- Bernhard Pörksen ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen und ein ausgewiesener Experte für Kommunikation.
- Im Interview spricht er ausführlich über die Kunst eines gelungenen Dialogs, den zunehmenden Hass im Netz, US-Präsident Donald Trump und die neue Macht von Lügen.
- Und der Experte übt Kritik an CDU-Politiker Friedrich Merz und erklärt, warum er falsch liegt.
Herr Professor Pörksen, glauben Sie noch an das Gelingen von Kommunikation und Dialog?
Unbedingt. Aber das ist keine Frage des Glaubens, sondern schlicht eine Entscheidung. Ungeachtet von Verwilderung, Verpöbelung, Aggression und Hass sind Demokraten zu einem Minimum an Diskurs-Optimismus verpflichtet, speziell wenn sie – so wie ich – in einer Universität arbeiten, einem Ort des Arguments, der Debatte. Wir müssen von der Mündigkeit des Gegenübers ausgehen, und damit vom gelingenden Gespräch.
Aber wie wollen Sie mit Menschen wie Tobias R., dem Mörder von Hanau, reden?
Gar nicht. Natürlich gibt es Extremisten und Gewalttäter, mit denen man nicht sprechen kann. Sie sind ein Fall für den Verfassungsschutz und für die Polizei. Aber wir dürfen die Möglichkeit des Gesprächs und die Chance eines gelingenden Austausches nicht durch die Fixierung auf das entsetzliche Extrem zerstören. Denn das hieße: aufgeben, den Feinden der Freiheit die Arena zu überlassen.
Und wie weit soll der Versuch des Verstehens dann gehen?
Es gibt kein Pauschalrezept. Und doch: Verstehen sollte man einen anderen immer, selbst wenn man seine Ansichten bekämpft oder zu dem Ergebnis gelangt, dass das Miteinander-Reden unmöglich ist. Ob man darüber hinaus Verständnis entwickelt, gar einverstanden ist? Das sind offene Fragen. Aber abseits und jenseits der maximal klaren Extremfälle kommt es auf den Versuch an. Und bis zum absolut unwiderlegbaren Beweis des Scheiterns hat ein Diskurs-Optimist dann zumindest das bessere Leben gehabt.
Das klingt, als wären Sie ganz guten Mutes.
Mein Punkt ist: Die gesellschaftliche Mitte darf sich durch die Fixierung auf die kleine, radikalisierte Minderheit der Hassenden nicht entmutigen lassen. Und wir leben gegenwärtig in drei Kommunikationswelten. Die erste Welt bestimmt die öffentliche Wahrnehmung: Wut, Hetze, furchtbare Attacken auf Andersdenkende und Andersaussehende. Die zweite Welt, die medial kaum vorkommt: eine Sphäre echter Wertschätzung und respektvoller Kommunikation – in Unternehmen, Universitäten, Schulen, Redaktionen. Und die dritte, gegenwärtig massiv beachtete Welt: eine manchmal übertriebene Betulichkeit und Hypersensibilität, die schon minimale Grenzüberschreitungen mit maximalem Furor verfolgt.
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Sie meinen die „politische Korrektheit“? Gibt es da also womöglich doch einen Meinungs- und Gesinnungsterror?
Aus meiner Sicht ist dies ein Zerrbild der Kommunikationsrealität. Man sieht daran: Die Diskurs-Diagnose dient der weiteren Diskurs-Eskalation. Und sie widerlegt sich fortwährend selbst. Denn man darf ja offensichtlich fast alles sagen – nur eben nicht unwidersprochen, denn es gibt kein Menschenrecht auf Beifall. Und doch muss man im Bemühen um Genauigkeit klar sagen: Natürlich gibt es Fälle moralisierender Überempfindlichkeit.
Zum Beispiel?
Wenn ein Gedicht wie „Avenidas“ von Eugen Gomringer an der Hauswand einer Berliner Hochschule wegen angeblichem Sexismus übermalt wird, dann zeigt das auch: Die dramatische Revolution der Kommunikation, in der wir uns befinden, hat zu einer tiefen Verunsicherung geführt und zum manchmal verzweifelten Bemühen einer leicht panischen Gesellschaft, auf schwankendem Boden wieder festen Stand zu gewinnen. Aber um die Relationen klarzumachen: Die Enthemmung der Diskurse ist im Vergleich zu einer mitunter überempfindlichen Betulichkeit das weitaus größere Problem. Die Lauten, die Pöbler und die Hassenden bestimmen aktuell das Klima und die Tonlage. Und treiben damit die gesellschaftliche Mitte in die Diskurs-Resignation.
Davon scheinen Sie aber selbst auch nicht frei zu sein. Hätten Sie sich sonst für ein Buch über gelingenden Dialog einen Kommunikationspsychologen wie Friedemann Schulz von Thun geholt, dem Sie fast flehentlich die Frage stellen: Muss man wirklich mit allen reden?
Es geht um den Versuch, das Bemühen. Und die Sprache der Resignation, die gegenwärtig auch in der Mitte der Gesellschaft Verbreitung findet, ist kontraproduktiv. Wir sagen: Es braucht eine neue Aufklärung – diesmal nicht getrieben von der Philosophie, sondern als eine Kombination aus Medienanalyse und Kommunikationspsychologie. Denn was wären die Alternativen, um der Diskursverwilderung zu begegnen? Immer schärfere Gesetze? Die subtile Steuerung des Verhaltens durch psychologische Anreiz-Techniken wie das „Nudging“? Eine obskure Form von Elitenherrschaft? All das ist einer Demokratie unwürdig.
