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„Stiller Killer“Rekordhitze brachte das Land ans Limit – was jetzt gefordert wird

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Das Thermometer der Colonia-Apotheke auf dem Ubierring in Köln zeigt 40 Grad an.

Das Thermometer der Colonia-Apotheke auf dem Ubierring in Köln zeigt 40 Grad an.

Die Temperaturen sind gefallen, die Folgen bleiben: Nach der Hitzewelle beginnt in Deutschland die Debatte über Schutz und Vorbereitung.

Die Hitze hat sich in Asphalt gebrannt, Schienen verbogen und die Nächte aufgeheizt. Nach der historischen Hitzewelle ziehen Meteorologen, Wissenschaftler und Behörden eine erste Bilanz – und sie fällt alarmierend aus.

Noch nie seit Beginn der Wetteraufzeichnungen habe Deutschland, ebenso wie weite Teile Europas, so früh im Sommer eine derart lange und intensive Hitzewelle erlebt, teilte der Deutsche Wetterdienst (DWD) mit. In einigen Regionen hielt sie elf Tage an. An 252 Wetterstationen wurden neue Allzeitrekorde registriert, an 46 Stationen stieg das Thermometer auf 40 Grad oder mehr. Den vorläufigen Spitzenwert meldete Neißemünde-Coschen in Brandenburg mit 41,7 Grad. Selbst nachts kühlte die Luft kaum noch ab: In Kubschütz in Sachsen wurden 29,4 Grad gemessen – so warm war es in einer Nacht in Deutschland seit Beginn der Aufzeichnungen noch nie.

Rekordhitze überzieht Deutschland – Infrastruktur am Belastungslimit

Die Extremtemperaturen hinterließen deutliche Spuren. Straßenbahnen standen still, weil sich die Fugen zwischen Asphalt und Schienen verflüssigten – beispielsweise in Leipzig. Auf Autobahnen platzte der Fahrbahnbelag auf, Züge fielen aus, Kühlsysteme versagten, Waldbrände breiteten sich aus. Festivals und andere Veranstaltungen mussten abgesagt oder abgebrochen werden.

Besonders dramatisch waren die Folgen für die Menschen. Vielerorts arbeiteten die Rettungsdienste an der Belastungsgrenze, Kliniken waren überfüllt. In Köln wurde wegen der außergewöhnlichen Lage sogar ein Notfalllazarett aufgebaut. In einem Altenheim in Krefeld wurden in einzelnen Räumen laut Feuerwehr Temperaturen zwischen 34 und 50 Grad gemessen, mehrere Menschen kamen ins Krankenhaus.

Gesundheitssystem unter Druck – Zahl der Toten steigt

An Flüssen und Seen kamen zwischen Freitag und Sonntag laut DLRG mindestens 26 Menschen bei Badeunfällen ums Leben. Wie viele Menschen unmittelbar an den Folgen der Hitze starben, lässt sich nur schwer beziffern. Der Chef der Weltgesundheitsorganisation WHO, Tedros Adhanom Ghebreyesus, sprach von mehr als 1300 zusätzlichen Todesfällen seit dem 21. Juni, die mit den hohen Temperaturen in Verbindung gebracht werden.

Allein in Frankreich berichten Behörden von rund 1000 zusätzlichen Todesfällen in den vergangenen Tagen. Hitzestress werde häufig unterschätzt, sagte Tedros Adhanom Ghebreyesus, und sei ein „stiller Killer“, der sich in überhitzten Wohnungen, überlasteten Körpern und erschöpften Kreisläufen entfaltet. Nach Angaben der WHO litten rund 150 Millionen Menschen unter extremer Hitze. In vielen Regionen seien Schulen geschlossen, Stromnetze überlastet oder zusammengebrochen. Europa, so der WHO-Chef, sei der sich am schnellsten erwärmende Kontinent der Erde – mit einer Erwärmung, die doppelt so schnell verläuft wie im globalen Durchschnitt.

