- Auf der Halbinsel Chalkidiki tobt seit Jahrzehnten ein Streit über den Abbau von Bodenschätzen. Es geht um Milliardengewinne und Arbeitsplätze – aber auch um irreparable Umweltschäden.
- Eine Reportage.
Der Traum vom Gold endet abrupt. Ein drei Meter hohes Gitter versperrt die Einfahrt zum „Open Pit“, dem Erztagebau von Skouries auf der Halbinsel Chalkidiki im Norden Griechenlands. Im Boden der hügeligen Landschaft, gut eine halbe Stunde Autofahrt von der westlich gelegenen Küstenstadt Thessaloniki entfernt, werden gewaltige Goldvorkommen vermutet.
Wenige Kilometer vor dem Gelände der Goldmine Skouries wird die Schotterpiste, über die der schwarze Pick-up von Dimitris Pitsolis und seinem deutschen Beifahrer dahinrumpelt, zu einer makellos asphaltierten Straße. Doch am Gittertor ist Schluss. Definitiv. Ein Einsatzfahrzeug der griechischen Polizei steht am Straßenrand. Die beiden Beamten im Wagen schauen düster herüber. Zwei Wachleute behalten die Ankömmlinge vom Tor aus im Auge. An Aussteigen ist nicht zu denken. Ein Rudel Hunde umringt den Wagen. Die knurrende Meute schnappt nach den Autoreifen. Ob die Wachen sie nicht zurückpfeifen können? Einer der Männer grinst. „Die gehören mir nicht.“ Aber sie tun, was sie sollen: Besucher fernhalten. Und aus Sicht des kanadischen Minenbetreibers Eldorado Gold sowie der Minenarbeiter, die vom Goldabbau zu profitieren hoffen, sind fast alle Besucher ungebeten, ja gefährlich.
Dimitris Pitsolis hat Biologie an der Universität in Sofia studiert. Vor einigen Jahren übernahm er den elterlichen Hotelbetrieb auf Sithonia, dem mittleren der drei „Finger“ von Chalkidiki. Sowohl aus ökologischer als auch aus touristischer Sicht sieht der 38-Jährige die Pläne der Kanadier kritisch: „Eldorado Gold ist so etwas wie das Ryan Air der Goldbranche“, sagt er. „Sie werden niemals unbedenkliche, aber dafür kostenintensive Verfahren anwenden, auch wenn sie es versprechen“, fürchtet Pitsolis, der sich jahrelang aktiv am Protest gegen das Vorhaben beteiligt hat. „Nichts an dem, was Eldorado Gold hier machen will, ist nachhaltig. Sie werden uns nur die Verschmutzung der Umwelt hinterlassen.“
Im langen Kampf um das Gold der Griechen haben sich in den Wäldern von Chalkidiki die Gegner der Mine gesammelt: Umweltschützer, politische Aktivisten. Zu ihren Unterstützern zählen auch die Bauern, die Tourismusbetriebe der Gegend, Gastronomen und Hoteliers wie Pitsolis. Sie alle befürchten massive Schäden für Mensch und Natur, falls die Ausbeutung der Bodenschätze von Skouries in Gang kommen sollte.

Ein Plakat von Unterstützern aus dem Hambacher Forst
Copyright: Carsten Fiedler
Das Camp der Eldorado-Gold-Gegner liegt nur wenige Kilometer vom „Open Pit“ entfernt in einem Waldstück. Neben Aleppokiefern und Zypressen gibt es in dieser Gegend tatsächlich auch Jahrtausende alte, dichte Eichen- und Buchenwälder, durchzogen von kleineren Flüssen, die hinunterführen ins Ägäische Meer. Einmal im Jahr, von Mitte Juli bis Anfang August, rufen die Aktivisten zu „Zehn Tagen Kampf und Freiheit im skourischen Wald“ auf. Es sind etwa 60 meist junge Männer und Frauen, die hier zwischen Zelten und Plastikstühlen versuchen, den Widerstand gegen den kanadischen Gold-Riesen zu organisieren. Vieles erinnert an den Kampf der Braunkohle-Gegner im Rheinischen Revier. Es gibt Diskussionen zu verschiedensten Themen. Eigene Touren führen zu den Orten, an denen die voranschreitende Zerstörung des Waldes durch das Minenprojekt zu besichtigen ist. „Goldenes Versprechen, schmutziges Wasser“ ist auf einem der ausgerollten Spruchbänder zu lesen. Viele der Protestierer tragen schwarze T-Shirts mit dem Aufdruck „Save Skouries“. Andere geben sich durch den Schriftzug „Antifa Lesbos“ als zugereiste Linksalternative zu erkennen.

Endstation für Besucher: Ein drei Meter hohes Gittertor schützt die Einfahrt zur Mine in Skouries.
