. „Ich experimentiere nicht mit dem Stil, weil es nichts gibt, was so schnell alt und gammelig wird wie die Sprache, sogar wenn du einfach schreibst, ist der Lack ab, bevor du tot bist“, heißt es in „Ein Lied von Schein und Sein“. Natürlich kann von „Lack ab“ bei Nooteboom keine Rede sein. Obwohl er so nah am Zeitgeist, nah an Politik und Gesellschaft schrieb, sind seine Bücher in ihrer Klarheit und ihrer Tiefe zeitlos.
In „Ein Lied von Schein und Sein“ kann man sehr viel über Nootebooms Haltung zum Schreiben erfahren – wenn auch aus dem Mund zweier fiktiver Schriftsteller. „Leser kannst du mit zweierlei verscheuchen“, heißt es darin: „Erstens: mit mangelndem Können, und zweitens: wenn du sie zu sehr mit Fachsimpelei nervst.“ Und das hat er nie – obwohl ihn philosophische Fragen immer umgetrieben haben: Was ist Wirklichkeit? Ist es möglich, sie in Literatur zu übersetzen? Ist es überhaupt wünschenswert? Vielleicht hat er sich an diesen Satz seiner Schriftsteller-Figur gehalten, die davon überzeugt ist, dass Philosophie kein Rumgelaber sein sollte, sondern „in dem stecken muss, was ich tue“.
Nooteboom hat seine Geschichten und Figuren nie zergrübelt. Es scheint, als hätten sie sich geradezu magisch auf dem Papier materialisiert. Ab und zu tauchte dann eben auch mal ein Unsympath wie der Literaturkritiker Erik Zondag auf. „Es gab so unendlich viel Tinnef, der bereits Schimmel ansetzte, noch während die Bücher auf den Bestsellerlisten standen“, grantelt der und fragt sich: „Wenn man auf das zwanzigste Jahrhundert zurückblickte, wie viele wirkliche Schriftsteller waren geblieben?“ Sein eigener Erfinder gehört auf jeden Fall dazu.

