Leserbriefe zum GänsealarmWer hat Vorrang im Park – Mensch oder Tier?

Große Mengen von Kanadagänsen bevölkern die Gewässer in Kölner Parks, wie den Aachener und den Decksteiner Weiher.
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Alternative Habitate für die Gänse suchen
Die Überschrift ist doch reichlich überzogen und demonstriert, zusammen mit dem noch überspitzter formulierten Kommentar die persönliche Abneigung des Autors Detlef Schmalenberg gegenüber Nil- und Kanadagänsen, die angeblich Innenstadtflächen wie den Volksgarten „überrennen“. Abgesehen davon, dass ursprünglich wie üblich der Mensch selbst die Verantwortung für deren Erscheinen trägt, scheinen sich doch auch Viele an der Gegenwart der schönen Vögel zu erfreuen, sonst würden sie sie ja nicht füttern.
Dies ist aber weder nötig noch erlaubt und für die Gänse darüber hinaus ungesund; ihren Nahrungsbedarf decken die Tiere im Flachwasser und auf angrenzenden Grünsäumen. Es ist unerträglich, wenn Tierhasser meinen, alle Lebensräume hätten sich stets nach dem Menschen zu richten, und die „Störer“ müssten verjagt oder abgeschossen werden. Wie wäre es denn, wenn man mal „die Kirche im Dorf“ lässt und im Gegenteil versucht, die Plätze, auf denen die Gänse wirklich nicht erwünscht sind, für die Tiere unattraktiv zu gestalten und ihnen andere – attraktivierte – Stellen zu überlassen?
In Hamburg beispielsweise sind Wildgänse mittlerweile eine Attraktion bei Touristen und Spaziergängern und beliebte Fotomotive. In den Parkanlagen kann man die Wildvögel wunderbar aus nächster Nähe beobachten, ohne dafür Eintritt zahlen zu müssen. In Zeiten von wachsender Naturentfremdung sind solche Möglichkeiten, gerade auch für junge Menschen, „gans“ wichtig. Übrigens: Gefährlich ist der Kot der reinen Pflanzenfresser für Menschen nicht. Trocknet er, entsteht eine Art kleiner Strohballen, welcher in wenigen Tagen vollständig abgebaut ist.
Dagegen verweilen diverse Hinterlassenschaften von Menschen, wie Kronkorken, Zigarettenstummel, Plastikmüll oder Glasscherben, Jahrzehnte lang in den Parkanlagen, können die Böden schädigen und Menschen und Tiere verletzen. Die zweimal geäußerte Behauptung, dass die Gänse „mit ihrer Ausbreitung Lebensräume, Arten oder Ökosysteme beeinträchtigen und daher der biologischen Vielfalt schaden können“, würde ich eher der Spezies Mensch zuordnen.Martina Frimmersdorf Leverkusen
Bestand durch „Gelegemanagement“ reduzieren
Die unkontrollierte Ausbreitung von Nil- und Kanadagänsen mit den entsprechenden Hinterlassenschaften in den Grünanlagen ist seit Jahren ein Ärgernis. Die Bezirksvertretung Lindenthal forderte daher am 4. Mai 2020 einstimmig die Verwaltung auf, nach dem Vorbild des „Gelegemanagements“ in Düsseldorf die Population der Tiere zu reduzieren. Obwohl der Leiter des Grünflächenamts der damaligen Bezirksbürgermeisterin sofort eine positive Rückmeldung gab, geschah anscheinend nichts. Nun also wird mal wieder ein Gutachten in Auftrag gegeben. Ach Köln, warum dauert das Allermeiste hier fast immer so unendlich lange?Claudia Pinl Köln
Müll unangenehmer als Gänsekot
Menschen trauen sich nicht mehr auf die mit Exkrementen versauten Liegewiesen? Wie furchtbar. Ich traue mich schon lange nicht mehr, nach einem sonnigen Wochenende in irgendeinen Park oder an einen See zu gehen. Müllberge, zerdepperte Flaschen und überall Zigarettenkippen, Grill- und sonstige stinkende Lebensmittelreste machen es mir teilweise unmöglich, mit meinem Hund dort spazieren zu gehen. Von den menschlichen Exkrementen, die dort auch zuhauf zu finden sind, will ich gar nicht erst anfangen. Da kann einem nur übel werden.