Copyright: Carsten Fiedler
Schon in der Antike wurden im Wald von Skouries Edelmetalle abgebaut. Ohne das Gold der Chalkidiki, so heißt es, wären weder der Aufstieg des Königreichs Makedonien unter Philipp II. (382 bis 336 vor Christus) noch die Feldzüge seines Sohnes Alexander des Großen (356 bis 323) vorstellbar gewesen. Doch die Goldförderung aller vergangenen Epochen ist nichts im Vergleich zu dem, was Eldorado Gold hier vorhat. Das Unternehmen, hinter dem auch große internationale Finanzkonzerne wie Black Rock, Van Eck Associates, die Vanguard Group und der Invesco Oppenheimer Fund stehen, will Griechenland zum größten Goldproduzenten Europas machen. Im Boden von Skouries und dem rund zehn Kilometer entfernten Nachbarort Olympiada werden Vorkommen von etwa 250 Tonnen vermutet. Schätzwert: 22 Milliarden Euro.
Schon 2015 wollte Eldorado Gold über das Tochterunternehmen Hellas Gold mit der Ausbeutung beginnen und den Menschen der Region damit wirtschaftlichen Aufschwung sowie Tausende Arbeitsplätze bescheren. So stellen es der Konzern und seine Unterstützer dar. Ökologische Bedenken versucht Eldorado Gold zu zerstreuen: Das von den Kritikern gefürchtete Zyanid, mit dem man das Gold vom umgebenden Gestein trennt, werde auf Chalkidiki nicht zum Einsatz kommen. Es solle stattdessen eine umweltverträgliche Methode angewendet werden, das „Flash Smelting“. Bei diesem Verfahren wird das Gold unter hohen Temperaturen aus dem Erz geschmolzen. Doch die Gegner halten diese Methode für nicht ausgereift. Früher oder später werde Eldorado Gold dann doch das giftige Zyanid einsetzen, argwöhnen sie und erinnern an einen Zwischenfall im rumänischen Baia Mare. Im Januar 2000 brach dort der Damm einer Golderz-Aufbereitungsanlage. Große Mengen Natriumzyanid flossen in die Donau. Umweltschützer sprechen von der größten Katastrophe in Osteuropa seit dem Super-GAU von Tschernobyl 1986.
Nach dem Sieg des Linksbündnisses Syriza in den Parlamentswahlen 2015 entzog die Regierung des neuen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras Hellas Gold alle bereits erteilten Bau- und Betriebsgenehmigungen unter Berufung auf drohende Umweltschäden. 2017 stellte das Unternehmen die Arbeiten ein, klagte sich jedoch erfolgreich durch alle Instanzen bis hinauf zum Staatsrat, dem obersten Verwaltungsgericht. Zugleich stellte Hellas Gold Schadenersatzforderungen von umgerechnet mehr als 600 Millionen Euro an den griechischen Staat. Daraufhin signalisierte die Regierung Tsipras, die Genehmigungen würden nun doch erteilt. Es blieb aber bei Ankündigungen. Wieder in Gang kam das Projekt erst im Herbst 2019 nach dem Wahlsieg der konservativen Nea Dimokratia, die das Vorhaben befürwortet.
Milliardenprojekt
Nach der Finanzkrise ist in Griechenland immer noch jeder Fünfte arbeitslos. Als Jobmaschine, so das Kalkül von Eldorado Gold, sollte das Minen-Projekt willkommen sein. Das Unternehmen beschäftigt in Griechenland etwa 2400 Mitarbeiter. Insgesamt hat Eldorado Gold zwei Milliarden Dollar investiert und eine weitere Milliarde für den Ausbau der Minen und die Beseitigung von Altlasten bereitgestellt.
Regierungschef Kyriakos Mitsotakis war kaum im Amt, als George Burns, CEO von Eldorado Gold, schon bei ihm vorstellig wurde. Der Konzessionsvertrag für den Goldabbau sollte eigentlich im Sommer 2020 erneuert werden. Doch wegen Corona verzögerte sich der Zeitplan. Mit einem Abschluss wird nun bis Ende des Jahres gerechnet.
Im Wald von Skouries wollen sie das Vordringen der Goldgräber verhindern – mit zivilem Ungehorsam und alternativem Protest. Im Camp herrscht reges Treiben. Freiwillige Helfer laufen hin und her, sorgen für Essen und Getränke. Andere bauen gerade die Bühne für ein Konzert der Band „Social Waste“ und des bekannten Folk-Gitarristen Dimitris Mistakidis auf. Das Setup verbindet jugendlichen Aufruhr mit griechischer Tradition.
Ein Hauch von Hambacher Forst weht durch den Wald von Skouries. An einem Baum im Lager der Minen-Gegner klebt sogar ein Foto von vermummten Umweltaktivisten aus dem Rheinischen Revier. Mit solidarischen Grüßen.
