Die österreichische Schriftstellerin starb am Sonntag mit 78 Jahren an den Folgen eines Sturzes.
Zum Tod von Monika HelferHautnah dran am Alltag der Menschen

Monika Helfer am Literaturhaus Frankfurt vor einer Lesung zur Shortlist des Deutschen Buchpreises 2021.
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Einen märchenhaften Urwald hatte Monika Helfer auf dem Fensterbrett ihres Wohnzimmers in Hohenems in Vorarlberg angelegt. Eine Bühne der Fantasie in einem Haus, in dem sie mit ihrem Ehemann, dem Autor Michael Köhlmeier, lebte. Inmitten von dicht an dicht wuchernden Pflanzen und Blüten tummelten sich Heiligenfiguren und Plastikmonster, Weihnachtskugeln und Puppenköpfe. Ein fruchtbares Terrain für Träume und Albträume.
Gar so wild wie in diesem Urwald ging es in den Werken der österreichischen Schriftstellerin nicht zu, die 1947 in Au im Bregenzerwald geboren wurde. Doch im Reich der Fiktion war sie zuhause. Als sie ungefähr 18 Jahre alt war, wurde sie von ihrem Vater gefragt, welchen Wunsch sie für ihr Leben habe. Die Antwort findet sich in dem autobiografischen Roman „Vati“: „Ich wünsche mir, dass irgendwann auf einem Buchrücken mein Name steht.“
Der große Durchbruch kam erst im Herbst ihrer Karriere
Lang ist die Liste ihrer Prosa, mit der sie bereits 1977 begonnen hat und auf der auch einige Kinderbücher zu finden sind. Nicht gar so lang ist die Liste ihrer Theaterstücke und Hörspiele. Und einen Gedichtband hat sie zuletzt auch noch veröffentlicht. „Bitte schick mir eine Droge“ ist im vergangenen Jahr bei Hanser erschienen. Unter dem Titel „Zukunft“ sind darin folgende Verse zu lesen: „Mit neunzig verwende ich / Meinen Kamm als Zahnbürste / Eine Schraube als Schlüssel // Meine Schrift wird / Ein Panorama sein / Berge und Ebenen // Mein Bett wird / Ein Sarg sein / Dunkelblau gefüttert.“
Ich wünsche mir, dass irgendwann auf einem Buchrücken mein Name steht.
So erfolgreich die Schriftstellerin Monika Helfer auch immer war – der ganz große Durchbruch kam erst im Herbst ihrer Karriere. Eine neue Dimension erreichte ihre Popularität, als sie ihre Familiengeschichten in so schmalen wie gehaltvollen Romanen in dichter Folge veröffentlichte. Zunächst war es 2020 die Geschichte der Mutter und der Großeltern in „Die Bagage“, dann 2021 die des Vaters in „Vati“ und 2022 des Bruders Richard in „Löwenherz“. Schließlich hat sie sich 2023 in dem Roman „Die Jungfrau“ auch noch der Schulfreundin Gloria zugewandt.
Prosa besticht mit einer Mischung aus emotionaler Nähe und wachem Blick
Monika Helfers autofiktionale Prosa besticht mit einer Mischung aus emotionaler Nähe und wachem Blick. Die Autorin verzichtet entschieden darauf, die Vergangenheit mit einem Weichzeichner zu bearbeiten. Wo Not und Mangel herrschen, werden diese erwähnt. Monika Helfer erzählte ihre Geschichten mit einer Wärme und Ruhe, die auch sie als Privatperson auszeichnete. Dass es eine tückische Sache ist, sich auf die Erinnerung einzulassen, machte sie mehr als einmal deutlich. Auch das literarische Verfahren, das sie bei diesen autofiktionalen Romanen anwandte, thematisierte sie selbst. In „Vati“ wird die Ich-Erzählerin einmal gefragt, ob der geplante Familienroman „wahr oder erfunden“ sein solle. Ihre Antwort lautet: „Beides, aber mehr wahr als erfunden.“
Monika Helfers Schreiben war hautnah dran am Alltag der Menschen. Sie war eine schier unermüdliche Beobachterin der scheinbar kleinen Dinge. Daraus sind nicht nur viele Bücher entstanden, sondern auch zahlreiche Artikel, die in den „Vorarlberger Nachrichten“ erschienen sind, also in der Zeitung ihrer Heimat. Von diesen Geschichten sind genau 365 unter dem Titel „Wie die Welt weiterging“ im Jahr 2024 auf 700 Seiten veröffentlicht worden. Monika Helfer erzählte von Dramen im Privaten, die sich im Schatten des Weltgeschehens ereignen. Die Autorin wusste aus eigener Erfahrung nur zu gut, mit welchen Schicksalsschlägen das Leben aufwarten kann.
Sei es als Kind in Bregenz, das nach dem frühen Tod der Mutter bei Verwandten und getrennt vom Bruder aufwächst – worauf schon der Roman „Oskar und Lilli“ von 1994 anspielte. Sei es als Mutter, deren Tochter Paula bei einem Sturz auf dem Schlossberg in Hohenems ums Leben kam – und an die sie in dem Roman „Bevor ich schlafen kann“ von 2010 erinnerte. „Beinahe alle, über die ich schreibe, liegen unter der Erde“, bemerkt Monika Helfer am Ende der „Bagage“. Und sie fährt fort: „Selber bin ich alt.“ Nun ist auch Monika Helfer gestorben, im Alter von 78 Jahren nach einem Sturz.

