David Hockney malte die Freuden der Konsumgesellschaft mit altmeisterlicher Finesse. Jetzt ist der britische Künstler im Alter von 88 Jahren gestorben.
Zum Tod von David HockneyDas Paradies fand er im Swimmingpool

David Hockney posiert im Jahr 2017 während der Enthüllung eines riesigen Gemäldes, das er dem Centre Pompidou in Paris schenkt. Der legendäre britische Maler starb im Alter von 88 Jahren.
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Ein Frühlingstag an der Côte d’Azur. Sattgrün und blassblau strahlt die Hügellandschaft im Hintergrund. Falls man überhaupt von einem Hintergrund sprechen sollte – und nicht von einem Muster. Die senkrechten Wellenlinien der Hügel korrespondieren mit denen des chlorblauen Wassers im Swimmingpool.
Ausgelöst hat sie ein unter der Oberfläche schwimmender Mann in weißer Badehose. Im nächsten Moment wird er an der Wand des Beckens angelangt sein. Dort, wo am Rand ein zweiter, vollständig bekleideter Mann steht. Der schaut auf den Schwimmer herab, seine Schuhabsätze ruhen auf den Steinkacheln der Terrasse. Die bilden ein gerades Netz, das sich von den geschwungenen und gekrümmten Linien der Bewaldung und des Wassers abhebt.
David Hockney, der am Donnerstag kurz vor seinem 89. Geburtstag friedlich in seinem Londoner Zuhause gestorben ist, hat 1972 ungewöhnlich lange an seinem Bild „Portrait of an Artist (Pool with Two Figures)“ gearbeitet, hat den ersten Versuch nach einem halben Jahr verworfen, um noch einmal nach der richtigen Perspektive, dem richtigen Pool in der richtigen Landschaft zu suchen. Der Maler ließ seine Assistenten tauchend und herabblickend die Szene nachstellen, fotografierte immer wieder, wie genau sich das Licht auf dem gekräuselten Wasserspiegel bricht. Beorderte auch seinen ehemaligen Geliebten Peter Schlesinger zum erneuten Porträt-Sitzen beziehungsweise -Stehen.
Durchbruch mit „A Bigger Splash“
Denn das großformatige Bild ist vor allem das Porträt einer Trennung, für den Oberflächenmaler David Hockney vielleicht die einzige Möglichkeit, tief sitzenden Schmerz einzufangen. Man kann darüber spekulieren, ob er sich mit dem titelgebenden Künstlerporträt nicht sogar selbst gemeint hat, ob der Mann aus dem West Riding of Yorkshire in Gestalt des Swimmingpools im Bild vertreten ist. Dieses Symbol eines sonnig-sorgenfreien Lebens assoziieren viele Betrachter schließlich als Erstes mit dem Namen Hockney. Fünf Jahre vor „Portrait of an Artist (Pool with Two Figures)“ hatte er mit dem menschenleeren Poolplatscher „A Bigger Splash“ seinen Durchbruch in der Kunstwelt gefeiert. Nach seiner Kindheit in der verrußten Industrielandschaft des nordenglischen Bradford war ihm die südkalifornische Landschaft als Paradies auf Erden erschienen, mehr als das noch schwunglose London seiner Studienjahre am Royal College of Art.
Mit bewundernswerter Selbstverständlichkeit hatte er bereits als Kunststudent schwulen Alltag in seinen Bildern thematisiert: „Ich hoffe, sie kommen sich nicht noch näher“, kommentierte einer seiner Professoren ein Bild zweier sich umarmender Jünglinge. Er wagte was, schritt seiner Zeit voran: Homosexualität wurde in Großbritannien erst 1967 entkriminalisiert. Da war er längst nach Los Angeles verzogen, wo jeder Pool ein kleiner Garten Eden ist.

