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15 Jahre Tsunami im Indischen Ozean„Ich habe noch den Geruch von Tod in der Nase“

6 min
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Trümmerwüste in Banda Aceh

  1. Am zweiten Weihnachtstag 2004 rollte ein Tsunami über die Länder im Indischen Ozean.
  2. 230.000 Menschen starben, es war die tödlichste Flutwelle seit Menschengedenken.
  3. Zwei Redakteure des „Kölner Stadt-Anzeigers“ und des „Express“ waren damals als Urlauber vor Ort. Das Grauen haben sie nie vergessen.

Es gibt wohl kaum eine Naturkatastrophe, die die Menschen in den letzten Jahrzehnten weltweit so erschüttert hat, wie der Tsunami im Indischen Ozean am zweiten Weihnachtstag 2004. Mehr als 230.000 Menschen kamen dabei ums Leben, eine unvorstellbare Zahl – es war der tödlichste Tsunami seit Menschgedenken.

Fotos vom unheilvoll zurückgehenden Wassers an den Stränden, das dann als Riesenwelle zurückkam, sind zum schrecklichen Symbol geworden.

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In südthailändischen Krabi zieht sich das Wasser zurück, bevor es als Flutwelle zurückkommt.

15 Jahre ist das her, doch bei vielen sind die Erinnerungen noch wach. Auch deshalb, weil sich in den betroffenen Gebieten viele deutsche Urlauber befanden. So war die Katastrophe, die vor allem Indonesien traf, auch ganz nah bei uns.

Dass sich eine solch verheerende Tsunami-Katastrophe wiederholt, ist nach Einschätzung von deutschen Experten unwahrscheinlich. „So viele Opfer wird es bei einem künftigen vergleichbaren Tsunami nicht mehr geben, wenn das Frühwarnsystem funktioniert“, sagte der Physiker Jörn Lauterjung vom Geoforschungszentrum in Potsdam.

2004 gab es kein Frühwarnsystem und keinen Notfallplan. Nach der Katastrophe übernahm Lauterjung im Auftrag der Bundesregierung die Führung eines internationalen Teams, das ein Frühwarnsystem in Indonesien entwickelte. Inzwischen haben sie das System an Indonesien übergeben. Die Potsdamer Forscher sind aber weiter beratend involviert.

Registriere das System ein starkes Seebeben, erstelle es innerhalb von höchstens fünf Minuten ein Lagebild, sagte Lauterjung. Dann würden Zentren in Indonesien, Australien und Indien Warnmeldungen an alle betroffenen Länder am Indischen Ozean schicken. Diese sollen anschließend ihre jeweilige Bevölkerung informieren – etwa über Polizei und Feuerwehr sowie über die Medien.

Lauterjung rät, Touristen sollten in der Region in ihrem Hotel nach einem Evakuationsplan fragen. Generell gilt: Weg von der Küste und in der Höhe Schutz suchen– etwa in einem gut gebauten Hochhaus. So starke Erdbeben wie an Weihnachten 2004 sind aber statistisch gesehen sehr selten: Sie kämen etwa alle 400 bis 700 Jahre vor.

Jutta Doppke, „Express“-Redakteurin

Auch ich saß am zweiten Weihnachtsfeiertag 2004 an einem Strand in Süd-Thailand. In Asien suchte ich Abstand, Frieden – und landete in dieser Katastrophe. Eigentlich wollte ich über die Feiertage in die kleinen Hütten am Strand von Khao Lak, die mir ein Freund empfohlen hatte. Spontan entschied ich mich für Koh Lipe im Tarutao Nationalpark, wo vorgelagerte Inseln die tödlichen Wellen brachen – und uns retteten.

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Jutta Doppke fuhr tagelang durch Thailand.

Der Tsunami kam bei uns als wilde, aber vergleichsweise lächerlich kleine Welle an. Erst zwei Stunden später ließen  TV-Bilder erahnen, wie knapp wir der Hölle entkommen waren. In diese Hölle reiste ich am nächsten Tag: Nach Phuket, wo ich mehrere Monate gelebt und  Freunde hatte – einige davon waren vermisst.

Die Bilder von damals sind in mir heute noch so lebendig wie damals. Ein Stichwort reicht und schon ist alles wieder da. So wie letztens, als eine Freundin Bilder aus ihrem Urlaub in Khao Lak zeigte. Sofort habe ich die Trümmer, die unfassbare  Zerstörung wieder vor Augen. Ich spüre förmlich die allgegenwärtige Verzweiflung, das unermessliche Leid. Mir steigt der Geruch nach Schlamm und Tod in die Nase.