Lieber Herr Schmalenberg, es gibt nur eine invasive Art auf diesem Planeten und die hat definitiv keine Federn und ist gerade dabei, nicht nur Lebensräume und Ökosysteme zu beeinträchtigen, sondern den gesamten Planeten an die Wand zu fahren. Und natürlich, wie immer wenn es um Tiere geht, wird nach Jägern gerufen. Plattmachen, abknallen und zerstören ist für Menschen immer die einfachste Lösung, wenn es mal Probleme gibt. Wie wäre es, wenn man einfach mal eine Schaufel in die Hand nimmt und sauber macht? Wäre doch auch eine Lösung, oder? Übrigens, niemand muss vertrieben werden aus unserer Stadt, niemand. Auch keine Gänse.Doris Weiß Köln
Tierschutz-Regelungen beachten
Aus dem Kommentar von Herrn Schmalenberg spricht eine große Ungeduld mit den städtischen Ansprechpartnern, die auf ein Unwissen schließen lässt. Ebenso wie eine Baumfällung in Köln einem Gesetz unterliegt, sind auch Maßnahmen bezüglich der Wildgänse gesetzlich geregelt. So kann nicht einfach X oder Y diese „möglichst weit vergrämen“ oder „in den Herd stecken“.
Maßnahmen innerhalb der Schonzeit wie das Eiermanagement – die einzig übrig bleiben neben weiteren Habitat verändernden Maßnahmen, wenn die Jagd in befriedeten Bereichen nicht möglich ist – bedürfen eines Gutachtens und der Genehmigung durch die Obere Naturschutzbehörde. Auch bleibt festzuhalten, dass es viele Bürger gibt, die sich der Anwesenheit der Tiere erfreuen. Da die Populationsdichte der Wildgänse entlang der Rheinschiene hoch ist, ist zu erwarten, dass freiwerdende Brutplätze im Habitat von außen neu besetzt werden.Coletta Scharf Köln
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Gänse einer gemeinnützigen Bestimmung zuführen
Auch wir ärgern uns seit langem über die riesige Zahl der Gänse und über den Unrat, den sie hinterlassen, sei es im Rheinpark oder am Decksteiner Weiher. Es bleibt verwunderlich, dass die Stadt Köln dieser Invasion bis jetzt noch nicht Herr geworden ist. Das Argument der „verbotenen Jagd in der Stadt“ überzeugt dabei nicht. Welcher Geflügelzüchter jagt und erschießt denn um Sankt Martin seine Gänse? Unser Vorschlag: Die Gänse werden in der Martinszeit von Geflügelfachleuten eingefangen, geschlachtet und als Martinsgans vorbereitet und der Tafel oder einer Obdachloseneinrichtung als Festtagsbraten zur Verfügung gestellt. Man könnte auch ein großes öffentliches Gansessen auf dem Heumarkt oder Neumarkt veranstalten und den Erlös spenden.Ursula und Wolfgang Acht Köln
Muss erst ein teures Gutachten in Auftrag gegeben werden, um zu handeln?
Das ist mal wieder typisch für die Arbeitsweise der Stadt Köln: Seit fünf Jahren ist das Gänse-Problem bekannt, aber unternommen wurde nichts. Im Gegenteil, es wurde immer schlimmer mit der Verkotung der Wege und Wiesen. Als Hundebesitzerin bin ich häufig im Volksgarten unterwegs, wo ich inzwischen nur noch die äußeren Wege nutze, da unsere Hündin – wenn sie dran kommt – den Kot frisst und anschließend Durchfall bekommt.
Den Kalscheurer Weiher und die umliegenden Wege nutze ich schon gar nicht mehr, weil sie extrem verkotet sind. Muss erst ein teures Gutachten in Auftrag gegeben werden, um zu handeln? Kann die Verwaltung nicht selbst denken und handeln? Muss in Köln alles verkommen und verdrecken? Ich stimme mit Herrn Schmalenberg überein, dass jetzt etwas getan werden muss und nicht erst im nächsten Jahr.Michaela Verweyen Köln
Bejagung der Gänse macht keinen Sinn
Ich selbst bin als Weiherpatin und Naturfreundin viel an den Gewässern unterwegs. Es ist richtig, dass es viele Kanadagänse gibt und sicherlich gibt es viele Menschen, die sich an dem Kot stören. Aber diese Menschen sollten wissen, dass die Gänse hauptsächlich Gras essen. Für die häufig geäußerte Befürchtung, dass die Gänse über ihren Kot gefährliche Krankheiten verbreiteten oder die Gewässer zum Umkippen bringen würden, fanden Studien keine Belege. Die Natur kennt im Übrigen keine Überpopulation. Jedes Ökosystem reguliert sich selbst. Wenn der Platz zu knapp wird, wird die Reproduktion runtergefahren.
Mal abgesehen davon, dass in Köln in befriedeten Bereichen die Jagd nicht erlaubt ist, macht Bejagung auch keinen Sinn. Man sollte wissen, dass gemäß Jagdgesetz nur auf fliegende Gänse geschossen werden darf, dabei wird auch hochgiftiges Bleischrot verwendet. Es ist praktisch unmöglich, exakt auf einen fliegenden Vogel zu schießen. Wenn man mitten in einen Vogelschwarm schießt, wird ein Großteil der Vögel nur schwer verletzt und nicht getötet. Dies ist Tierquälerei. Nach Bejagung würden die frei werdenden Reviere der Gänse übrigens sehr schnell wieder von neuen Gänsen besetzt.
