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„Es schmerzt mich zutiefst“Ein Besuch bei der Kölner Gründerin des Moskauer Goethe-Instituts

7 min
Porträt einer lächelnden alten Frau mit Zigarette zwischen den Fingern.

Kathinka Dittrich van Weringh (heute 85) baute ab 1990 das Goethe-Institut in Moskau auf. 1994 wurde sie Kulturdezernentin in Köln.

Die Schließung des Moskauer Goethe-Instituts schmerze sie sehr, sagt die 85-jährige Kathinka Dittrich van Weringh. Hausbesuch aus gegebenem Anlass. 

Am Telefon antwortet Kathinka Dittrich van Weringh, Gründerin des Moskauer Goethe-Instituts, auf die Frage, ob sie Lust habe, über die Schließung des Instituts, ihre Zeit in Russland und den Weltenstrudel zu sprechen: „Kommen Sie einfach vorbei, ich bin zu Hause.“ – „Jetzt gleich?“ – „Am besten immer sofort.“

In einer bourgeoisen Kölner Altbauwohnung voller Stiche, Zeichnungen und Literatur steht kaum eine Stunde später eine Frau, geboren 1941, leicht wie eine Ballerina, mit pergamentener Haut, Zigarette im Mundwinkel, Kinderaugen. Im Flur eine Skulptur aus Zigarettenschachteln mit den Konterfeis prominenter Raucher wie Heinrich Böll, Marlene Dietrich und Helmut Schmidt, die ihr Mann Koos gebastelt hat, ganz oben ein Porträt von Kathinka Dittrich van Weringh, dazu der Spruch: „Ohne Rauch keine Kultur.“ 

Sie fragt, ob es alkoholfreier Sekt oder Bier sein dürfe, und bittet hinein. Im Arbeitszimmer liegen Stapel mit Zeitungsartikeln auf dem Boden verstreut, geordnet nach Themen: Sanktionen gegen Russland, Putin, Verfassung, Widerstand gegen Trump, Faschismus. Die 85-Jährige schreibt gerade einen Artikel mit dem Arbeitstitel: „Wie wird man Autokrat? Am Beispiel von Trump und Putin“. Neben Insider-Gesprächen, Büchern und Internet sind Zeitungen für sie die wichtigsten Quellen. „Kölner Stadt-Anzeiger“, „Die Zeit“, „NY Times“ und „Süddeutsche“ haben die van Weringhs abonniert, „den Spiegel, das Handelsblatt, die Frankfurter Rundschau und andere kauft mein Mann am Kiosk“. Künstliche Intelligenz, sagt sie, „verwende ich nicht, ich möchte die Dinge selber durchdringen“.

Kathinka Dittrich van Weringh nach einer Vorführung des Tanztheaters von Pina Bausch, die im Bild ganz links zu sehen ist.

Kathinka Dittrich van Weringh nach einer Vorführung des Tanztheaters von Pina Bausch, die im Bild ganz links zu sehen ist.

Kathinka Dittrich van Weringh hat die hohe Zeit liberaler Demokratien, die mit dem Ende der Sowjetunion als dominierendes Gesellschaftsmodell auf Dauer angelegt zu sein schien, als Grand Dame des Goethe-Instituts mitgestaltet. Während der Franco-Diktatur war sie in Barcelona und lernte „am Telefon in Geheimsprache zu sprechen, was ich jetzt mit meinen Freunden aus Russland mache“; später ging sie nach New York und als Leiterin des Goethe-Instituts nach Amsterdam. 1990 bat das Institut sie, eine Niederlassung in Moskau aufzubauen.

Ein Mann kam 9000 Kilometer aus Wladiwostok, um beim Goethe-Institut Werner Herzog zu sehen

Mit zwei Koffern in der Hand landete sie mit ihrem Mann im Sommer 1990 in Moskau und begann sofort mit dem Sprachunterricht, denn: „Kultur ist Begegnung, ist Kommunikation.“ Wenige Monate später gab sie einem russischen Sender ihr erstes Fernsehinterview. „Danach sind uns von Kulturschaffenden aus dem ganzen Land die Türen eingerannt worden. Ein Mann kam aus dem 9000 Kilometer entfernten Wladiwostok, um eine Filmvorführung mit Werner Herzog zu sehen und einen Film von Herzog mitzunehmen. Es herrschte riesige Aufbruchstimmung. Wir dachten, die Demokratisierung sei nicht mehr aufzuhalten.“

