Abo

Grabfrieden verletzt?Urteil im Prozess wegen Erkundung von „Estonia“-Wrack erwartet

2 min
Estonia Schiff 220822

Die Fähre 'Estonia' der Reederei Estline (undatiertes Archivfoto).

Göteborg – In Schweden hat erneut ein Prozess gegen zwei Männer wegen eines Tauchgangs zum Wrack der 1994 gesunkenen Ostseefähre „Estonia“ begonnen.

Für eine TV-Dokumentation über das Unglück hatten zwei Schweden 2019 unter anderem einen Tauchroboter zu dem Wrack heruntergelassen und dabei aufsehenerregende Funde gemacht. Im Februar 2021 waren sie von dem Vorwurf freigesprochen worden, mit der Erkundung den Grabfrieden der „Estonia“ verletzt zu haben.

Am Montag, 5. September, wird ein Urteil erwartet.

Estonia-Prozess: Berufungsgericht hebt Urteilsspruch auf

Ihr Vorgehen, so hatten die Richter damals geurteilt, sei nicht nach schwedischem Recht zu bestrafen gewesen, weil sie den Roboter von einem unter deutscher Flagge fahrenden Schiff aus in internationalen Gewässern ins Wasser gelassen hätten.

Ein Berufungsgericht sah das anders und gab den Fall an die Erstinstanz in Göteborg zurück. „Es ist traurig, das noch einmal durchmachen zu müssen“, sagte einer der Angeklagten dem schwedischen Rundfunk am Montag.

852 starben bei Unglück der Estonia

Die „Estonia“ wurde 1980 im niedersächsischen Papenburg von der Meyer Werft gebaut und war vierzehn Jahre später auf dem Weg von Tallinn nach Stockholm vor der finnischen Küste gesunken. 852 Menschen starben, nur 137 überlebten. Weil viele der Toten nicht geborgen werden konnten, steht das Wrack als Ruhestätte unter Schutz und darf nicht aufgesucht werden.

Estonia Wrack 220822

Der vordere Teil der Passagierfähre Estonia wird aus dem Meer gehoben. Die ´Estonia» war 1994 mit 989 Menschen an Bord auf dem Weg von Tallinn nach Stockholm vor der finnischen Südküste gesunken. (Archiv)

Die Unglücksursache ist bis heute nicht zweifelsfrei geklärt. Ein Untersuchungsbericht aus dem Jahr 1997 kam zu dem Schluss, dass ein Verschlussmechanismus des Bugvisiers bei rauer See unter der Last der Wellen versagte und an den Gelenken brach. Das Schiff sei infolgedessen mit Wasser vollgelaufen und schließlich gesunken.

Verschwörungserzählungen rund um den Untergang der Estonia

Ein 2006 veröffentlichter Bericht einer vom estnischen Generalstaatsanwalt eingesetzten Expertenkommission kritisierte den Abschlussbericht der offiziellen Untersuchungskommission, es gebe eine Reihe von Unstimmigkeiten und Widersprüchen. Dies führte unter anderem dazu, dass sich diverse Verschwörungserzählen über den Untergang der Estonia verbreiteten. Schifffahrtsexperten und Journalisten versuchten, die offizielle Unglücksursache der Tragödie zu widerlegen.

Das könnte Sie auch interessieren:

Wegen eben jener offenen Fragen, die der Abschlussbericht nicht eindeutig klären konnte, wollten die schwedischen Dokumentarfilmer das Wrack 2019 noch einmal genauer unter die Lupe nehmen. Nun müssen sie sich dafür erneut vor Gericht verantworten. (pst mit dpa)