Als Juan Atkins 14 oder 15 Jahre alt war, ließen sich seine Eltern scheiden. Juan zog mit seinem Vater, einem Konzertveranstalter, aus dem Moloch Detroit in den beschaulichen, ja fast dörflichen Vorort Belleville. Der Teenager war alles andere als begeistert. In der Stadt hatte er bereits mit Freunden in Funk-Bands gespielt, Gitarre und Bass. In Belleville lauschte er des Nachts der Stimme des Detroiter DJs The Electrifying Mojo, sog die ganz besondere urbane Atmosphäre auf, die dieser mit seiner eklektischen Musikauswahl heraufbeschwor. Mojo kombinierte „A Horse With No Name“ mit James Brown, George Clintons P-Funk-Band Parliament mit den robotischen Düsseldorfern von Kraftwerk.
Juan Atkins träumte von einer Zukunft, in der die Stadt zu ihm kam, in der ein gigantischer Metroplex das Land überziehen würde. Das hatte er in seiner neuen High School gelernt, in einem Kurs, der auf dem Bestseller „Future Shock“ des amerikanischen Futuristen Alvin Toffler beruhte. „Metroplex“ würde Atkins später sein erstes Plattenlabel nennen. Die Zukunft kam, wie so oft, aus einer unverhofften Ecke. Atkins Großmutter, sie lebte gleich nebenan, spielte eine alte Hammond-B-3-Orgel. Der Enkel begleitete sie zum Notenkaufen in ein Musikgeschäft, das gerade die ersten für Laien erschwinglichen Synthesizer ausstellte, den MiniKorg-700S und den Korg MS-10. Atkins war fasziniert und überredete seine Großmutter dazu, ihm so ein Wunderding zu schenken.
Die Belleville Three lernten sich auf der High School kennen
Jetzt konnte er sich die Zukunft im Kinderzimmer unter seinen Fingern herbei oszillieren. Und er war nicht allein. In der High School lernte er zwei weitere schwarze Jungs kennen, die es aus der großen Stadt in die Provinz verschlagen hatte – und auch Kevin Saunderson und Derrick May waren fasziniert vom Sound der Zukunft. Clubs gab es keine in Belleville, also, erinnert sich May, „lehnten wir uns bei ausgeschaltetem Licht zurück und hörten Platten von Bootsy Collins und dem Yellow Magic Orchestra. Wir haben das nie nur als Unterhaltung betrachtet, sondern als ernst zu nehmende Philosophie.“
Bald würden sie als die Belleville Three, die heilige Dreifaltigkeit des Techno in die Musikgeschichte eingehen. Zunächst jedoch tat sich Atkins mit dem zehn Jahre älteren Vietnamveteran Richard Davis zusammen, eine Art Vaterfigur, Atkins leiblicher Vater saß zu dieser Zeit im Knast. Davis besaß einen der ersten Roland-Sequenzer und wusste alles über die Finessen elektronischer Klangerzeugung. Ihre gemeinsame Band nannten sie Cybotron verband die Motorik deutschen Krautrocks mit Clintons P-Funk und soziologischen Studien zur Zukunft der Städte: „Techno City“ hieß ein früher Track, der dem Kind seinen Namen gab. Denn auch wenn etwa Cybotrons größter Hit, „Clear“ von 1983, gefährlich nahe an Kraftwerks „Spiegelsaal“ und „Computerwelt“ schrammt, war hier etwas Neues, völlig Unerhörtes geboren worden. „Wer weiß, vielleicht fließt ja Alien-Blut in mir“, scherzte Atkins, als wir ihn 2019 im Kölner Kompakt-Plattenladen zum Gespräch trafen. Nur um dann auf die Wichtigkeit des Funk-Erbes zu verweisen. Er sah sich als Teil einer großen schwarzen Tradition. Für den alllerdings Kraftwerk dieselbe Rolle spielten wie Muddy Waters für die Rolling Stones.
Jetzt spielte The Electrifying Mojo Atkins Musik im Radio. Trotzdem blieb Cybotron ein Geheimtipp, eine der Bands, die hinterher jeder schon gehört haben wollte, vor allem „Clear“ wurde unzählige Male gesampelt. Atkins machte solo weiter, richtete seine Zukunftsvision in Richtung Tanzfläche, brachte auch den jüngeren Freunden May und Saunderson den Umgang mit Turntables bei.
Im April 1985 veröffentlichte er unter dem neuen Namen Model 500 die Single „No UFO's“ auf seinem eigenen Label, aufgenommen im Keller der mütterlichen Wohnung in Detroit: auf das Allerwesentlichste reduzierte Maschinenmusik, die noch die letzte Verbindung zum allzumenschlichen Pop gekappt hatte: Instant-Science-Fiction. Kein Wunder, dass es ein paar Jahre dauerte, bis diese bislang letzte große Umwälzung in der Geschichte der populären Musik endlich auch nach Europa überschwappte. Mit den bekannten Folgen.
Juan Atkins, der Pate des Techno, ruhte sich nie auf seinen Elder-Statesman-Status aus, blieb bis zuletzt als Produzent und DJ aktiv. Am 31. Oktober wurde er in seinem Hotelzimmer in Mexiko-Stadt, kurz vor einem geplanten Auftritt, tot aufgefunden. Ein Herzinfarkt, wie unter anderem „pitchfork.com“ berichtet. Er wurde 64 Jahre alt. Die Zukunft, die er aus der Peripherie erträumt hatte, ist ohne ihn nicht mehr dieselbe.

