- Der Autor Hanns-Josef Ortheil befasst sich in seiner Kolumne damit, wie Nachrichten aus aller Welt wahrgenommen und gedeutet werden.
- In dieser Ausgabe schreibt er über die zahlreichen Rücktritte der Woche.
- Sie seien die Rettung für alle, die ein zu großes Amt anstrebten, es unter Qualen innehatten und darüber unleidlich wurden.
Norbert, fast 60, träumt davon, bald abzudanken. Seit er mitbekommen hat, dass das es en vogue ist, möchte auch er seine Abdankung bald perfekt inszenieren. Alles begann, erinnert er sich, mit Papst Benedikt XVI., dem vor ein paar Jahren so manches zu viel geworden war. Er verabschiedete sich auf Lateinisch, bestellte einen Hubschrauber und setzte sich zunächst einmal nach Castel Gandolfo ab. Seit seiner Rückkehr nach Rom durchwandert er an der Seite von Privatsekretär Georg Gänswein die vatikanischen Gärten, isst nur noch bayerische Kost und betrachtet Fotos aus seiner Kindheit.
Papst Benedikts Abgang wirkte wie ein epochaler Donner und sagte allen, denen so manches über den Kopf wuchs: Mensch, werde wesentlich! Kehre zurück zu deinen eigentlichen Freuden und Bedürfnissen! Halte eine dunkle, schwer verständliche Abdankungsrede, mache dich dann unsichtbar und wandere nach deiner erneuten Menschwerdung in einem überschaubaren Paradies ganz in Ruhe auf und ab!

Hanns-Josef Ortheil ist Roman- und Sachbuchautor. In seiner Kolumne befasst er sich damit, wie Geschehnisse aus aller Welt wahrgenommen und gedeutet werden.
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Jürgen Klinsmann hat sich in Berlin verrannt, Kardinal Reinhard Marx möchte keine weiteren Bischofskonferenzen mehr leiten, und Annegret Kramp-Karrenbauer hat nicht mehr die geringste Lust, auf Provinzpolitiker wie Mike Mohring einzureden. Klinsmann will nun zurück zum Surfen an die kalifornischen Strände, der Kardinal möchte sich endlich ein Spiel von Bayern München ungestört anschauen, und Annegret Kramp-Karrenbauer zieht es wieder ins Saarland, wo sie eine Hälfte ihres umständlichen Doppelnamens ablegen wird, um endlich eleganter rüberzukommen.
Abdanken ist zu einer wunderbaren Überlebensstrategie für all die geworden, die ein zu großes Amt anstrebten, es unter Qualen innehatten und darüber unleidlich wurden. Jetzt, wo sie sich endlich von ihren Ämtern und Ängsten befreit haben, wandeln sie entspannt durch die Welt, lächeln vielsagend und schweben einfach nur noch über den Dingen.
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Bald werde auch ich so was von abdanken, sagt Norbert. Ich werde mitten im Innenhof unserer Firma eine Montgolfiere besteigen, davonfliegen und erst über einer Skihütte in den Alpen die Reißleine ziehen. Nach dreißig Tagen einsamer Klausur werde ich für immer in unser Reihenhäuschen einziehen und die Namen meiner Kinder auswendig lernen. Und dann setzen wir uns jeden Abend zusammen vors TV und schauen, wer es gerade wieder geschafft hat: das große Abdanken.


