Kolumne „Deutsche Zustände“Wie die Bienen uns retten
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Deutschland summt.
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Rettet die Bienen! Dieser Ruf scheint längst durch ganz Deutschland zu hallen.
Warum löst gerade die Biene solche Zuneigungsstürme und Schutzreflexe aus, wo doch auch so viele andere Insekten gerettet werden müssen?
In seiner Kolumne „Deutsche Zustände“ wirft Psychologe Stephan Grünewald einen Blick auf unser Verhältnis zu Tieren – und darauf, wie sie uns verraten, was wir an uns selbst lieben und hassen.
Die Bienenliebe boomt. Kein anderes Tier fand in Deutschland zuletzt so viel Sympathie und Anteilnahme. In Bayern setzten sich mehr als 1,8 Millionen Bürger für das Volksbegehren Artenvielfalt „Rettet die Bienen!“ ein. Mit Erfolg: Vor wenigen Tagen wurde das Volksbegehren samt Begleitgesetz und umfassendem Maßnahmenkatalog im Landtag verabschiedet. Zum 1. August bekommt der Freistaat Bayern ein verbessertes Naturschutzgesetz. Aber auch in anderen Bundesländern und Städten formieren sich die Streiter für die Bienen.
Braunschweig möchte offiziell „Bienenstadt“ sein. Es gibt Initiativen wie „NRW summt“, „Hannover summt“ und natürlich „Deutschland summt“. Große Unternehmen wie die Telekom oder Aldi Süd stellen sich Bienenvölker auf die Dächer, Supermärkte verteilen Biene-Maja-Blumensamen, und die Zahl der Imker – nicht zu vergessen – ist in den vergangenen zehn Jahren um 30 Prozent gestiegen.
Die unschuldige Biene
Nun ist die Honigbiene keineswegs die einzige bedrohte Spezies. Gefährdet sind auch die Wildbiene, viele andere Insekten, Käfer und überhaupt Tiere, die nicht so ein fabelhaftes Prestige besitzen wie die Biene. Warum löst also gerade sie solche Zuneigungsstürme und Schutzreflexe aus? Die Biene ist uns seit unserer Kindheit lieb und vertraut, weil wir in ihr sechs menschliche Qualitäten erkennen. Mitunter erscheint sie als eine bessere und unschuldigere Version des Menschseins.
Wir sehen in ihr die kleine unschuldige Biene Maja, die keiner Fliege was zuleide tun kann. Selbst ihren Stich verniedlichen wir zu einer Leckerei, dem Bienenstich. Aber die Biene ist nicht nur lieb und unschuldig, sondern auch emsig und arbeitsam. Der Begriff „Arbeits-Biene“ oder „fleißiges Bienchen“ wird somit erstens dem deutschen Pflicht- und Arbeitsethos gerecht.
Die Biene ist zweitens auch häuslich. Nach ihren betriebsamen Ausflügen kehrt sie immer wieder in die heimische Zelle zurück, die sie sorgfältig aus Wachs geformt hat. Die „Wabe in Germany“ kann daher durchaus ein Sinnbild für den Wunsch der Deutschen nach Gemütlichkeit oder Cocooning sein.
Die flotte Biene
Die Biene ist drittens formschön und für ein Insekt auch im ästhetischen Sinne attraktiv. Im Volksmund gilt die „flotte Biene“ als etwas altbackenes Kompliment für eine begehrenswerte Frau. Viertens versüßen die Bienen unser Leben. Vor der Erfindung des Zuckers waren sie die Einzigen, die eine Speise versüßen konnten.
Die Bienen haben auch eine solidarische Seite. Sie sind königstreu und halten in ihrem Volk zusammen. Aber das führt bei ihnen nicht etwa zu Angriffskriegen oder barbarischen Übergriffen. Bienen werden nur zur Selbstverteidigung aggressiv.
Schließlich bedienen und beliefern Bienen auch den uralten Traum der Menschen nach ewiger Jugend und ewigem Leben. Das Gelee royale, mit dem sie ihre Königinnen aufziehen, soll lebensverlängernd wirken.
Tiere führen uns unsere Sehnsüchte vor Augen
Auch im 21. Jahrhundert ist der Mensch nicht nur ein rationales und vernunftbegabtes Wesen. Gerade unsere menschlich, allzu menschlichen Eigenschaften verdeutlichen wir uns immer noch gerne mit Anleihen im Tierreich. In den Fabeln, die wir von frühester Kindheit an kennen, führen Tiere uns unsere eigenen Sehnsüchte, Zwickmühlen oder auch Abgründe vor Augen. Und wir können uns mit den diversen Eigenheiten viel besser auseinandersetzen, wenn wir sie nicht direkt auf uns beziehen müssen, sondern den Tieren zuweisen können.
Aber ebenso wie in der Fabel die Tiere uns menschlichen Eigenschaften widerspiegeln, charakterisieren scheinbar tierische Eigenschaften unser Menschsein. In unseren Alltag haben sprachlich daher nicht nur die fleißigen Bienen Eingang gefunden, sondern auch Faultiere, graue Mäuse und eitle Gockel, schlaue Füchse, blöde Kühe und dumme Esel, Windhunde und Kampfschweine. Und jeder von uns kennt welche, auch wenn wir die entsprechenden Bezeichnungen manchmal vielleicht hinunterschlucken.
Gerade in Zeiten der Technisierung und Digitalisierung sind die Tiere deshalb nicht nur für das ökologische, sondern auch für das seelische Gleichgewicht wichtig. Sie führen uns vorbildlich oder abschreckend vor Augen, was wir an uns selber lieben oder hassen. Wenn wir die Bienen schützen, dann bewahren wir nicht nur die Natur, sondern gleichzeitig auch eine beispielhafte, liebenswerte Seite unserer selbst. In einer Welt, in der immer stärker das Geld regiert, ist es zutiefst tröstlich, dass für viele Menschen nicht nur in Bayern das Summen mehr zählt als die Summen.