Ein Selbstporträt von David Hockney bildet den Abschluss einer Drohnenshow, die eine digitale Auswahl von David Hockneys ikonischen Kunstwerken in seiner Heimatstadt Bradford, im Rahmen einer Sonderveranstaltung für «Bradford 2025 - UK City of Culture» zeigt.
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„A Bigger Splash“ gilt heute als Ikone der Freizeitkultur, fast ebenso bekannt ist „Peter Getting Out of Nick's Pool“ von 1967, das Peter Schlesingers nackte Rückansicht zeigt, während er sich aus dem Swimmingpool einer modernistischen Villa hebt. Aber es ist das spätere, sanft verzweifelte Poolgemälde, das den Höhepunkt von Hockneys Kunst markiert, in dem es seine Lebensthemen vereint: die Faszination mit der Oberfläche, ihren Farben, Mustern und Maserungen; mit der Landschaft als Mustervorlage und Freudenquell, mit den Freunden und den Menschen aus seiner Umgebung.
Er porträtierte Promis wie zuletzt Harry Styles, richtete seinen egalisierenden Blick jedoch mit gleichem Interesse auf seinen Gärtner und seinen Fußpfleger. Häufiger als jeder andere Künstler malte er Doppelporträts, oft von Paaren, weil die Beziehungen von Mensch zu Mensch, von Oberfläche zu Oberfläche nun mal das Allerinteressanteste sind. Im Jahr 2018 wurde „Portrait of an Artist (Pool with Two Figures)“ für 90,3 Millionen Dollar bei Christie’s versteigert, damals der höchste für das Werk eines lebenden Künstlers erzielte Preis.
Mit seinen Peroxid-blondierten Haaren, seiner runden, dickgerahmten Brille, der unvermeidbaren Zigarette im Mundwinkel und Kleidern, deren leuchtende Farben direkt aus seinen Bildern zu stammen schienen, war David Hockney selbst eine Ikone im Warhol’schen Sinn, ein Teil der hedonistischen Nachkriegs-Pop- und Partyszene.

König Charles III. (l.) im Gespräch mit David Hockney während eines Mittagessens für Mitglieder des Order of Merit im Buckingham Palace im Jahr 2022.
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Aber seine Pop-Art hatte auch etwas Altmeisterliches, sprach nicht nur mit Warhol oder Lichtenstein oder Alex Katz, sondern auch mit Jan van Eyck, mit Claude Lorrain und mit Henri Matisse. Viele seiner Bilder hätten den von Baudelaire entliehenen Titel von Matisses fauvistischem Meisterwerk „Luxe, Calme et Volupté“ (1904) tragen können: Luxus, Ruhe und Genuss.
An Matisse musste man auch denken, als das Museum Ludwig 2012 unter dem Titel „A Bigger Picture“ Landschaftsbilder zeigte, die der damals 75-Jährige nach seiner Rückkehr ins heimische Yorkshire gemalt hatte. Die hatte wohl nie zuvor so bunt geschimmert. Neben klassischen Ölbildern zeigte Hockney auch auf dem iPad entstandene Werke, als monumentale Drucke und auch in ihrem Entstehungsprozess auf Monitoren.
„Hockney ist ein wahrer Kulturdemokrat, dessen Kunst sich elitärem Snobismus widersetzt“, hat Jonathan Jones, der Kunstkritiker des „Guardian“, über ihn geschrieben. In seinem Nachruf vergleicht ihn Jones jetzt mit der „simplen Perfektion der Beatles“: „So wie sie den Klang der modernen Welt einfingen, fing er ihr Aussehen ein.“
Dass er Teil der modernen Welt und damit einer (wenn auch außergewöhnlich begabter) unter vielen war, zeigte Hockney auch, indem er im Lauf der Jahrzehnte mit jeweils neuer, so gut wie jedem zugänglicher Technik experimentierte, mit Polaroid-Fotos, Faxgeräten, Photoshop und zuletzt eben Tablets.
Und die Menschen verstanden, dass sie von diesem Künstler mit offenen Armen empfangen wurden: Mit 251.000 Besuchern ist die „A Bigger Picture“-Schau eine der erfolgreichsten Ausstellungen in der Geschichte des Kölner Hauses. Die große Hockney-Retrospektive, die vor neun Jahren in der Tate Britain zu sehen war – inklusive eines seltenen öffentlichen Auftritts von „Portrait of an Artist (Pool with Two Figures)“ – hält mit mehr als einer halben Million Besuchern den Publikumsrekord des Londoner Museums.
Und Hockney malte und rauchte weiter, ließ sich weder von einem Schlaganfall 2012 aufhalten, noch vom Tod seines jungen Assistenten im Jahr darauf. Die Freude am Leben blieb in seinen Bildern, bis zuletzt.
„Ein großartiger Künstler und ein wunderbarer Mensch, der mit der Kraft der Kunst die Wahrnehmung des Britischseins verändert hat“, rief ihm jetzt seine Kollegin Tracy Emin nach: „Ein stolzer, kettenrauchender Homosexueller, der die Fahne höher hielt als jeder andere britische Künstler.“