Damals fuhr ich mit dem Roller Tag und Nacht herum und sprach mit Menschen, wie unzählige Male zuvor als Journalistin. Ihre Geschichten aber begleiten mich bis heute. Ich traf Scott Murray (damals 52), der im Café auf seine Tasse starrte und unerträglich stank – nach Verwesung und medizinischem Alkohol. Alle rückten ab. Er merkte es nicht. „Ich habe den ganzen Tag Leichen getragen“, erzählte er mir. „Wie gestern und vorgestern.“ Der Kanadier, der in Bangkok lebte, half beim Sortieren der Toten in einem Tempel. Freiwillig.

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Eine Frau in den Trümmern eines Resorts am Strand von Khao Lak

Vor einer Kirche traf ich Mary Doerflein (damals 60), Professorin an der Universität Phuket. Aus dem Kofferraum ihres Kombis ragte ein Sarg. Nachts rief sie mich  zu Swetlana aus Bonn. Im Sarg lag deren Mann Juri, ihre große Liebe. Ich begleite Dirk (40), der sich täglich durch die Reihen der Toten in den Tempeln kämpfte. Das  Wasser hatte ihm am Strand von Khao Lak seine Lebensgefährtin aus der Hand gerissen, als sie gemeinsam vor der Welle wegrannten.

Als ich mit dem Roten Kreuz das Ufer der Insel Ko Phra Thong betrete, bergen Anwohner gerade die winzige Leiche eines Säuglings, der unter den Trümmer seines Elternhauses begraben wurde.

Fast alle, ob Einheimische oder Touristen, waren traumatisiert. Noch heute bewundere ich, wie effektiv und schnell, wie selbstlos und unbeirrt sie alle gemeinsam Ordnung in das  Chaos brachten.

Tief in meine Erinnerung gegraben sich die Gesichter auf den fröhlichen Urlaubsfotos, zu Hunderten von verzweifelten Angehörigen aufgehängt. Vermisst! 

Gerhard Voogt, Redakteur beim „Kölner Stadt-Anzeiger“

Neulich habe ich gehört, wie meine Frau mit dem Reisebüro telefoniert hat. Es ging um unsere Reise nach Thailand, die wir im nächsten Frühjahr machen wollen. „Wir würden am liebsten so weit oben wie möglich wohnen“, hörte ich meine Frau sagen. Zack – da war sie wieder, die Erinnerung.

Der Wunsch, beim Urlaub im Strandhotel möglichst in einem oberen Stockwerk zu wohnen, hat mit der Hoffnung auf einen unverstellten Blick aufs Meer nichts zu tun. Ich fühle mich einfach unwohl, wenn das Zimmer im Parterre liegt. Seitdem ich weiß, dass das Meer  dort auch schnell zu Dir kommen kann. 

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Den 26. Dezember 2004 habe ich in dem kleinen Ort Batu Ferringhi auf der malaysischen Insel Penang verbracht. Morgens früh wurden wir durch Erdstöße geweckt. Kein großer Grund zur Besorgnis – dachten wir. Unbekümmert packten wir unsere Badesachen und gingen an den Strand.  Dort platschten bereits viele Familien im Wasser. Nach einiger Zeit zog ein merkwürdiges Phänomen unseren Blick auf sich. Auf der vollen Breites des Horizonts erschien ein weißer Streifen, der sich der Küste näherte. Was war denn das?

Irgendwann, wohl Monate vor unserer Rucksackreise, hatte ich mal spät abends eine Dokumentation über Naturkatastrophen geguckt.  Seitdem wusste ich, dass „Tsunami“ das japanische Wort für „Hafenwelle“ ist. Was da auf uns zukam, erinnerte verdächtig an die Bilder, die ich schon mal im TV gesehen hatte

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Trümmer auf der Insel Phi Phi in Thailand

Viele Urlauber und auch die Einheimischen blieben am Strand, um abzuwarten, was wohl passieren würde. Auch wir zögerten fast zu lange, bis wir die Beine in die Hand nahmen. Doch als die Flutwelle die Promenade überspülte, hatten wir uns auf  dem Weg, der ins Dorfzentrum führte, in Sicherheit gebracht.

Das Chaos, das der Tsunami verursachte, werde ich wohl nie vergessen. Viele Häuser wurden von den Fluten weggerissen. Mütter riefen verzweifelt nach ihren Kindern. Familien, die noch in letzter Sekunde fliehen wollten, fuhren auf dem Parkplatz mit den Autos ineinander. Auch an unserem Strand gab es viele Tote.

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Der Schock über das Erlebte setzte erst später. Zunächst war es wichtig, die Familie beruhigen. Abreisen konnten wir nicht, weil die Küstenstraße schwer beschädigt war. Erst nach Tagen konnten wir in die Berge aufbrechen.