Wird da etwa jemand spießig?Amsterdam geht in den Verbots-Modus

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Es ist der Red Light Bar Coffee Shop imRotlichtviertel von Amsterdam zu sehen.

Die „Welthauptstadt des Cannabiskonsums“ könnte bald so einiges verbieten. (Archivbild)

Stadt des Kiffens, Prostitution und ewiger Party? Das war einmal. Amsterdam verbietet den Joint auf der Straße. Warum? Ein Besuch.

Mert hat keinen Umweg gemacht, vom Flughafen ist er direkt hierhergekommen, in seinen Lieblingscoffeeshop. Es ist halb drei am Nachmittag, vor ihm liegen fünf Tage in Amsterdam, im Aschenbecher vor ihm glimmt der erste Joint. „Urlaub“, sagt er lächelnd.

Mert trägt schwarz, kurzes Haar, Innenarchitekt von Beruf, gerade 24 und doch schon ein Mann von Gewohnheiten. Zum fünften Mal ist er hier in Amsterdam, er hat seinen Stammcoffeeshop, sein Stammgras, „Super Silver Haze“, das Gramm zu 12,50 Euro, und seine Stammbeschäftigung.

Amsterdam als Welthauptstadt des Cannabiskonsums bekannt 

„Zu Hause in Istanbul“, sagt er, „kannst du im Knast landen, wenn du nur mit einem Joint durch die Straßen gehst.“ Deshalb genießt er es, hier rauchend an den Grachten entlangzuspazieren, auf die alten Häuser zu schauen, draußen high zu sein. „Superentspannend“, sagt Mert. Und dass genau das hier bald verboten ist: Wie findet er das? „Wie?“, fragt Mert zurück: „Ernsthaft?“

Ja, ab Mitte Mai. Keine Joints mehr auf den Straßen der Altstadt. Draußen nur Tabak. Oh, sagt Mert – und ist erst mal sprachlos. Sein Staunen ist verständlich. Amsterdam gilt als die Welthauptstadt des Cannabiskonsums. Seit 50 Jahren toleriert der Staat hier, dass Coffeeshops Hasch ganz offiziell verkaufen und Menschen es rauchen.

Deutschland will Cannabis legalisieren: Amsterdam geht entgegengesetzten Weg

Und ausgerechnet jetzt, wo selbst Deutschland Cannabis legalisieren will, geht Amsterdam einen entgegengesetzten Weg. Wenn sich die Bürgermeisterin durchsetzt, dürften Ausländer hier sogar bald gar kein Hasch mehr kaufen. Und wenn es nach Bewohnern und Geschäftsleuten ginge, müssten die Coffeeshops im Vergnügungs- und Rotlichtviertel gleich ganz schließen.

Wird Amsterdam jetzt also gerade vielleicht: ein bisschen spießig? Nicht doch, sagt Olav Ulrich da. Sie hätten ja nichts gegen das Kiffen, auch nichts gegen die Prostituierten, die die Stadt aus den rot beleuchteten Fenstern in der Altstadt an den Stadtrand schicken will – und sicher auch nichts gegen die Menschen, die sich seine Stadt ansehen wollen.

Der Kampf gegen den Wahnsinn

„Wir haben nur etwas gegen den Wahnsinn“, sagt Ulrich. Den Wahnsinn, den er Tag für Tag vor seiner Haustür erlebt. 20 Millionen Besucher kommen Jahr für Jahr nach Amsterdam, die allermeisten davon in sein Quartier, das Rotlicht- und Vergnügungsviertel Wallen.

Ulrich, 68 Jahre alt, mindestens zehn Jahre jünger wirkend, ein schmaler, agiler Herr in schwarzer Sweatjacke, ist eine Art Verkörperung des liberalen Amsterdamer Geistes – und zugleich der Grund, warum die Stadt mit diesem Geist zu brechen scheint.

Amsterdam zählt 20 Millionen Touristen pro Jahr

Um die Zahl von 20 Millionen Touristen pro Jahr einzuordnen: Berlin (3,7 Millionen) hat rund viermal so viele Einwohner wie Amsterdam (920 000), ist fünfeinhalbmal so groß – und zählt gerade mal halb so viele Besucher.

Olav Ulrich ist Musiker, Biologe und Koch. Als „holländische Antwort auf Kid Creole and the Coconuts“ tourte er mit seiner Band auch durch Konzertsäle zwischen Recklinghausen und Hamburg, er war IT-Mann und Marketingmanager, später betrieb er mit seiner Frau ein französisches Restaurant.

