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Eskalation in FrankreichBetroffene berichten aus der Region

Drei Berichte von Betroffenen zeigen die Auswirkungen der gewaltsamen Proteste auf den Alltag in Frankreich.

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Lyons Tourismusbüro steht in Flammen.

Lyons Tourismusbüro steht in Flammen.

Norbert Bauer, der Leiter der Kölner Karl-Rahner-Akademie, macht regelmäßig Urlaub in Frankreich. Er berichtet von seinen Eindrücken der vergangenen Tagen: Auf unserer Reise in den Süden übernachteten wir in Lyon. Beim Einchecken im Hotel wurden wir gewarnt, dass es am nächsten Morgen „chaud“ – hitzig – werde. Die Verkäuferin im Kaufhaus empfahl uns, die Stadt am nächsten Morgen besser früh zu verlassen. Wir befolgten ihren Rat. Wenige Stunden später brannte das Office Du Tourisme am Place Bellecour, 500 Meter von unserem Hotel entfernt. Der Weg zu unserem Reisziel führte durch Avignon. Dort riegelten Polizisten die Innenstadt ab, im Hintergrund sahen wir Rauchschwaden. In unserem Urlaubsort Bedoin, am Fuß des Mont Ventoux, ist es ruhig. Die Unruhen in den Städten bewegen aber auch die Menschen in der Provinz. Die örtliche Lokalzeitung berichtete zuletzt mit zehn Sonderseiten.

Die Musikerin Jutta Pulcini lebt seit 26 Jahren mit ihrer Familie in Frankreich: Das vorherrschende Gefühl bei mir und den meisten Franzosen, die ich kenne, ist: Angst. Was kommt nach diesen ungehemmten Gewaltausbrüchen noch auf uns zu? Terroristen könnten auch nicht schlimmer wüten als diese Randalierer, von denen wir uns fragen, wo sie eigentlich immer herkommen, sobald irgendwo jemand demonstriert – und zwar mit legitimen Anliegen und auf friedliche Art. Meine jüngste Tochter geht noch zur Schule. Sie und ihre Freundinnen fragen sich auch, was jetzt werden soll. An ihrer Schule ist glücklicherweise nichts passiert, aber in Bordeaux wurden Schulgebäude verwüstet, der Unterricht fällt für Wochen aus. An einem der Lyzeen haben die Randalierer den Informatik-Raum angezündet und innerhalb von 20 Minuten einen Schaden von 100.000 Euro angerichtet. Meine mittlere Tochter, Studentin in Paris, ist für bessere Studienbedingungen selbst mit auf die Straße gegangen. Sie berichtet, die Polizei habe jede Bewegung verhindert, die Demonstrierenden eingekesselt und sofort Tränengas eingesetzt. Das ist Gewalt, die vom Staat ausgeht. Macht sie das besser? Dass die Regierung nichts zu bieten hat außer brutale Härte, ist auch politisch fatal. Die Präsidentschaftswahlen sind nicht mehr weit. Der Linksaußen-Kandidat Jean-Luc Mélenchon ist für alle Moderaten ein rotes Tuch. Ich befürchte, dass die gemäßigten Wählerinnen und Wähler scharenweise zu Hause bleiben oder – vor die Alternative gestellt – für Marine Le Pen stimmen werden. Das wäre dann die Fortsetzung der Katastrophe mit anderen Mitteln.

Die gebürtige Französin Francoise Schaeffer lebt seit 1970 in Köln: Die Zerstörungswut ist sehr beängstigend. Man fragt sich: Wie konnte es so weit kommen? Und wie soll es weitergehen? Meine Verwandten und Bekannten in Frankreich sind geschockt und bekommen die Konsequenzen hautnah zu spüren. Mein Enkelkind macht gerade sein Abitur, aber seine Schule im Großraum Paris hat seit drei Wochen geschlossen. Meine große Sorge ist, dass die Gewaltausbrüche und der Vandalismus die Präsidentschaftswahl im nächsten Jahr beeinflussen und den Rechtsextremisten vom Front National noch mehr Stimmen bringen. Und, dass die berechtigten Forderungen der jungen Leute dabei untergehen, nicht erhört oder disqualifiziert werden. Denn die meisten sind sehr vernünftig und begründet.