Leserbriefe zur Lütz-KolumneFriedensinitiative ist keine „intellektuelle Träumerei“

Button der Friedensbewegung mit Schleife in den Farben der Ukraine
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Lütz diffamiert eine höchst sinnvolle Initiative
Es macht mich wütend, wie arrogant und prominent der Bestseller-Theologe Lütz sich über die Initiatoren des offenen Briefes an Kanzler Scholz auslassen kann. Begriffe wie „hilflos“, „realitätsfern“, „ängstlich besorgt“ , „gelehrt“ diffamieren diese höchst sinnvolle Initiative. Hat doch besagter offener Brief überhaupt erst eine öffentliche Debatte in der Bevölkerung über Sinn und Unsinn von Waffenlieferungen an die Ukraine angeregt. Ich bin den Initiatoren jedenfalls sehr dankbar dafür.
Zurzeit ist es ja Mode, Friedensdemos und Verhandlungsaufrufe als „intellektuelle Träumerei“ abzutun. Dabei beendet man Kriege nicht mit mehr Waffen, sondern nur mit Verhandlungen. Wieso meint eigentlich jeder zu wissen, dass Putin nicht verhandeln will? Wollen die USA dies denn oder wollen sie lieber ihr teures und umweltschädliches Fracking-Gas und ihre Waffen verkaufen? Die leidtragende Bevölkerung hätte sicher lieber heute als morgen Frieden, aber ihr Los ist den geostrategischen Plänen wohl gleichgültig.Reinhild Felten Köln
Dank an Herrn Lütz fürs Geraderücken der Sichtweise auf die Verhältnisse
Herr Lütz hat das Problem der offenen Briefe zur Ukraine-Problematik treffend beschrieben: Es gibt Zeiten für Verhandlungen und es gibt Zeiten, in denen diese nicht zielführend sind – auch wenn man Gewalt noch so sehr verabscheut. In letzter Zeit ist immer wieder zu beobachten, dass Menschen durch Aufgreifen viraler Begriffe wie „toxische Männlichkeit“ Menschen in einen Hype einbinden und mobilisieren wollen.
Welche Chance hätte Herr Selenskyj denn? Sicherlich gibt er ein martialisches Bild ab, wenn er im olivgrünen T-Shirt vor die Welt tritt, aber er steht einer gewaltigen Übermacht gegenüber und muss seine Bürger motivieren. Das geht nicht, wenn er als harmlose Friedenstaube mit Zweig im Schnabel einem blutrünstigen Falken gegenübersitzt. Vielen Dank für die Analyse und das Geraderücken des Blicks auf die Verhältnisse!Wolfgang Tries Köln

Der Kölner Psychiater Manfred Lütz bewertet die Äußerungen im offenen Brief aus psychologischer Sicht.
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Moralisch-ethischen Konflikt nicht kleinreden
Drei Dinge in der Kolumne von Manfred Lütz verwundern mich besonders. Zum einen die Tatsache, dass für ihn als christlicher Theologe die moralische Frage bezüglich der militärischen Unterstützung „im Kern gar nicht besonders kompliziert“ sei. Jemand, der christliche Werte als wichtig und wegweisend betrachtet, kann doch wohl das augenblickliche Dilemma – pazifistische Grundhaltung einerseits, Opferbeistand andererseits – nicht kleinreden.
Mein zweiter Kritikpunkt: Man sollte als wahrhaftiger Christ und Demokrat diejenigen, die sich mit diesem moralisch-ethischen Konflikt öffentlich auseinandersetzen und dabei auch Regierungshandeln in Frage stellen, nicht mit überheblicher Herablassung begegnen: „Worte zur Unzeit“, „situationsblinde Texte“, „intellektuelle Träume“. Wann ist denn die „richtige“ Zeit, um Vorsicht, Innehalten, Weiterdenken anzumahnen, Ängste zu artikulieren, mögliche Alternativen aufzuzeigen, wenn nicht jetzt? Den Mahnern und Unterzeichnern des offenen Briefes an den Bundeskanzler dabei auch noch vorzuwerfen, sie spielten damit Putins Spiel, ist in meinen Augen zynisch.
Am Ende seines Textes schließlich zieht Lütz dann noch eine völlig misslungene historische Parallele: „Friedensträume“ wie die von ihm aktuell kritisierten hätten 1914 den Ausbruch des Ersten Weltkriegs begünstigt. Hier verkennt Lütz die historischen Tatsachen. Man muss es genau andersherum sehen: Wären vor dem und im Jahre 1914 die auch damals geäußerten „Friedensträume“ zum wesentlichen Bestandteil politischer Entscheidungen geworden, besonders auf deutscher Seite, statt sich zwanghafter verbaler und militärischer Aufrüstung zu verschreiben, wäre dieser Weltkrieg verhindert worden.Wolfgang Wasser Rösrath
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Problematische Moral
Wenn die Sache mit der Moral für Herrn Lütz so klar und einfach ist, warum plädiert er dann nicht konsequenterweise für ein Eingreifen der Nato, die Einrichtung einer Flugverbotszone und die Lieferung modernster Waffen, damit sich die Ukraine wirklich verteidigen kann? Die Ukrainer und Ukrainerinnen sollen allein ihren Kopf hinhalten. Ob das moralisch ist?Dieter Wilde Köln
Berechtigung unterschiedlicher Standpunkte zum Krieg in der Ukraine anerkennen
Die Kolumne „Gelehrte Worte zur Unzeit“ von Manfred Lütz wirkt auf mich sehr irritierend. Denn es ist ungewöhnlich, dass ein bekannter Arzt und Theologe so abfällig über etliche andere kluge Köpfe schreibt, nur weil diese im Ukraine-Krieg eine andere Strategie verfolgen als er selber. Herr Lütz möchte die Ukrainer solange kämpfen lassen, bis „Russland sich müde gekämpft hat und dadurch gesprächsbereit ist.“
So gesehen hat Lütz natürlich recht, wenn er Alice Schwarzer, Reinhard Merkel, Jürgen Habermas und Alexander Kluge namentlich aufführt und wegen ihrer Friedensworte heftig attackiert: „Gelehrte Worte zur Unzeit!“ Wer aber weiß, dass der Autor und Filmemacher Alexander Kluge 1945 als 13-Jähriger die Zerstörung seiner Heimatstadt durch einen Luftangriff nur knapp überlebte, wird sein Drängen, nun einen friedlichen Kompromiss zu finden, sehr wohl verstehen und nachvollziehen können. Die Überschrift der Kolumne würde dann also auch auf den Autor Manfred Lütz zurückfallen: „Gelehrte Worte zur Unzeit“.Ottfried Wallau Siegburg
Offener Brief ist der Beginn einer überfälligen Debatte
Dr. Lütz mag sich bei Krankheiten und Glaubensfragen auskennen, seine Überlegungen zur politischen Lage dagegen wirken erschreckend oberflächlich, ja naiv. Als hätte er noch nichts davon gehört, dass England und die USA mittels der Ukraine auch einen „Stellvertreterkrieg“ – so die internationale „Neue Zürcher Zeitung“ – gegen Russland führen. Die Urheber des offenen Briefs waren jedenfalls nicht situationsblind, hilflos oder schlafwandlerisch, sondern haben eine überfällige Debatte mutig an die Öffentlichkeit gebracht. Michael Felten Köln