Vorher zensierte deutsche Bücher wurden ins Russische übersetzt, Filme untertitelt. Die bildungshungrigen Menschen wollten die einst verfemten Grass und Enzensberger lesen, Fassbinder- und Wenders-Filme schauen. Dittrich van Weringh holte mit finanzieller Hilfe von Krupp-Manager Berthold Beitz Pina Bausch und ihr weltberühmtes Tanztheater nach Moskau, Theaterregisseur Peter Stein inszenierte im Armeemuseum einen modernen „Ödipus“. „Das war so wunderbar. Und all das ist schon seit Jahren völlig unvorstellbar“, sagt die kleine Frau, die in ihrem großen Sofa fast zu versinken droht. Und raucht.

Die Schließung der russischen Goethe-Institute durch den Kreml ist ein weiterer trauriger Höhepunkt von Putins Diktatur
Kathinka Dittrich van Weringh

Die Schließung der russischen Goethe-Institute durch den Kreml sei „ein weiterer trauriger Höhepunkt von Putins Diktatur“. Russland hat mit der Sanktion darauf reagiert, dass die Bundesregierung den Vertrag mit dem Russischen Haus in Berlin infolge des Anschlagsversuchs am Leipziger Flughafen gekündigt hat. „Es schmerzt mich zutiefst. Immerhin war das Goethe-Institut eine der letzten Einrichtungen, die noch tätig waren in Moskau.“ Seit das russische Außenministerium im Mai 2023 personelle Obergrenzen für deutsche Auslandsvertretungen einführte – insgesamt durften nur noch 350 deutsche Staatsbedienstete in Russland bleiben – allerdings nur noch im Notbetrieb: 15 Menschen arbeiten zuletzt noch für das Institut in Moskau, vor dem Erlass waren es rund 200.

1990 war das Moskauer Goethe-Institut, das 1992 offiziell eröffnete, unter Dittrich van Weringhs Leitung in einen Teilkomplex der einst größten Botschaft der Welt – jener der ehemaligen DDR – eingezogen. Die Zimmer strich die Chefin mit ihrem Mann in Eigenregie, als einen der ersten Gäste empfing sie Gregor Gysi, damals führender Politiker der Sozialistischen Einheitspartei (SED), der sich ein Bild davon machen wollte, wie das Institut mit dem geistigen und materiellen Erbe der DDR umgehen wollte. Dittrich van Weringh versicherte Gysi, das ehemalige Mitarbeiter der DDR-Botschaft übernommen würden, wenn sie denn qualifiziert seien und sich niemand an den vielen DDR-Produkten im Keller der Botschaft bereichern werde.

Kathinka Dittrich van Weringh (85) in ihrer Wohnung in der Südstadt

Kathinka Dittrich van Weringh (85) in ihrer Wohnung in der Südstadt

„Alles war in diesen Jahren in Russland möglich, alles besprechbar“, schreibt Kathinka Dittrich van Weringh in ihrer lesenswerten Biografie „Wann vergeht Vergangenheit?“ von 2017, in der sie über die Erfahrungen der Menschen im Osten und Westen und den Wandel einer bipolaren in eine multipolare Welt nachdenkt. Staatliche Einrichtungen wie das zu Perestroika-Zeiten gegründete Kino-Museum zeigten Filme aus aller Welt, es öffneten Galerien für Moderne Kunst, Kunstsammler kehrten zurück, neue Zeitungen, TV-Sender und Verlage stärkten die Meinungsvielfalt, politische Gruppen und Parteien „schossen wie Pilze aus dem Boden“, queere Menschen feierten öffentliche Partys. Die Ende 2021 verbotene und 2022 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnete Organisation Memorial arbeitete mit Millionen Zeitzeugen die Verbrechen der Stalin-Zeit auf.

„Für mich war das die intensivste Zeit in meinem Arbeitsleben – Russland hat mich danach nie mehr losgelassen“, sagt die Dittrich van Weringh, die Winston-Zigarette, die auch auf dem Porträt für das Cover ihrer Biografie nicht fehlt, beständig zwischen den Fingern. „Wir waren euphorisiert, wie schnell und umfassend sich das Land öffnete.“ Das Goethe-Institut weitete seine Arbeit aus, eröffnete Zweigstellen in St. Petersburg und Nowosibirsk, ab 1993 gab es eine Anlaufstelle in Minsk.

