Die vergangenen Tage haben dramatische Schwächen in Europas Umgang mit den USA offengelegt.
WaffenruheEine Schande, dass Trump mit seiner unsäglichen Drohung durchkam

US-Präsident Donald Trump spricht im James Brady Press Briefing Room im Weißen Haus.
Copyright: Julia Demaree Nikhinson/AP/dpa
Kaum zu glauben, dass uns allen das immer noch passiert: Wieder hat sich die ganze Welt vom US-Präsidenten in Geiselhaft nehmen lassen und über Tage gebannt der Trump-Show zugeschaut. Schon über die Oster-Tage hatte Donald Trump mit Eskalation im Iran gedroht, am Dienstag drehte er die Lautstärke noch weiter auf. „Eine ganze Zivilisation wird heute Nacht sterben, so dass sie niemals wieder zurückgebracht werden kann“, schrieb er online. Ab 20 Uhr US-Ostküstenzeit würden „alle Brücken und Kraftwerke“ im Iran zerstört, so die Drohung – selbstverständlich ließ der Fernsehpräsident sein Ultimatum ausgerechnet zur besten US-Sendezeit auslaufen.
Es scheint nun noch einmal gut gegangen. 90 Minuten vor Ablauf von Trumps Frist kam die Entwarnung: 14 Tage Waffenstillstand soll es nun geben, die Öltanker in der blockierten Straße von Hormus sollen passieren können. Natürlich ist es gut, dass die Eskalation ausbleibt und die neuen Verhandlungen Luft geben, selbst wenn zwei Wochen Aufschub nur einen sehr sportlichen Verhandlungsplan erlauben.
Eine Schande, dass es soweit kommen konnte
Aber Fakt bleibt, dass der mächtigste Mann der Welt mit dem Auslöschen eines Volkes von rund 90 Millionen Menschen gedroht hat. Er tat das so glaubwürdig, monströs und dringend, dass in den USA manche gar den Abwurf von Atombomben befürchteten. Es ist eine Schande, dass es über Jahre zu einem solchen Spiel mit möglichem Völkermord kommen konnte.
Alles zum Thema Nahostkonflikt
- „Ein kolossaler Fehlschlag“ Trump feiert „totalen Sieg“ – Kritiker und Iran überschütten ihn mit Spott und Häme
- Wieder Öllieferungen möglich? Dax springt nach oben – Anleger feiern Waffenruhe
- „Ich frage jetzt zum dritten Mal“ Markus Lanz verliert im Iran-Talk wegen CSU-Mann die Geduld
- Zu günstige Spritpreise Totales Chaos am Ostermontag an mehreren Tankstellen in Engelskirchen
- „Paviane“ Netanjahu entlässt Kabinettschef nach rassistischen Äußerungen
- Amtsenthebung gefordert „Geisteskrank und unfähig“ – Trumps Worte sorgen für Entsetzen
- Immens steigende Spritpreise Auch in Oberberg gerät die Mobilität zunehmend unter Strom
Es ist eine Schande, dass die US-Wähler Trump zweimal einen Sieg bescherten und mindestens beim zweiten Mal ausdrücklich nach einem Präsidenten verlangten, der auf der Weltbühne aggressiv jahrzehntelang etablierte Bündnisse aufkündigt.
Es ist eine Schande, dass Trumps Republikaner im US-Kongress in der Osterpause geblieben sind, anstatt den Präsidenten mit Budget-Einschränkungen und öffentlicher Kritik so zu kontrollieren, wie es die Verfassung vorsieht.
Es ist eine Schande, dass die oppositionellen Demokraten erst zum Nachmittag eine lauwarme gemeinsame Erklärung an Trump herausbekamen, anstatt schnell den gesamten Kongress zu einer namentlichen Abstimmung über eine Amtsenthebung zu verpflichten – immerhin gab es am Vorabend einige Dutzend Volksvertreter, die das zumindest forderten.
Das laute Schweigen in Europa
Und es ist auch eine Schande, wie laut am Dienstag die Stille in Europa war. Trumps Drohung war historisch und grausam. Sie beschrieb eine durchaus mögliche Eskalation. Stellen wir uns vor, er hätte seine Drohung wahr gemacht: Was wäre in der Kriegswelt am Mittwoch die Begründung der Bundesregierung für ihr Schweigen am Dienstag gewesen?
Es ist eine Schande, dass öffentlich wirklich alle einen Mann gewähren lassen, der ständig den Eindruck vermittelt, in 79 Lebensjahren zu selten ein klares Nein gehört zu haben. Immer wieder hat sich aber doch in Trumps zweiter Amtszeit gezeigt, dass er nachgibt, wenn ihm klar entgegengetreten wird. Entschiedenheit beeindruckt Trump, Schweigen und zögerliches Verhandeln aber nutzt er ein ums andere Mal aus.
Ein Fazit der vorerst ausgebliebenen Iran-Eskalation ist klar: Immer noch denken auf beiden Seiten des Atlantiks viel zu wenige darüber nach, wie sie dem Löwen im Weißen Haus mit Gebrüll entgegentreten – stattdessen hoffen sie darauf, dass ihr Schweigen den Zorn des Präsidenten an ihnen vorüberziehen lässt. Jeder kann sich aber fragen, was gegen Donald Trump die bessere Strategie ist: Endlich selbst als Löwe in den Kampf treten oder immer nur darauf hoffen, nicht die schwächste Antilope zu sein?

