- Im April 2019 ermittelte die Polizei wegen eines Anschlags auf einen Regionalzug.
- Gullydeckel, festgebunden am Geländer einer Brücke, durchschlugen die Windschutzscheibe eines Zuges. Niemand wurde verletzt.
- Angeklagt ist jetzt allerdings der Bahnfahrer selbst – er soll den Anschlag inszeniert haben.
Bad Berleburg – Es ist kurz nach sechs Uhr an einem Samstagmorgen im April 2019, als Lokführer Thomas C. aus seiner Fahrerkabine in der Entfernung ungewöhnliche Schatten wahrnimmt. C. ist mit seiner Regionalbahn 93 zwischen Erndtebrück und Bad Berleburg im Sauerland unterwegs, 52 Stundenkilometer. Fahrgäste hat er noch nicht. Die Schatten kommen näher.Er bremst, duckt sich, dann kracht es. Zwei Gullydeckel, jeder 32 Kilogramm schwer, durchschlagen die Windschutzscheibe des Führerhauses. Die Splitter fliegen bis in die erste Klasse. Die Gullydeckel waren zuvor mit Seilen am Geländer einer Eisenbahnbrücke befestigt worden. Die Polizei ging anfangs von einem Anschlag aus. C., so glaubten die Ermittler, sei wohl nur mit Glück dem Tod entronnen.
C. als Leiharbeiter bei der Bahn beschäftigt
Seit Freitag sitzt der 49 Jahre alte Lokführer nun selbst auf der Anklagebank vor dem Amtsgericht Bad Berleburg. Die Staatsanwaltschaft wirft im gefährlichen Eingriff in den Bahnverkehr und Vortäuschen einer Straftat vor. C., so der Vorwurf, soll den Anschlag vom 13. April 2019 inszeniert haben. Hinweise auf ein mögliches Motiv liefert die Anklage nicht. In den Vernehmungen hat C. die Tat bestritten. Vor Gericht schweigt er. Es ist ein reiner Indizienprozess.
C. wirkt angeschlagen. Er war als Leiharbeiter bei der Bahn beschäftigt. Seit dem Geschehen lebt er von täglich 80 Euro Krankengeld und vom Lohn seiner Frau. In einer Vernehmung habe er gesagt: „Was hätte ich davon gehabt? Ich habe doch nur Schaden.“
Verhalten nach dem vermeintlichen Anschlag seltsam
Das Gericht muss nun aufklären, ob wirklich C. es war, der die Gullydeckel an Seile knotete und sie so weit von der Brücke herabließ, dass sie in der Höhe der Fahrerkabine baumelten. Der Täter, so viel steht laut Polizei fest, hatte die schweren Stahldeckel kurz zuvor aus einer nahe gelegenen Landstraße ausgehoben. Die entsprechenden Lücken wurden gefunden.
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Die Ermittler hatten unmittelbar nach der Tat eine Mordkommission eingerichtet. Doch brauchbare Zeugenhinweise wollten sich nicht auftun. Vor Gericht erzählen mehrere Polizisten, das Verhalten von C. unmittelbar nach der Tat sei ihnen seltsam vorgekommen.
DNA-Spuren am Seil drei Meter überm Gleis
Dann geriet C. selbst ins Visier der Ermittler. Sie fanden DNA-Spuren an den Seilen und Gullydeckeln. Am 200 Kilometer entfernten Hauptwohnsitz fanden sie eine Vorrichtung an seinem Fahrrad, die mit einem ähnlichen Knoten befestigt worden sei wie die Gullydeckel.
Noch am Tatort habe C. nach Aussage eines Kripobeamten ausgesagt, seine Fahrerkabine nach der Kollision verlassen und sowohl die abgerissenen Seile als auch die Gullydeckel berührt zu haben. Allerdings fanden die Beamten seine DNA-Spuren auch an einem der abgerissenen Seile, das in drei Metern Höhe über dem Gleis hing.
Ob sich sein Mandant im Verlauf des auf drei Tage angesetzten Verfahrens doch noch äußern wird, ließ Verteidiger Dennis Tungel offen. „Wir wollen uns erstmal anhören, was die Zeugen zu sagen haben.“Der Prozess wird am 2. Oktober fortgesetzt.