Die Orthodoxe Kirche bezeichnet den Angriffskrieg gegen die Ukraine als Heiligen Krieg und Putin spricht unwidersprochen davon, dass die Ukraine Russland angegriffen habe. So weit ist es gekommen
Kathinka Dittrich van Weringh

1993 gab sich Russland auch eine neue, demokratische Verfassung, in der stand, dass Zensur verboten ist und das Völkerrecht vor russischem Recht kommt. Mit seiner Verfassungsänderung 2020 stellte Putin das russische Recht über das Völkerrecht, internationalen Organen fühlt sich das Land nicht mehr verpflichtet, dafür wurde der Glaube an Gott in der Verfassung verankert. „Die Orthodoxe Kirche bezeichnet den Angriffskrieg gegen die Ukraine als Heiligen Krieg und Putin spricht unwidersprochen davon, dass die Ukraine Russland angegriffen habe“, sagt Dittrich van Weringh. „So weit ist es gekommen.“

Als Kölner Kulturdezernentin hatte sie die Idee für ein Literaturhaus

Kathinka Dittrich van Weringh verließ Moskau 1994, als das Goethe-Institut gut 70 Mitarbeiter hatte, in Richtung Köln, um Kulturdezernentin zu werden. Gegen Widerstände verwirklichte sie ihre Idee eines Literaturhauses. Auch die Museums- und die Theaternacht gehen auf ihre Initiative zurück. Wie bestellt ruft Ulrich Wackerhagen, FDP-Kulturpolitiker, an, der das Literaturhaus mitinitiiert hatte. Er fragt, ob sie zum 35. Jubiläum des Literaturhauses am Abend komme. Dittrich van Weringh muss absagen, ihrem 92-jährigen Mann geht es zu schlecht.

Über die Kulturstadt Köln sprechen möchte Kathinka Dittrich van Weringh lieber nicht, nur so viel: „Köln ist immer eine eher mittelmäßige oder gemäßigte Stadt gewesen, sehr lässig, offen und nett, aber nicht besonders ehrgeizig, das gilt für die Menschen wie für die Politik. Man kann das schlecht finden, aber auch sympathisch.“

Russland blieb die Kölner Weltbürgerin verbunden. Immer wieder reiste sie nach Moskau, traf Intellektuelle und Regimekritiker wie Alexei Nawalny und Boris Nemzow (die der Kreml später ermorden ließ) und Grigorij Jawlinski, Gründer der liberalen Partei Jabloko, die zu den russischen Parlamentswahlen im September 2026 mit dem Slogan „Frieden und Freiheit“ antreten wollte, vom Obersten Gerichtshof aber nicht zugelassen wurde.

Dittrich van Weringh blieb lange im Kuratorium der Moskauer Bibliothek für ausländische Literatur, wurde Vorsitzende der Europäischen Kulturstiftung, tummelte sich in Kuratorien. Nach der Münchner Sicherheitskonferenz 2007, als Putin aggressiv mit den USA und der Nato abrechnete, ahnte sie, dass die Zeiten des Wandels durch Handel irgendwann vorbeisein könnten, und wusste es ganz sicher nach der russischen Annexion der Krim 2014. „Leider wollte auch die deutsche Politik das aber lange nicht wahrhaben.“

Kathinka Dittrich van Weringh mit Lew Kopelew (Mitte) und Übersetzer Boris Chlebnikow bei der Verleihung des Alexandr-Men-Preises an Dittrich van Weringh 1995

Kathinka Dittrich van Weringh mit Lew Kopelew (Mitte) und Übersetzer Boris Chlebnikow bei der Verleihung des Alexandr-Men-Preises an Dittrich van Weringh 1995

Das Telefon klingelt, ein niederländischer Freund fragt nach Koos, der Liebe ihres Lebens. Die 85-Jährige zündet sich eine Zigarette an, zieht die schmächtigen Schultern hoch. „Es ist schwer gerade, aber es hilft ja nichts.“ Ein weltbekannter russischer Intellektueller, dessen Namen sie nicht öffentlich nennen kann, hat ihr kürzlich am Telefon gesagt: „Demokratie heißt atmen. Wir können das schon lange nicht mehr.“ In Deutschland, sagt Kathinka Dittrich von Weringh, Grande Dame des Goethe-Instituts, „können wir zum Glück noch atmen. Wir sollten alles dafür  tun, damit das so bleibt.“