Auch ohne Winfried Kretschmann können die Grünen in Baden-Württemberg den Wahlsieg holen. In einer wichtigen Wählergruppe kann die CDU aber Stimmen zurückgewinnen.
Analyse der NachwahlbefragungenWo die CDU Stimmen zurückgewinnen konnte – und wo die Grünen punkteten

Die Wählerinnen und Wähler in Baden-Württemberg haben über einen neuen Landtag abgestimmt. .
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Ihr wichtigstes Zugpferd konnten die Grünen bei dieser Landtagswahl in Baden-Württemberg nicht mehr ins Rennen schicken. Der scheidende Ministerpräsident Winfried Kretschmann war einer der Hauptgründe für das erfolgreiche Abschneiden der Partei im Ländle in den vergangenen 15 Jahren. Und dennoch gelang den Grünen unter Spitzenkandidat Cem Özdemir im Wahlkampfendspurt die Aufholjagd gegen die CDU.
Özdemir deutlich beliebter als CDU-Mann Hagel
Ein Grund dafür ist Özdemir selbst: Der 60-Jährige schneidet in der Gunst der Wählenden deutlich besser ab als sein CDU-Konkurrent Manuel Hagel, wie eine Befragung der Forschungsgruppe Wahlen unter Wählenden ergab. 47 Prozent der Befragten gaben an, Özdemir lieber als Ministerpräsidenten haben zu wollen. Über Hagel sagten das deutlich weniger (33 Prozent).
Auch bei Sympathie, Glaubwürdigkeit und Sachverstand schneidet Özdemir in der Befragung besser ab als der CDU-Spitzenkandidat, dem nur 13 Prozent „mehr Sachverstand“ bescheinigen als dem Grünen.
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Das Ansehen der Partei ist im Ländle zudem deutlich besser als im Bund und liegt auf Landesebene bei 1,0 (Bund: 0,0) auf einer Skala von -5 bis 5. 55 Prozent der Befragten gaben an, dass die Grünen in Baden-Württemberg für eine andere Politik stehen als im Bund.
Wirtschaft ist das wahlentscheidende Thema
Das zeigt sich auch in den Kompetenzen, die die Wählenden den Parteien zuschreiben. Bei der Bundestagswahl im vergangenen Jahr schrieben nur 6 Prozent der befragten Wählenden den Grünen Kompetenzen im Bereich Wirtschaft zu. Bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg sind es dreimal so viele. Allerdings: Die Grünen haben hier im Vergleich zur Wahl vor fünf Jahren an Rückenwind verloren (2021: 22 Prozent). Und die CDU hat sich von 29 auf 35 Prozent steigern können. Die Union dürfte gerade hier Stimmen zurückgewonnen haben, denn die wirtschaftliche Lage war mit Abstand das wichtigste Thema für die Wählerinnen und Wähler. Die FDP kann bei ihrem Kernthema kaum Vertrauen gewinnen: Nur 4 Prozent schreiben ihr Kompetenzen zu, bei SPD und Linken sind es gerade einmal 2 Prozent.

Cem Özdemir (Bündnis 90/Die Grünen), Spitzenkandidat Landtagswahl Baden-Württemberg, auf der Wahlparty seiner Partei.
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Auch beim zweitwichtigsten Thema Bildung konnte die CDU sich im Vergleich zur vergangenen Landtagswahl verbessern. 2021 hatten sowohl Grüne als auch Union 20 Prozent der Wählenden von ihren Kompetenzen überzeugen können, dieses Mal fällt der Abstand mit 11 Prozentpunkten sehr deutlich aus. Bei Klimaschutz- und Energiefragen bleiben die Grünen dafür unangefochten vorn (54 Prozent).
Wenig überzeugend schneidet die SPD, die wohl nur knapp den Sprung in den Landtag schaffen wird, bei den Parteikompetenzen ab. Bei ihrem Kernthema soziale Gerechtigkeit liegt sie noch hinter der Union und kann sich auch sonst kaum profilieren. Die AfD überzeugt die Befragten nur beim Thema Asyl und Flüchtlinge.
Union gewinnt Wählende über 60 zurück
Besonders eine Wählergruppe bescherte den Grünen vor fünf Jahren den Wahlsieg: die älteren Wählerinnen und Wähler. 2021 gaben 36 Prozent über 60 an, die Grünen gewählt zu haben. Die Grünen hatten sich damit in allen Altersgruppen auf Platz 1 gesetzt. Diesen Erfolg kann die Partei bei dieser Landtagswahl nicht wiederholen und kommt bei den Wählern ü60 nur noch auf 33 Prozent.
Die Union kann in dieser erfahrungsgemäß beteiligungsstarken Gruppe dagegen ganze zehn Prozentpunkte zulegen und liegt nun mit 39 Prozent wieder vor den Grünen. Die AfD schneidet gerade bei den Älteren am schlechtesten ab. Sie hat ihre größte Zustimmung bei den 30- bis 44-Jährigen (24 Prozent). Die Linke fährt bei den jungen Wählenden unter 30 ihr bestes Ergebnis ein (12 Prozent). Betrachtet man nur die 16- bis 24-Jährigen, kommt die Partei sogar auf 14 Prozent, bleibt aber vor allem in der Generation ü60 schwach.
Bei den Frauen verlieren die Grünen deutlicher an Zustimmung als bei den Männern. 2021 wählten noch 37 Prozent der Wählerinnen die Partei (Männer: 30 Prozent), bei dieser Landtagswahl sind es noch 34 Prozent (Männer: 29 Prozent). Die CDU kann dagegen bei den Männern deutlicher hinzugewinnen (2021: 23 Prozent, 2026: 31 Prozent). Die AfD holt geschlechterübergreifend deutlich mehr Stimmen.
CDU holt in allen Bildungsgruppen auf
Die Partei um Cem Özdemir kann insbesondere bei den Gruppen mit höherem Bildungsabschluss mehr Wählende für sich gewinnen. Bei den Befragten mit Hochschulabschluss holt sie mit 45 Prozent nahezu die absolute Mehrheit und übertrifft ihr Ergebnis von 2021 noch um 5 Punkte. Die Union allerdings holt in allen Bildungsgruppen auf, bei den Wählenden mit Hauptschulabschluss und mittlerer Reife kommt sie auf mehr als 30 Prozent. In diesen beiden Gruppen ist auch die AfD am stärksten, während Studierte ihr wenig Vertrauen entgegenbringen.
Deutlich weniger Stimmen als im Gesamtergebnis kann die Partei auch bei den Beamtinnen und Beamten holen (9 Prozent). Bei den Arbeitern liegt sie dagegen mit der Union gleichauf bei 30 Prozent der Stimmen. Die Arbeiterpartei SPD bleibt in dieser Berufsgruppe dagegen nur der vierte Rang. Gerade einmal 7 Prozent stimmten für die Sozialdemokraten.
Auch wenn die Grünen bei den Beamten mit 45 Prozent Stimmenanteil dominieren, kann die Union gerade hier deutlich um 10 Punkte auf 34 Prozent zulegen. Bei den Selbstständigen verlieren die Grünen ihren Spitzenplatz vor der Union, die hier von 22 auf 37 Prozent im Vergleich zur letzten Landtagswahl zulegen kann.
Die FDP kommt bei den Selbstständigen auf ihr bestes Ergebnis mit 7 Prozent, allerdings sticht die Partei sonst kaum heraus und wird – wie die Linke – wohl nicht in den neuen Landtag einziehen.

