Abo

„Aktivist Mann“AfD lässt ihren aggressivsten Wahlkampfhelfer fallen – aus Angst um den Ruf

3 min
Die Grenzen verschwimmen: Björn Höcke (rechts), Vorsitzender der AfD in Thüringen, gibt bei der Wahlparty der AfD ein Interview mit dem Influencer „Aktivist Mann".

Die Grenzen verschwimmen: Björn Höcke (rechts), Vorsitzender der AfD in Thüringen, gibt bei der Wahlparty der AfD ein Interview mit dem Influencer „Aktivist Mann“.

Die Parteispitze will eine „weitere Rufschädigung der AfD“ durch den rechten Streamer „Aktivist Mann“ verhindern und verlangt Wohlverhalten. 

Das Geschäftsmodell von Matthäus Westfal gehört zu den ältesten der Welt: Aufmerksamkeit durch Provokation. Er ist vom Typ Schulhofschläger mit Handy im Anschlag. Jede Beleidigung von ihm geht live. So dominierte der 30-Jährige, der sich „Aktivist Mann“ nennt, den Wahlkampf von AfD-Wahlsieger Ulrich Siegmund in Sachsen-Anhalt. Siegmund lobte ihn für seine stundenlangen Livestreams von AfD-Veranstaltungen. „Wir haben es geschafft“, jubelte Westfal am Wahlabend in Magdeburg.

Nun aber lässt die Partei ihren Wahlkampfhelfer fallen - zumindest etwas. Das liegt am Ziel von Westfals Provokationen: Er geht immer aggressiver gegen Medienvertreter vor, beleidigt, bedrängt, schubst. Zuletzt nahm er auf der Wahlparty in Magdeburg „Spiegel“-Reporterin Ann-Kathrin Müller ins Visier, attackierte sie minutenlang im Pressebereich.

Am Montagmorgen beschloss der AfD-Bundesvorstand nach Informationen des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND) einstimmig, Westfal „ausschließlich unter der Bedingung“ zu Parteiveranstaltungen zuzulassen, „dass dieser vorab zusichert, andere Streamer und Journalisten nicht zu belästigen“. Falls dieser weiter ausfällig wird, soll er unverzüglich hinausgeworfen werden.

AfD sieht Rufschädigung durch „Aktivist Mann“

Die Begründung lässt aufhorchen: Westfals Geschäftsmodell sei es offensichtlich, Journalisten, die im AfD-Umfeld kritisch gesehen würden, „durch belästigende Fragen und pöbelhaftes Verhalten zur Schau zu stellen“. Dieses Verhalten werde mittlerweile der AfD zugerechnet. „Der Beschluss und der damit angestrebte Umgang sollen dies verhindern, um eine weitere Rufschädigung der AfD durch Herrn Westfal zu verhindern.“ Über die Beschlussvorlage hatte das Nachrichtenportal „t-online“ vorab berichtet.

Bereits vergangene Woche hatten die AfD-Parteichefs Alice Weidel und Tino Chrupalla mit Blick auf Westfals Verhalten erklärt: „Beleidigungen und verbales Bedrängen verbieten sich für Medienschaffende. Das gilt natürlich auch und gerade gegenüber Vertretern anderer Medien.“

Viele in der AfD-Spitze sind von Westfals Auftreten angewidert, hielten sich aber zunächst aus Angst vor einer Reaktion des Parteivorfelds zurück. Nach der Magdeburger Wahlparty änderte sich das. So schrieb der AfD-Bundestagsabgeordnete Jan Nolte auf X, Westfal sei auch in dem Hotel in Magdeburg, in dem die Wahlparty ihren Ausklang gefunden habe, „extrem unangenehm“ aufgefallen. Er habe versucht, Hintergrundgespräche mit Journalisten mitzufilmen, „ging jedem auf die Nerven und laberte die Leute extrem peinlich voll. Sehr unangenehm, wenn so jemand mit der AfD in Zusammenhang gebracht wird. Wir sind auch auf solche Leute keineswegs angewiesen“.

Westfal ist seit mindestens sechs Jahren als Streamer unterwegs - aber nicht nur das. Belegt ist, dass er 2020 mit Rechtsextremisten, Reichsbürgern und Verschwörungsideologen am „Sturm auf den Reichstag” teilnahm. Er suchte die Nähe zur Holocaustleugnerin Ursula Haverbeck und dem Verschwörungs-Barden Xavier Naidoo.

Sowohl im Vorstandsbeschluss als auch in der Pressemitteilung wird Westfal aber weiterhin implizit als „Journalist“ und „Medienvertreter“ bezeichnet.

Westfal sieht das „deutsche Volk“ hinter sich

Rund um die AfD ist in den vergangenen Jahren ein Medienumfeld entstanden, in dem die Grenzen zwischen Partei und Berichterstattung verschwimmen. Der Schlagersänger Björn Winter („Björn Banane“) tritt bei AfD-Veranstaltungen auf, arbeitet für AfD-Abgeordnete, streamt Parteiveranstaltungen, stellt Parteivertretern aber auf Pressekonferenzen als „Journalist“ Fragen. Der Streamer Sebastian Weber („Weichreite“), bundesweit im Dunstkreis der Partei unterwegs, sitzt für die AfD im Kreistag des Landkreises Leipzig.

Westfal schrieb bereits nach der ersten Pressemitteilung von Weidel und Chrupalla auf seinem X-Account: „Wer sich (vom Vorfeld) distanziert, verliert.“

Die Partei scheint dieses Risiko nun eingehen zu wollen. Am Sonntagabend schrieb Westfal auf X, nach seinen Worten nicht nur an seine Kritiker aus der Partei gerichtet: „In allen 16 Bundesländern steht das deutsche Volk hinter mir! Was habt ihr die letzten 14 Jahre für Deutschland geleistet?“