„Stoppt den Wahnsinn!“: Eine Initiative in Amsterdam

Noch heute bewirten sie zusammen in ihrer Wohnung Gäste aus aller Welt. Eine Weltkarte in ihrem Flur ist übersät, von Alaska bis Neuseeland, mit roten Stecknadeln. „77 Stück“, erklärt er. „Für jedes Land, aus dem unsere Gäste kamen, eine.“

Und außerdem ist Ulrich Vorsitzender von „Stop de gekte!“, „Stoppt den Wahnsinn!“. Einer Initiative, die das Viertel wieder zu einem Stadtteil für Menschen machen möchte, die dort wohnen, statt zu einer Touristenattraktion.

Als Olav Ulrich Ende der Siebzigerjahre in das Viertel kam, gab es noch so gut wie keine Touristen. Mit Freunden besetzte er ein Haus, eine leer stehende frühere Druckerei. „Zu zehnt teilten wir uns eine Toilette“, sagt er.

Aus den Fenstern sahen sie auf die Häuser jenseits der Gracht, die noch verfallener schienen. „Da mussten Pfähle die Fassaden stützen, sonst wären die eingestürzt.“ Es gab Armut, es gab auch damals Prostitution, aber die Menschen kannten sich, sagt Ulrich. „Es war eine gute Zeit, hier zu leben.“

Amsterdam bestimmt durch austauschbare Läden

Wenn er heute aus den Fenstern schaut, stützen keine Pfähle mehr die Fassaden. Das Viertel ist saniert, die Häuser sind heil. Doch statt der alten Restaurants und Kneipen säumen heute austauschbare Pancake-Imbisse und Burgerbars die Straßen, vor allem osteuropäische Prostituierte sitzen in den Hunderten roten Fenstern, für die Amsterdam bekannt wurde, zwischen Peepshows, Sextheatern und Süßigkeitenshops, deren Existenz sich für Ulrich allein als Geldwäscheprojekt erklären lässt.

Die meisten Bewohner des Viertels zogen fort, sie flohen vor hohen Mieten und Massen, Olav Ulrich und seine Frau aber blieben, noch heute wohnen sie in der früheren Druckerei.

Ulrich und die Touristen

Es ist Nachmittag, kurz nach drei. Aus dem Fenster blickt Ulrich auf die Gasse an der Gracht, immer mehr Menschen sind da jetzt zu sehen, Touristen auf der Suche nach den roten Fenstern, der vermeintlichen Attraktion. Erst gestern, sagt Ulrich, hätten ihn unten vor seinem Haus zwei amerikanische Touristinnen angesprochen, beide Mitte siebzig. Wo denn wohl die roten Fenster seien, hätten sie gefragt.

„Da habe ich, wie immer, zurückgefragt, warum sie denn dort hinwollten.“ Na, sie müssten das doch sehen, hätten sie geantwortet.

„Nein, habe ich gesagt: Sie wollen es sehen.“ Das sei ein Unterschied. Dann zeigte er ihnen den Weg. Wie er es immer tut, wenn er gefragt wird. „Ich will niemanden in die Irre führen.“ Aber sagen, dass es eigenartig ist, wenn die Prostitutionsfenster und Sextheater in einer Stadt wie Amsterdam als Touristenattraktion gelten, das wolle er schon.

Das, was Ulrich den Wahnsinn nennt, sieht man am besten nachts. Selbst an einem ganz normalen Abend in der Woche, eher kühl, im April. Noch gegen Mitternacht zieht ein beständiger Strom von Menschen durch die Gassen, mittelalte Paare, eingehakt, Schülergruppen, einsame Männer, an Coffeeshops, fast nackten Frauen in roten Fenstern und Sextheatern vorbei. Vor der Yummie Bar mischt sich der süße Duft frischer Crepes mit schwerem Haschgeruch. Eine Gruppe englischer junger Männer steht lachend unschlüssig vor einer Fensterfront – genervte Blicke der Frauen von innen.

Es war eine gute Zeit, hier zu leben
Olav Ulrich, Vorsitzender der Initiative „Stoppt den Wahnsinn!“

„Coke, Coke, Cocaine, Mister?“, raunt ein Dealer am Straßenrand. Ob da drin echter Sex gezeigt werde, fragt eine amerikanische Touristin ihren holländischen Begleiter, der sagt: den Bildern nach echt. „Wie abstoßend“, sagt die amerikanische Touristin, „und wie faszinierend.“

Amsterdam ist nicht die einzige Stadt, die ein Pro blem mit zu vielen Touristen hat. Nach der Pandemie versuchen die Menschen nachzuholen, was sie an Reisezeit verloren hatten – und die Städte suchen nach Begrenzungen. Venedig hat bereits vor Jahren Kreuzfahrtschiffe aus dem Zen trum verbannt – und überlegt jetzt, regelrechte Eintrittskarten für die Stadt auszugeben. Barcelona versucht, Besucherströme per App zu lenken. Wien fragt seine Einwohner nach überlaufenen Stellen in der Stadt.

