NRWs neue ABC-Klassen zielen ab 2028 auf faire Startchancen. Skepsis herrscht bezüglich der Ressourcen für diese Bildungsreform.
ABC-KlassenNRW führt verpflichtende Sprachförderung vor Einschulung ein

Die vorschulische Sprachförderung soll in NRW reformiert werden (Symbolbild).
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Die Landesregierung führt eine verpflichtende Sprachförderung noch vor der Grundschule ein. Kinder mit mangelhaften Sprachkompetenzen müssen ab dem Schuljahr 2028/2029 vor ihrer Einschulung sogenannte ABC-Klassen besuchen. Ministerpräsident Hendrik Wüst und NRW-Schulministerin Dorothee Feller (beide CDU) stellten ihr Konzept am Dienstag in Düsseldorf vor. Lehrerverbände begrüßen den Ansatz, zweifeln aber an der Umsetzung.
Laut der jüngsten Schuleingangsuntersuchung reichen bei einem Drittel der Schüler die Deutschkenntnisse nicht aus, um aktiv am Unterricht teilzunehmen. „Zu viele Kinder bringen nicht alles mit, was für einen erfolgreichen Start in der Schule erforderlich ist, und benötigen deshalb vorab eine gezielte Vorbereitung auf den Schulstart“, erklärt Feller. Mit den neugegründeten ABC-Klassen sollen „alle Kinder beim Schulstart faire Chancen auf einen erfolgreichen Bildungsweg bekommen“.
Schulträger verantwortlich für ABC-Klassen
Die Schulanmeldung wird ab 2028 von Herbst auf Frühjahr vorgezogen. Dabei sollen Kinder künftig in einem landesweit einheitlichen Verfahren auf ihre Deutschkenntnisse geprüft werden. Sind diese mangelhaft, müssen Kinder, die im Folgejahr schulpflichtig werden, verpflichtend zweimal wöchentlich für je zwei Stunden in eine ABC-Klasse. Diese sollen landesweit bis zu 50.000 Kinder besuchen.
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Die ABC-Klassen liegen in schulischer Verantwortung, was bedeutet: Die Kinder werden von Grundschullehrern und Sozialpädagogen unterrichtet. Der Unterricht kann in einer öffentlichen Schule, an einer Kita oder an einem anderen Ort stattfinden, den ein Schulträger zur Verfügung stellt. Eltern sind für die regelmäßige Teilnahme ihrer Kinder verantwortlich. Bei Kindern, die eine Kita besuchen, organisiert der Schulträger die Beförderung zwischen Unterrichtsort und Kita. Bei Kindern, die keine Kita besuchen, erstattet der Träger die Fahrtkosten für die wirtschaftlichste Beförderung.
Diese Maßnahme ergänzt die Landesregierung durch die Förderung „ABC Plus“: Noch vor der Einschulung können Schulleiter künftig entscheiden, ob ein Kind die Schuleingangsphase in drei statt bisher zwei Jahren durchläuft.
Der Ministerpräsident betonte, ohne ausreichende Sprachkompetenz ende Bildung für viele Kinder, bevor sie wirklich begonnen habe. „Mit dieser bildungspolitischen Reform sorgt die Landesregierung für einen besseren Schulstart, bessere Bildungschancen und bessere Schulkarrieren“, so Wüst. „Damit Schulbildung ab dem ersten Tag ankommt, unabhängig vom Elternhaus.“
Lehrermangel könnte Umsetzung schwierig machen
Die Stadt Köln begrüßt den Ansatz, Kinder frühzeitig zu fördern. Gleichzeitig sei sie als Schulträger gleich mehrfach gefordert. „Zum Beispiel bei der Beförderung der Kinder, bei Raumbedarfen, bei der Ausstattung mit digitalen Endgeräten und Lehrmitteln.“ Wie in vielen Kommunen sind auch in Köln an vielen Grundschulen die Räume knapp.
Deutlich kritischer zeigte sich SPD-Fraktionschef Jochen Ott: Er bezeichnete die ABC-Klassen als „schlechte Kopie“ eines verbindlichen Chancenjahres, das die SPD fordert. „Der Ansatz verengt sich nahezu ausschließlich auf Sprachförderung und blendet den gesamten Entwicklungsstand der Kinder aus“, bemängelt Ott. Studien hätten gezeigt, dass besonders alltagsintegrierte Sprachbildung die Entwicklung der Kinder unterstütze. „Anstatt neue Parallelstrukturen aufzubauen, müssten Kitas als zentrale Lernorte gestärkt und die Expertise der Erzieherinnen und Erzieher endlich anerkannt und wertgeschätzt werden.“
Die Lehrerverbände reagierten am Dienstag eher zurückhaltend. Die Gewerkschaft Bildung und Erziehung (GEW) begrüßt „ausdrücklich das Ziel, Sprachförderung verbindlich und frühzeitig zu verankern“, schreibt sie in einer Mitteilung. Angesichts der Herausforderungen wie Ganztag und Lehrermangel stelle sich aber die Frage, wer sich um die ABC-Klassen kümmern soll, ohne dass an anderer Stelle Unterricht ausfällt. Ähnliche Sorgen äußerte der Verband Bildung und Erziehung (VBE) NRW: „Schon heute fehlen an vielen Grundschulen sowohl Lehrkräfte als auch sozialpädagogische Fachkräfte“, sagt die Vorsitzende Anne Deimel.

