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Infoportal für Lehrer eröffnet Antisemitismus soll an Schulen zum Thema werden

Antisemitismus Symbolbild

Der Spruch „Gegen jeden Antisemitismus!“ prangt an einer Toilettenwand der Philipps-Universität in Marburg. 

Berlin – Ein Mädchen in der zweiten Klasse wird von muslimischen Mitschülern gemobbt und bekommt Todesdrohungen, weil bekannt wird, dass es jüdisch ist. Jüdische Lehrerinnen und Lehrer werden wegen ihrer Religion angegriffen und im Kollegium geschnitten. Schüler schauen auf dem Pausenhof antisemitische Video-Clips an und teilen sie über die sozialen Netzwerke – Antisemitismus gehört an vielen deutschen Schulen zum Alltag.

Der Zentralrat der Juden, die Dachorganisation der Juden in Deutschland, ist darüber zutiefst besorgt, denn Antisemitismus wird ganz grundsätzlich in der Mitte der Gesellschaft wieder salonfähig. Dazu kommt ein neuer Antisemitismus, den Migranten und Flüchtlinge aus muslimisch geprägten Ländern mitbringen. Kurz vor Weihnachten wurden in mehreren Städten israelische Flaggen verbrannt, nachdem US-Präsident Donald Trump angekündigt hatte, die Botschaft der Vereinigten Staaten in Israel nach Jerusalem zu verlegen.

Vermittlung muss in der Schule beginnen

Wie aber lässt sich Antisemitismus vorbeugen, wie kann man ihn bekämpfen? Es ist eine Frage, die Josef Schustern, den Präsidenten des Zentralrats der Juden, beständig umtreibt. Besonders wichtig sind dabei die Schulen, gerade sie haben die Aufgabe, Kindern und Jugendlichen zu vermitteln, welch wichtige Rolle Juden in der deutschen Geschichte, Kultur und Wissenschaft gespielt haben und dass es heute wieder ein sehr lebendiges jüdisches Leben in Deutschland gibt.

Rund 100.000 Juden leben derzeit in Deutschland. Jüdisches Leben sei wieder selbstverständlich, sagte Schuster kürzlich im Gespräch mit dieser Zeitung, das sei ein Grund zur Freude.

Bereits vor zwei Jahren verabschiedeten der Zentralrat der Juden und die Kultusministerkonferenz eine gemeinsame Erklärung, deren Ziel es ist, jüdische Geschichte, Religion und Kultur in den Schulen besser zu vermitteln und durch mehr Wissen und interreligiöse Begegnungen dafür zu sorgen, dass Kinder und Jugendliche erst gar nicht antisemitische Einstellungen entwickeln können. „Kenntnis und Erkennen der Vielfalt und Komplexität des Judentums sind wichtige Schritte zu seinem Verständnis sowie zum Abbau von Vorurteilen“, heißt es in der Erklärung.

Material für Lehrer gesammelt

Gemeinsam haben der Zentralrat der Juden und die Kultusministerkonferenz nun eine erste Materialsammlung erstellt, die sich vor allem an Lehrer wendet.

Schuster und Helmut Holter, linker Bildungsminister in Thüringen und derzeit Präsident der Kultusministerkonferenz, stellten sie am Mittwoch bei einer Tagung von Experten in Berlin vor, sie ist nun auch online einsehbar. 

Immer wieder gebe es aus verschiedenen Schulen und dem ganzen Land Meldungen über antisemitische Vorfälle, sagte Schuster zur Eröffnung. Und so wurde auch diese Tagung überschattet von der Nachricht eines neuen schweren antisemitischen Übergriffs in Berlin. Keine Schule sollte derartige Vorfälle verschleiern, um den guten Ruf der Schule zu wahren, mahnte Schuster. Er fordert auch, ein Meldesystem an Schulen aufzubauen.

Der Arzt aus Würzburg nahm aber gleichzeitig Lehrer in Schutz. Man habe es mit einer gesellschaftlichen Entwicklung zu tun, die für alle mehr Fragen als Antworten bereit halte, und es gebe auch kein Patentrezept gegen Antisemitismus an Schulen. „Warum sollten Lehrer jederzeit souveräne Lösungen parat haben, wenn auch Politiker sprachlos sind?“, fragte Schuster. Umso wichtiger sei es, jüdische Kultur, Geschichte und Religion im Unterricht zu behandeln, und dabei gehe es um viel mehr als die Shoah. Schuster und Holter drängen auch auf eine gezielte Fortbildung von Lehrern.

Kaum Unterrichtsmaterial für Grundschüler

Die Website soll zumindest ein erster Schritt sein und beständig weiterentwickelt werden. Eine gemeinsame Arbeitsgruppe des Zentralrats und der KMK schrieb zu ihrer Erarbeitung zunächst zuständige Behörden und Schulen in allen Bundesländern an und bat um Beispiele für Material, das im Unterricht bereits verwendet wird oder sich dafür eignen könnte.

Als Reaktion kam eine Fülle von Hinweisen, die überprüft und sortiert wurden. Geordnet nach den Schwerpunkten Jüdische Geschichte und Gegenwart, Jüdische Religion, Antisemitismus einschließlich Antijudaismus und Antizionismus sowie Israel finden Lehrer nun auf der Homepage Hinweise auf Bücher, Quellensammlungen und weiterführende Links.

Aufgenommen wurde aber nur Material, das bereits pädagogisch aufbereitet ist. „Uns war wichtig, dass es unmittelbar im Unterricht angewendet werden kann“, sagte Shila Erlbaum, beim Zentralrat der Juden zuständig für Kultus und Bildung. Bei einem Blick auf die Sammlung fällt sofort auf, dass es weitaus weniger Unterrichtsstoff gibt für Kinder im Grundschulalter, vor allem, wenn es um den Nationalsozialismus und den Holocaust geht. „Kinder unter 12 Jahren können die Shoah nicht begreifen“, sagt der Erziehungswissenschaftler und Publizist Micha Brumlik, der einen luziden Vortrag hielt zum Thema „Wie jüdisch ist das Abendland?“

Brumlik lieferte dabei auch höchst anschauliche Beispiele, wie Wissen über jüdisches Leben in Deutschland kurz und prägnant vermittelt werden kann – anhand von Biografien. Er zeigte Abbildungen und Fotos von sechs deutschen Jüdinnen und Juden vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Der historische Bogen begann mit dem Minnesänger Süßkind von Trimberg, der auf einer Abbildung aus dem 14. Jahrhundert erkennbar als Jude gekleidet ist, führte weiter über die erfolgreiche Geschäftsfrau Glückel von Hameln, die bis 1719 als erste Frau in Deutschland ihre Memoiren schrieb und endete mit Ignatz Bubis, dem früheren Präsidenten des Zentralrats der Juden.