Zur Person
Bernhard Pörksen, geb. 1969, ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen. Das Buch von Pörksen und dem Kommunikationspsychologen Friedemann Schulz von Thun, „Die Kunst des Miteinander-Redens. Über den Dialog in Gesellschaft und Politik“ (20 Euro), ist soeben im Carl Hanser-Verlag erschienen.
Worin besteht Ihre Aufklärung 2.0?
Es gibt auf der Ebene von Individuen, von Paaren und kleinen Gruppen jede Menge Wissen: Wie kommen Menschen, die sich nur noch anschweigen oder anschreien, wieder zum Reden? Was hilft Führungskräften in der Mitarbeiter-Kommunikation? Aber es fehlt der Versuch, diesen Wissens- und Erfahrungsschatz zur Entgiftung der öffentlichen Kommunikation zu nutzen. Das war der Ausgangspunkt unseres Buches. Und hier setzen wir an, formulieren – vor dem Hintergrund der aktuellen Medienbedingungen – Prinzipien des kommunikationspsychologisch informierten Sprechens.
Nennen Sie einmal die Wichtigsten!
Vermeide die Attacke auf den ganzen Menschen, die pauschale Verächtlichmachung. „Hysterische Feministin“, „naiver Gutmensch“, „weißer alter Mann“ – mit solchen Vokabeln ruiniert man ein Gespräch garantiert, weil die grundsätzlich gemeinte Abwertung kränkt. Unterscheide Position und Person! Begegne dem anderen Menschen respektvoll, auch wenn du seine Auffassung vielleicht hart kritisierst, frei nach dem Sprichwort: „Kick the ball and not the player!“ In einem Dialog beginnt, wie Friedemann Schulz von Thun formuliert, „die Wahrheit zu zweit “. Es gilt, die Ruhebank der eigenen Gewissheiten zu verlassen und es zumindest für möglich halten, dass das Gegenüber Recht haben könnte ...
Das klingt jetzt fast so, als wechselten Sie die Rolle: vom Professor zum Prediger.
Es wäre furchtbar, wenn Sie Recht hätten, wirklich. Denn der Prediger auf der Kanzel meint zu wissen, was für andere richtig ist, und ist sich sicher, dass sich Moral verkünden lässt. Ich glaube das nicht. Uns geht es darum, die Kunst der Kommunikation als eine Kunst des Herausfindens zu begreifen, Kriterien für kreative, respektvolle, individuelle Lösungen zu liefern, aber keine Weltformeln und keine Patentrezepte anzubieten.
Setzen Sie auf Ihrer Suche noch auf die klassischen Medien, von denen Friedrich Merz sagt, man brauche sie im Grunde nicht mehr?
Friedrich Merz liegt falsch. Aus meiner Sicht sind die klassischen Medien unverzichtbar: als Korrektiv der Mächtigen, als Relevanz-Indikator, Sortier-Instanz, Agenda-Setter einer Gesellschaft. Sie können überdies eigene Beiträge zur Medienmündigkeit leisten, indem sie ihre Berichterstattungsmuster offenlegen, ihre Arbeit hinterfragen – im Dialog mit der neu entstandenen „fünften Gewalt“, den vernetzten Vielen. Und wenn Merz glaubt, dass er die klassischen Medien nicht mehr braucht, dann sage ich nur: Alles Gute! Die Folgen würde er spätestens bemerken, wenn er nur noch auf Twitter vorkäme und die Zeitungen und Fernsehsender sich nicht mehr für ihn interessierten.
Trump macht es genau so.
Nicht nur. Twitter allein reicht nicht. Ich würde sagen: Donald Trump ist der Gewinner einer veränderten Medienwelt, eine Hybrid-Figur aus einem Twitter-Troll und einem Reality-TV-Star. Natürlich kann er seine Leute nun direkt erreichen. Aber ohne das Fernsehen, konkret ohne „Fox News“ als eine Art „Trump-Parteifernsehen“, wäre er nie so weit gekommen.
Wenn aber „Fake News“ in den sozialen Medien sechsmal häufiger verbreitet werden als zutreffende Nachrichten, dann stimmt doch auch in der Mitte der Gesellschaft etwas nicht mehr.
Natürlich, die neue Macht von Lügen unter den aktuellen Medienbedingungen ist beunruhigend. Genauso wie Hass und Hetze, die verbale Enthemmung. Eben deshalb ist die gesellschaftliche Mitte momentan gefordert wie nie. Sie muss die eigene Medienmündigkeit schulen, entschieden und beharrlich für eine Sprache der Mäßigung eintreten, Techniken der Abkühlung trainieren. Und sie sollte für eine Zukunftstugend werben, die Friedemann Schulz von Thun und ich die „respektvolle Konfrontation“ nennen.
Was meinen Sie damit?
Gemeint ist: Sich in der Auseinandersetzung nicht opportunistisch wegzuducken, aber eben auch nicht in die Abwertungsspirale einzusteigen, indem man das Gegenüber verunglimpft und beschimpft. Das ist wichtiger denn je, weil auf der Weltbühne des Netzes große und kleine Ideologien so unmittelbar aufeinanderprallen.



