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Bedrückende letzte Anrufe an 9/11„Wir sind junge Männer. Wir sind nicht bereit zu sterben“

6 min
Ein vom New York City Police Department aufgenommenes Archivbild vom 11. September 2001 zeigt eine Luftaufnahme des brennenden Nordturms des World Trade Centers kurz nach dem Einsturz des Südturms.

Ein vom New York City Police Department aufgenommenes Archivbild vom 11. September 2001 zeigt eine Luftaufnahme des brennenden Nordturms des World Trade Centers kurz nach dem Einsturz des Südturms.

Vor 25 Jahren veränderte der Terror vom 9. September die Welt. Die letzten Telefonate einiger Opfer sind zu Zeitdokumenten geworden. 

Die letzten Telefonate der am 11. September getöteten Flugzeugpassagiere, Besatzungsmitglieder und Büroangestellten gehören zu den bedrückendsten Zeitdokumenten von den Terroranschlägen, die 2001 die Welt veränderten. Einige der Anrufe wurden aufgezeichnet und von den Angehörigen der Opfer für die Öffentlichkeit freigegeben.

Kevin Cosgrove – Südturm

Der 45-jährige dreifache Familienvater Kevin Cosgrove war einer der wenigen Menschen, die noch mit dem Notruf verbunden waren, als der Südturm einstürzte. Der verzweifelte Anruf des Vizepräsidenten der Aon Corporation endete abrupt mit Schreien und dem Geräusch herabstürzender Trümmer. Er rief um 9.45 Uhr an, wenige Minuten vor dem Einsturz des Südturms. 

Cosgrove: „Ma’am, in diesem Büro sind zwei von uns. Wir sind nicht bereit zu sterben, aber die Lage wird immer schlimmer.“

Notruf: „Wir sind unterwegs.“

Cosgrove: „So fühlt es sich nicht an, Mann. Ich habe Kinder. Hier ist sehr viel Rauch.“

Notruf: „Bleiben Sie, wo Sie sind. Wir kommen zu Ihnen, sobald wir können.“

Cosgrove: „Ich weiß, dass sich viele Menschen in dem Gebäude befinden, aber wir sind ganz oben. Rauch steigt ebenfalls nach oben. Bitte kommen Sie. Ich kann kaum noch atmen – ich kann nichts sehen. Es ist furchtbar. Der Rauch ist schwarz und staubtrocken. Wir sind junge Männer. Wir sind nicht bereit zu sterben.“

Notruf: „Hallo?“

Cosgrove: „Hallo … wir sind zu dritt, zwei Fenster sind zerborsten … Oh Gott – oh!“

An dieser Stelle endete der Anruf. Kurz sind noch Schreie und das Geräusch herabstürzender Trümmer zu hören, bevor die Verbindung abbricht. Das Telefonat von Kevin Cosgrove gilt als eines der bedrückendsten aus den letzten Minuten vor dem Einsturz des World Trade Centers. Cosgroves Ehefrau hat das Gespräch zur Veröffentlichung freigegeben.

Melissa Doi – Südturm

Melissa Doi, eine Absolventin der Northwestern University, träumte davon, Ballerina zu werden. Sie arbeitete als Managerin bei IQ Financial Systems. Sie rief aus dem 83. Stockwerk des Südturms den Notruf an.

Doi: „Es ist sehr heiß. Ich sehe … ich sehe keine Luft mehr. Ich bekomme keine Luft mehr!“

Notruf: „Okay …“

Doi: „Alles, was ich sehe, ist Rauch.“

Notruf: „Okay, meine Liebe, es tut mir leid. Bleiben Sie bitte einen Moment dran und versuchen Sie, ruhig zu bleiben. Hören Sie zu – hören Sie zu. Der Anruf ist aufgenommen, ich dokumentiere alles. Warten Sie bitte noch eine Sekunde …“

Doi: „Ich werde sterben, nicht wahr?“

Notruf: „Nein, nein, nein, nein, nein, nein. Sprechen Sie Ihre Gebete.“

Doi: „Ich werde sterben.“

Notruf: „Sie müssen positiv denken, denn Sie müssen einander helfen, aus dem Stockwerk herauszukommen.“

Doi: „Ich werde sterben.“

Notruf: „Hören Sie jetzt zu. Bleiben Sie ruhig, bleiben Sie ruhig, bleiben Sie ruhig, bleiben Sie ruhig.“

Doi: „Bitte, Gott …“

Betty Ong – American-Airlines-Flug 11

Betty Ong war Flugbegleiterin an Bord des American-Airlines-Flugs 11 von Boston nach Los Angeles – des ersten entführten Flugzeugs. Über ein Telefon an der Rückseite eines Sitzes im hinteren Teil der Maschine rief sie die Reservierungsabteilung von American Airlines sowie die Betriebsmitarbeiterin Nydia Gonzalez an.