Kölner Politiker Lauterbach: Klimawandel ist „medizinischer Notfall“

Für Wissenschaftler ist der Zusammenhang mit dem Klimawandel eindeutig. Nach Einschätzung des Forschernetzwerks World Weather Attribution wären derartige Temperaturen zu dieser Jahreszeit vor 50 Jahren „praktisch unmöglich“ gewesen. Europa erwärmt sich demnach doppelt so schnell wie der globale Durchschnitt, Deutschland hat sich seit der vorindustriellen Zeit bereits um rund 2,5 Grad erwärmt. Die Folge: Hitzewellen werden häufiger, intensiver und dauern länger.

Mit der Rekordhitze wächst auch der politische Druck. SPD-Politiker Karl Lauterbach forderte die Weltgesundheitsorganisation auf, einen Klimanotstand auszurufen. Auf X warnte er: „In dieser Woche werden mehrere tausend Menschen in Europa sterben. Allein in Berlin werden 300 Tote geschätzt.“ Der Klimawandel sei „ein medizinischer Notfall, der gerade erst beginnt“. Zugleich sprach er sich für einen breiteren Einsatz von Klimaanlagen aus. „Sie werden im Sommer gerade für ärmere Menschen in heißen kleinen Wohnungen Leben retten.“

Streit um Hitzeschutz und Verantwortung

Grünen-Fraktionschefin Katharina Dröge drängt auf ein Sofortprogramm mit mehr Stadtgrün sowie Klimaanlagen in Krankenhäusern, Pflegeheimen, Schulen und Kitas – möglichst in Verbindung mit Solaranlagen. Umweltminister Carsten Schneider verweist beim Hitzeschutz auf die Verantwortung der Länder und Kommunen.

Katharina Dröge (l), Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, steht neben Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU). (Archivbild)

Katharina Dröge (l.), Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, steht neben Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU). (Archivbild)

Der SPD-Politiker sagte aber auch, ihnen stünden dafür 100 Milliarden Euro aus dem Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität zur Verfügung. Dieses Geld sei ausreichend, um den notwendigen Ausbau des Hitzeschutzes zu stemmen, auch im Hinblick auf die Forderung der Grünen. 

In der Debatte macht zudem ein Vergleich die Runde: Nach der deutschen Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung darf die Höchsttemperatur in einem Kälberstall 25 Grad nicht überschreiten. Für Krankenhäuser gibt es vergleichbare Vorgaben nicht.

Kritik an Kurs und Konsequenz in der deutschen Klimapolitik

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) gerät derweil zunehmend in die Kritik. Gegner werfen ihm und seiner Regierung vor, weder beim Klimaschutz noch bei der Anpassung an den Klimawandel einen konsequenten Kurs zu verfolgen. Zusätzlichen Druck macht Greenpeace. Die Umweltorganisation hält ihm vor, in diesem Jahr neue klimaschädliche Subventionen und Anreize im Umfang von rund elf Milliarden Euro eingeführt zu haben.

Dazu zählten unter anderem der Tankrabatt, die höhere Pendlerpauschale, die Senkung der Luftverkehrsteuer und der verbilligte Agrardiesel. Nach Ansicht von Greenpeace schwächen diese Maßnahmen den Anreiz, auf klimafreundliche Alternativen umzusteigen, und erschweren den Kampf gegen die Erderwärmung. Angesichts knapper Kassen würden zudem Milliarden für klimaschädliche Anreize ausgegeben, statt sie in Zukunftsinvestitionen zu lenken. Die Organisation spricht von einer „kopf- und richtungslosen Haushaltspolitik“.

Die Bewegung Fridays for Future hat zudem eine Petition gestartet, in der die sofortige Entlassung von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) gefordert wird. Fridays for Future wirft ihr vor, durch ihre Energiepolitik die Klimakrise zu verschärfen. Die aktuelle Hitzewelle und ihre Folgen werden in dem Aufruf ausdrücklich als Beleg angeführt. (mit dpa)