Viele Menschen sind gegen eine Bejagung in der Stadt und erfreuen sich der Gänse. In Köln erlebt man „Stadtnatur“ hautnah. Wir sollten lernen, mit den Gänsen, Halsbandsittichen, Raben und anderen Wildtieren zu leben. Durch ständige Bebauung nehmen wir den Wildtieren schon unnötig Lebensraum und Rückzugsbereiche weg.Claudia Scherping Köln
Warten auf Sankt Martin
Ich kann schon die empörten Aufschreie hören: Lasst die Gänse in Ruhe grasen! Ich sage, wir sollten sie nicht vertreiben, sondern zusammentreiben und auf Sankt Martin warten. Eine kanadische Graugans, die sich auf Staatskosten auf den Kölner Wiesen fett gefressen hat, sollte in jeden Kölner Brattopf passen. Die untere Jagdbehörde kann ja wohl mal eine Ausnahmeregelung treffen. Die Jagd auf Kaninchen ist ja auch erlaubt.Götz Doll Köln
Finger weg von den Gänsen!
Tiere, die „als Ausländer“ hier nichts zu suchen haben und die den einheimischen Wasservögel-Bestand wie Enten und Schwäne verdrängen? Die das ökologische System gefährden? Was für ein Unsinn! Es gibt neun Wasservögelarten in der Kölner Region: Schwäne, Kanadagänse, Nilgänse, Graugänse, Enten, Blesshühner, Teichhühner, Graureiher und Kormorane, die sich den Platz teilen. Und es ist gut, dass sie alle da sind!
Teils kooperieren die Tierarten miteinander, teils konkurrieren sie, teils ignorieren sie sich. Die allermeisten Kämpfe jedoch werden innerhalb der jeweiligen Art ausgetragen und diese Kämpfe finden meist zur Brunft- und Brutzeit statt, also in der ersten Jahreshälfte.Kurzum, die Kanada- und Nilgänse verdrängen niemanden. Der Ruf danach, sie vor die Flinte zu kriegen, ist neuerdings wieder lauter zu vernehmen.
Ich selbst kenne viele junge Menschen und Familien, ebenso wie ältere, die kein Problem mit diesen Tieren haben, sondern vielmehr Freude an ihnen empfinden! Deshalb: Finger weg von den guten, schönen, harmlosen Gänsen, die nichts weiter getan haben, als nicht tot auf den Tellern der Fresssäcke zu liegen, die ihnen jetzt an den Federkragen wollen!
Übrigens ist die Kanadagans in diesen Jahren die weltweit auf allen Kontinenten am meisten verbreitete Wasservogelart. Natürlich kann es saisonal und örtlich auch schon einmal zur vorübergehenden zahlenmäßigen Häufung kommen, bevor die Gänse ohne Nachhilfe weiterziehen. Das Sozialverhalten der Tiere zeugt von Intelligenz und emotionalen Fähigkeiten, die zu erkennen ihre Feinde nicht in der Lage sein wollen.Josef Ternes Köln
Eingeschränkte Wiesennutzung vs. Freude an Gänsen
Zugegebenermaßen würde ich persönlich meine Liegedecke auch nicht auf einer Wiese ausbreiten, auf der sich gerade eine Herde Kanadagänse aufgehalten hat, genauso wenig, wenn dort kurz vorher eine Schafherde gegrast hat oder auf eine Bienenwiese. Aber noch weniger möchte ich mich auf Wiesen aufhalten, wo Menschen ihren Müll zurückgelassen haben. Dieser ist für unsere Kinder und unsere Umwelt reines Gift und muss von der AWB und von Freiwilligen in aufwendigen Aktionen mühsam aufgesammelt und beseitigt werden, während Gänsekot zum einen reine Zellulose enthält und zudem auch eine gewisse Düngewirkung hat.
Zum anderen erfreue ich mich aber, wie viele andere auch, an der Artenvielfalt an unseren Stadtgewässern. Seit über zehn Jahren halte ich mich regelmäßig am Kalscheurer Weiher auf und habe nie beobachtet, dass Kanadagänse andere Wasservogelarten vertreiben. Lediglich bei Fütterungen durch Menschen kommt es manchmal zu Anfeindungen zwischen verschiedenen Vogelarten. In diesem Jahr gab es am Kalscheurer Weiher lediglich drei Kanadagansküken. Sollte man dennoch der Ansicht sein, die Gänsepopulation in Köln nähme immer weiter überhand, ist Abschießen keine gute Lösung. Da gibt es tiergerechtere Methoden, wie etwa die Eientnahme aus den Nestern.Dorothee Soénius Köln