Doch am entschiedensten errichtet derzeit die niederländische Hauptstadt neue Grenzen für die Massen. Eine „Bleibt-bloß-weg“-Kampagne im Netz soll exzessfreudige britische Männergruppen davon abhalten, einen der Billigflieger Richtung Schiphol zu besteigen.

Die Prostituierten in den Fenstern müssen drei Stunden früher die Rollläden runterlassen – und sollen nach den Plänen der Stadt in ein neues Zentrum am Stadtrand ziehen, raus aus der Altstadt. Und schließlich bricht Amsterdam auch noch mit seinem Ruf als Paradies des unbegrenzten Kiffens – zu einer Zeit, in der viele andere Länder eher Richtung Liberalisierung schreiten.

Neue Regeln in Amsterdam hafte etwas Elitäres an

„Völlig verrückt“, sagt der 32-jährige Andrija im Keller des Cannabis College im Wallen-Viertel von Amsterdam. „Die Welt öffnet sich, und wir lassen die Schotten runter.“

Es sei ja verständlich, wenn Menschen auf der Straße keinen Rauch ins Gesicht bekommen wollen – „aber dann soll man doch bitte auch Tabak auf der Straße verbieten, das wäre dann konsequent“. Auch hafte den neuen Regeln etwas Elitäres an: „Sie wollen weniger Touristen, die dann aber bitte 500 Euro für ein Dinner ausgeben sollen“, zürnt er. „Am Ende ist das auch eine Klassenfrage.“

Das College versteht sich als Infozentrum, im Erdgeschoss gibt“s Seminare, im Keller wachsen fünf Hanfpflanzen, nur zu Demozwecken natürlich. Andrija ist vor 13 Jahren der Cannabisfreiheit wegen aus Kroatien nach Amsterdam gekommen, die neuen Regeln aber stellen auch seine Entspanntheit auf die Probe.

Das ist was aus dem Ruder gelaufen. Das Stadtzentrum ist kein Strand auf Ibiza. Es ist kein Festivalgelände
Diederik Boomsma, konservativer Politiker im Stadtrat

Mit Kritik und Zweifel ist er nicht allein. Zum Beispiel fragt sich in der Polizei so mancher, wie ein öffentliches Kiffverbot wohl kontrolliert werden soll. Erstaunlich ist ohnehin, dass es gerade die linksgrüne Bürgermeisterin zusammen mit einer linksliberalen Ratsmehrheit ist, die diese schärferen Regeln durchsetzt. Aber es sind eben Politiker wie Diederik Boomsma, die die Stadtregierung vor sich hertreiben.

„Das ist aus dem Ruder gelaufen. Das Stadtzentrum ist kein Strand auf Ibiza. Es ist kein Festivalgelände“, sagt er. „Es ist ein mittelalterlicher Teil einer unglaublich schönen Stadt.“

Boomsma ist einziger Christdemokrat im Rat

Der 44-Jährige trägt Anzug und Krawatte, in seinem Büro im Rathaus steht ein Kruzifix auf dem Schrank, in der Ecke steht eine Gitarre, hinter ihm hängt die Stadtflagge mit den drei Kreuzen. Boomsma ist der einzige Christdemokrat im Rat, aber Cannabis und Rotlicht sind seit Jahren seine Spezialthemen. Früher sei er als „Moralist“ geschmäht worden, erzählt er. Inzwischen sehen ihn selbst linke Bewohner in der Altstadt als Verbündeten.

Was ihn umtreibt, ist eine falsche Romantisierung von Rotlicht und Cannabis, die Realität seien die Ausbeutung osteuropäischer Frauen und eine Abhängigkeit der Coffeeshops von kriminellen Strukturen. Die Coffeeshops dürften das Cannabis zwar verkaufen, ihre Belieferung aber ist illegal. Die Folge: Geldwäsche, Verflechtung mit dem Kokainhandel, die illegalen Geldmengen untergrüben Staat und Wirtschaft. „Sehr besorgniserregend“ nennt Boomsma das. Sein Fazit: „Man kann eine freie und progressive Stadt sein, ohne diese Dinge zu haben.“

Für Cannabistouristen wie Mert aus der Türkei wären das allerdings schlechte Zeiten. In seinem Stammcoffeeshop sucht er deshalb schon mal nach Ausweichzielen. „Berlin“, sagt er, „könnte dann ja vielleicht eine Alternative sein.“

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