Ong: „Das Cockpit antwortet nicht. Jemand ist in der Business-Class niedergestochen worden, und ich glaube, es wurde Reizgas versprüht – wir können nicht atmen. Ich weiß nicht … ich glaube, wir werden entführt. Mein Name ist Betty Ong. Ich bin die Nummer 3 auf Flug 11.“

American Airlines: „Können Sie die Person beschreiben? Sie sagten, jemand sei in der Business-Class – was genau ist dort passiert?“

Ong: „Ich … ich sitze hinten. Jemand kommt gerade aus der Business Class zurück. Wenn Sie bitte eine Sekunde warten könnten – Sie kommen gerade zurück. Weiß jemand, wer wen niedergestochen hat?“

Stimme im Hintergrund: „Ich weiß es nicht, aber Karen und Bobby wurden niedergestochen.“

Ong: „Unsere Nummer 1 wurde niedergestochen. Unsere leitende Flugbegleiterin wurde niedergestochen. Niemand weiß, wer wen niedergestochen hat, und wir können im Moment nicht einmal in die Business-Class gelangen, weil niemand atmen kann. Unsere Nummer 1 ist gerade … gerade niedergestochen worden. Und unsere Nummer 5 ebenfalls. Unsere Flugbegleiterin in der First Class – die für die Bordküche zuständige Flugbegleiterin – und unsere leitende Flugbegleiterin wurden niedergestochen, und wir kommen nicht ins Cockpit. Die Tür kann nicht geöffnet werden. Hallo? … Kann jemand zum Cockpit gelangen? Wir kommen nicht einmal ins Cockpit. Wir wissen nicht, wer sich dort oben befindet.“

American Airlines: „Nun, wenn sie klug wären, würden Sie die Tür geschlossen halten, und …“

Ong: „Wie bitte?“

American Airlines: „Würden Sie nicht dafür sorgen, dass das Cockpit während des Fluges nicht betreten wird?“

Ong: „Ich glaube, die Männer sind dort. Vielleicht sind sie dorthin gegangen – vielleicht haben sie sich gewaltsam Zugang verschafft oder so etwas. Niemand kann das Cockpit anrufen. Wir kommen nicht einmal hinein.“

An dieser Stelle gibt American Airlines die Informationen an eine Notrufzentrale weiter.

American Airlines: „Was ist los, Betty? Betty, sprechen Sie mit mir. Betty, sind Sie noch da? Betty? Glauben Sie, dass wir die Verbindung zu ihr verloren haben? Okay, dann lassen wir die Leitung offen. Ich glaube, wir könnten die Verbindung zu ihr verloren haben.“

American-Airlines-Flug 11 war eines der am 11. September 2001 entführten Flugzeuge. Al-Qaida-Terroristen übernahmen die Kontrolle über die Boeing 767 und steuerten sie um 8.46 Uhr in den Nordturm des World Trade Centers in New York. Durch den Einschlag und den anschließenden Einsturz des Gebäudes kamen alle 92 Personen an Bord sowie Tausende Menschen im Nordturm ums Leben.

Ceecee Lyles – United-Airlines-Flug 93

Die Flugbegleiterin arbeitete an Bord von United-Airlines-Flug 93, als das Flugzeug entführt wurde. Die vierfache Mutter rief zweimal zu Hause an, erreichte ihren Ehemann, einen Polizisten, jedoch nicht. Er schlief nach seiner Nachtschicht.

Ceecee Lyles: „Hallo, mein Schatz. Du musst mir ganz genau zuhören. Ich bin in einem entführten Flugzeug. Ich bin an Bord und rufe aus dem Flugzeug an. Ich möchte dir sagen, dass ich dich liebe. Bitte sag unseren Kindern, dass ich sie sehr liebe. Und es tut mir so leid, mein Schatz.

Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Da sind drei Männer – sie haben das Flugzeug entführt … Wir sind umgedreht, und ich habe gehört, dass Flugzeuge in das World Trade Center geflogen wurden. Ich hoffe, ich sehe dein Gesicht wieder, mein Schatz. Ich liebe dich. Lebwohl.“

Zahlreiche Notrufe und Abschiedstelefonate an 9/11

Die Protokolle der Telefonate von Kevin Cosgrove, Melissa Doi, Betty Ong und Ceecee Lyles sind lediglich vier von zahlreichen Notrufen und Abschiedsgesprächen, die am 11. September 2001 geführt und dokumentiert wurden. Den Ermittlungen zufolge wurden aus den entführten Flugzeugen 37 Anrufe getätigt. Lediglich von United-Airlines-Flug 175, der um 9.03 Uhr in den Südturm einschlug, gibt es keine dokumentierten Anrufe. 

Beim Notruf der Stadt New York (911) gingen in den ersten 18 Minuten nach dem ersten Einschlag indes mehr als 3000 Notrufe ein. Etwa 260 Anrufe wurden von Menschen in den beiden Türmen des World Trade Centers abgesetzt. Bei den Terroranschlägen vom 11. September 2001 starben 2977 Menschen.